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Das Buch erhielt ein neues Cover, wurde gründlich überarbeitet und mit zwei weiteren Kapiteln versehen. Es ist nun  auch als Taschenbuch erhältlich.             ISBN 9781095660676

In die Geschehnisse um die Hauptperson sind Kurzgeschichten eingebettet über neue und alte, machmal kurzfristige Wegbegleiter. Die Kurzgeschichten sind gesondert unterstrichen zur besseren Übersicht. Ein Experiment.

 

Das neue Leben

Sabia Cortez-Quintero, wie sich die Frau seit der Trennung von ihrem verflixten Noch-Ehemann wieder nennt, stürmt aus dem Juwelierladen. Es ist bereits der fünfte, aber auch endlich der letzte, den sie seit dem frühen Morgen angesteuert hat. So schwierig hatte sie sich das nicht vorgestellt. Aber nicht nur die Tatsache, weit hinter dem Zeitplan zurück zu liegen lässt es wie eine Flucht aussehen. Vielmehr treibt sie die Scham über das, was sie eben getan hatte, den Ort ihrer Schande schnellst möglich hinter sich zu lassen.

Nun ist wirklich nichts mehr übrig, das sie noch verkaufen könnte. Eigentlich hatte sie das Versprechen gegeben, die Erbstücke ihrer Patentante in Ehren zu halten. Nun würden sie eingeschmolzen werden. Aber es fehlte noch so Vieles in der kleinen Dreizimmerwohnung. Vor allem benötigt Sabia endlich ein Bettsofa und einen Schrank für ihr Wohn-/Schlafzimmer, in dem bisher nur eine Matratze, die auf Dauer den Rücken ruinierte, ein alter Teppich mit ausgeblichenem Blumenmuster und ein kleiner Fernseher auf einer Holzkiste vorhanden sind.

Als Erstes hat sie nach dem überstürzten Umzug die Zimmer für die beiden Kinder eingerichtet. Dafür und für die Kaution sowie die ersten Mieten musste das Auto dran glauben. Anschließend wurden Möbel und Geräte für die kleine Essküche angeschafft. Das kostete sie die Designerkleider und ihre sündhaften teuren Schuhe, die sie nun auch nicht mehr braucht. Um all das tut es ihr kein bisschen leid. Aber nun die Schmuckstücke zu verschleudern, das hat schon geschmerzt. Wenigstens konnte sie zu guter Letzt noch einen recht guten Preis dafür aushandeln. Bei umsichtiger Planung der nächsten Käufe könnte sie vielleicht noch etwas zurücklegen.

Sabias Schritte werden länger und noch schneller. Es ist schon nach Mittag und sie muss sich unbedingt noch auf ihren ersten Unterricht am Abend vorbereiten. Nun ist doch dieser Zustand des Gehetztseins eingetreten, der sie immer panisch werden lässt und den sie deshalb unbedingt hatte vermeiden wollen. Mann, es war alles so gut geplant: ganz früh am Morgen den Schmuck verkaufen, dann noch schnell auf den Markt, anschließend direkt nach Hause und kochen, den ganzen Nachmittag freie Zeit für die Vorbereitung. Die hatte sie nutzen wollen zur Entwicklung eines kleinen Vortrages, der das Eis brechen und nicht zuletzt ihre Nervosität überdecken sollte an ihrem Einführungstag an der Volkshochschule.Zwar sagt der Kopf, dass ihre Angst völlig überzogen ist, aber der Magen signalisiert etwas anderes. Er zittert und dreht sich. Außerdem muss sie ja auch noch eine Liste erstellen, auf der die Kursteilnehmer ihre Namen, ihre Vorkenntnisse und die Erwartungen an den Kurs aufschreiben sollen. Oh Gott, hoffentlich hat sie nichts Wichtiges vergessen! Da fehlt sicher wieder was!

Während sie um die nächste Häuserecke rauscht, wird sie unsanft gebremst und verliert für einen Moment den Halt. Sie ist mit jemandem zusammen gestoßen. Sabia flucht vor sich hin, hält sich die schmerzende Schulter und will gerade losschimpfen. Doch als sie aufschaut, sieht sie in das das Gesicht einer Nachbarin aus besseren Tagen, Uta von gegenüber – damals. Sie gehörte zu dem Freundeskreis von vier Ehepaaren in der Vorstadtsiedlung, die Sabia zusammen mit Mann und den beiden Kindern Carlos und Inès in einem früheren Leben bewohnt und dann zwangsweise hinter sich gelassen hatte – sowohl die Siedlung als auch die Freunde. Zu groß war ihre Demütigung gewesen, zu tief der Sturz, um sich später noch einmal dort zu melden.

All das scheint in diesem Moment nebensächlich. Erfreut, nach einem kurzen Zögern, schauen sich die beiden Frauen in die Augen und umarmen sich. Sabia hat Uta und deren Mann Kai immer besonders gerne gemocht. Deshalb verdrängt sie ihre Zeitknappheit und beginnt, noch ein wenig unbeholfen, eine Unterhaltung.

„Hallo Uta! Wir haben uns ja lange nicht mehr gesehen.“

Uta lacht laut, ergreift Sabias Arm und geht langsam weiter.

„Manches Wiedersehen ist schmerzlich! Wir haben dich vermisst. Wie geht es dir mittlerweile? Was machst du so? Uns hat es wirklich sehr leid getan, wie alles gelaufen ist – vor allem für dich.“

„Ach mir geht es eigentlich ganz gut inzwischen. Ich baue langsam wieder auf und habe auch seit kurzem einen Job, der erweiterungsfähig sein könnte. Das Wohnen mit zwei Halbwüchsigen ist halt wahnsinnig beengt und die beiden mussten ihre Ansprüche ganz schön runterschrauben. Leider behauptet Oliver, von unserem Kapital sei nichts mehr da. Deshalb musste ich alles zu Geld machen, was ich nicht unbedingt brauchte. Aber lass uns doch hier nebenan einen Kaffee trinken und erzähl mir mal, welche Informationen in unserer Straße so die Runde machen. Ach, ich freu mich so, dass wir uns getroffen haben!“

„Beziehungsweise, dass wir aufeinandergestoßen sind! Also Eins kann ich dir gleich sagen. Wir Nachbarn waren alle auf deiner Seite. Nur hatten wir ja gar keine Gelegenheit mehr, es dir zu sagen. Oliver hat sich auch nicht mehr blicken lassen, bei keinem von uns. Er hätte aber auch keinen leichten Stand gehabt. So von heute auf morgen mit der Sekretärin abzuhauen und euch das Haus über dem Kopf weg zu verkaufen! Irgendjemand hat Kai erzählt, das sei von langer Hand geplant gewesen. Kein Wunder, dass du einen Nervenzusammenbruch hattest. Als du monatelang in der Klinik warst, durfte dich niemand von uns besuchen. Wir hatten mehrmals nachgefragt. Aber du siehst gut und ganz zufrieden aus. Wo wohnst du denn jetzt und wie haben die Kinder das alles verkraftet?“

Mittlerweile haben die beiden Frauen das kleine Kaffeehaus erreicht, in dem noch nicht viel Betrieb ist. Sie wählen eine gemütliche Polsterecke aus, wo sie sich völlig ungestört weiter unterhalten können. Die Zeit spielt in diesem Moment für Sabia keine Rolle mehr. Ihre Gedanken haben aufgehört, sich um den kommenden Abend und ihren Auftritt zu drehen.

„Wir haben eine kleine Dreizimmerwohnung am Tituspark, geht schon irgendwie. Inès und Carlos haben sich einigermaßen gefangen und finden sich auch langsam in der neuen Schule zurecht. Das hab ich auch meiner Mutter zu verdanken, die sich um die beiden gekümmert hat, als ich in der Klinik war. Auch danach haben wir erst einmal zusammen bei ihr wohnen können. Inès war im Gästezimmer einquartiert worden, Carlos hatte den hergerichteten Hobbykeller zur Verfügung und ich schlief im winzigen ehemaligen Büro meines Vaters auf einer Liege. Wenn es Stress gab – und den gab es oft zu Anfang – hat sie sich intensiv um die Kinder gekümmert und viele Gespräche mit ihnen geführt. Damit hat meine Mutter mich wirklich sehr unterstützt. Das hat auch ihr wohl ganz gut getan. Endlich hatte sie wieder eine Aufgabe. Nach dem Tod meines Vaters ist sie in ein tiefes Loch gefallen. Sie hat auch diese Wohnung für uns gefunden und mir eine Bürgschaft ausgestellt. Sonst wär das nichts geworden. Aber um ganz ehrlich zu sein, an manchen Tagen bin ich für die Kinder immer noch an allem schuld. Aber wir können jetzt wenigstens offen darüber reden. Es belastet sie halt, dass wir uns jetzt nichts mehr leisten können. Du weißt ja, wie sehr Oliver sie verwöhnt hat. Und jetzt kommt gar nichts mehr. Damit sie in der Schule nicht verspottet werden, hab ich von meinen Verkäufen erst einmal für die Kids eingekauft und meine Bedürfnisse ganz zurückgestellt.“

„Besucht Oliver sie denn gar nicht?“

„Nicht einmal in den vergangenen Monaten. Er hat ja so viel zu tun und die Kinder interessieren ihn derzeit einfach nicht. Aber das kann ich ihnen doch nicht sagen. Sie sind schon verletzt genug. So landet aller Unmut auf mir, bin ich diejenige, die ständig Stress gemacht und ihn vertrieben hat. Manchmal habe ich solch eine Wut, da will dann alles aus mir herausplatzen. Vielleicht kann ich ihnen später einmal alles erzählen…

Nachlese

Viele kleine Lampions, die in den Nachthimmel stiegen. Der Moment, als ihr Chef den Schlüssel zur ersten gemeinsamen Wohnung überreichte. Die Hochzeitsreise nach Teneriffa, auf der sie Zukunftspläne schmiedeten und sowohl die Tage als auch die Nächte miteinander genossen. Glückliche Monate in ihrer süßen Terrassenwohnung in Talamanca mit dem Blick auf die Weiße Stadt. Das war doch alles echt gewesen. Oder hätte sie bereits damals etwas vorausahnen können? Gab es Vorzeichen? Sabia kann auch im Rückblick nichts Auffälliges oder besorgniserregende Verhaltensweisen entdecken…

 – Immer weiter laufen die Bilder in moderatem Schnelldurchlauf. Der Besuch von Olivers älterem Freund Holger, der mit einem verlockenden Angebot kam. Holger hatte einen guten Posten bei der Deutschen Bank gekündigt und sich kürzlich als Finanzberater in Deutschland selbständig gemacht. Dank seiner noch bestehenden Kontakte hatte er bereits beträchtliche Summen damit verdient. Nun sollte Oliver sein Partner werden. Sabia sollte als Übersetzerin und Bürokraft angestellt werden. Sie erinnerte sich genau an die euphorische, elektrisierende Stimmung an diesem Abend, das Gefühl, als ginge es von nun an nur noch steil bergauf. Natürlich hatten sie zugesagt.

Der Umzug nach Deutschland, die Freude der Eltern darüber, dass sie nun ganz in der Nähe wohnten. Erst einmal hatte Sabia allerdings ohne Arbeitsvertrag gearbeitet. Schließlich war das Geschäft noch im Aufbau und Oliver hatte noch einige Fortbildungen zu bezahlen. Lange Abende, an denen sie sich am Esstisch gegenüber saßen und gemeinsam arbeiteten. Erste größere Zahlungseingänge, die gefeiert wurden. Kurz darauf der Kauf ihres ersten Hauses. Es war ein pfirsichfarbenes Reiheneckhaus mit recht großem Garten, vier Zimmern, zwei Bädern, einer Wohnküche und Hauswirtschaftsraum gewesen. Endlich ein separater Raum als Büro. Und ein Kinderzimmer, denn Sabia war zum ersten Mal schwanger. Sabia hatte sich dort sehr wohl gefühlt.

Olivers Ohnmacht bei der Geburt und sein strahlendes Gesicht, als er die kleine, zarte Inès im Arm hielt. Glückliche Jahre, in denen sie ihre quirlige Tochter beim Wachsen und Entdecken beobachten durften. Sabia arbeitete weiter für die immer erfolgreichere Firma von zu Hause aus, schließlich war ihre tatkräftige Unterstützung für Oliver unentbehrlich. Wenn auch noch immer ohne Arbeitsvertrag…

Das zweite Kind kündigte sich an, weitere Veränderungen schienen notwendig. Um näher an betuchten Kunden zu sein, wurde ein Umzug ins Umland von Frankfurt geplant. Das große Haus, das Oliver dort in einer Vorstadtsiedlung gefunden hatte, war um ein Vielfaches luxuriöser als ihr Reihenhäuschen. Es gab sogar einen eigenen Trakt mit Büro und Konferenzraum. Tolles Haus, nette Nachbarn, alles gut soweit…

 

 –  War Oliver zu Hause, kümmerte er sich liebevoll um die Kinder und manchmal auch um sie. Diese Zeiten wurden jedoch zusehends seltener. Dennoch fühlte Sabia sich glücklich. Es gab wundervolle Feste und immer Hilfe unter den Nachbarn, die Kinder entwickelten sich prächtig und waren gesund. Sabia fand immer noch die Zeit, Oliver bei seiner Arbeit zu unterstützen. Die Buchhaltung war mittlerweile ausgelagert, weil sie zu umfangreich geworden war. Sabia fühlte sich dennoch als Teil des Geschäfts. Es gab Gespräche über neue Kunden und auch bei ärgerlichen Ereignissen bezog Oliver sie mit ein. Bei geschäftlichen Einladungen legte er Wert auf ihre Anwesenheit und von ihr selbst ausgerichtete Veranstaltungen waren immer ein voller Erfolg. Manchmal saß sie mit ihrem Mann zusammen bei schöner Musik und sie trafen gemeinsame Entscheidungen bezüglich ihrer eigenen Geldanlagen. Diese Momente entschädigten sie für viele einsame Stunden. Wann nur war sie abgekoppelt worden und aufs Abstellgleis geraten?

Um das zu ergründen, musste sie wohl den Film der Erinnerungen langsamer ablaufen lassen und die jüngere Vergangenheit genauer betrachten. Vor einem Jahr, einem Monate und 2 Tagen hatte sich offenbart bzw. war explodiert, was schon länger von unter der Oberfläche geschwelt und sich angestaut hatte. Der Ausbruch hatte das Ende des bisherigen Lebens bedeutet, die Vernichtung der Zukunft und sämtlicher Träume – jedenfalls für Sabia. Sie war nichts mehr und hatte nichts mehr. Selbst mit Abstand betrachtet erschien die Situation absurd. Als ob ein einziges Fingerschnippen die Welt um sie herum vollständig hätte in Rauch aufgehen lassen.

Einen Tag zuvor noch schien Sabias größtes Problem lediglich das Verhalten zweier heftig Pubertierender zu sein. Diese Tatsache hatte die Folgen der kommenden Ereignisse noch verschärft. Zu jener Zeit war Inès 14 Jahre alt und Carlos gerade 16 geworden. Bisweilen bremsten Sabia auch öfter mal Magenschmerzen aus sowie ein Gefühl von innerer Müdigkeit und Motivationsmangel. Eigentlich war sie bis auf ein paar kleine Einschränkungen ganz zufrieden gewesen. Sie wohnte in einem großzügigen, nach ihren eigenen Vorstellungen eingerichteten Vorstadthaus mit einem wunderschön angelegten, verwunschenen Garten. Es hatte wirklich an nichts gefehlt. Die Nachbarschaft war aufgeschlossen und hilfsbereit gewesen, mit einigen der Nachbarn hatten sich im Lauf der Jahre Freundschaften entwickelt.

Ihre Ehe hätte Sabia damals als durchaus funktionierend und zufriedenstellend bezeichnet, auch wenn Oliver aufgrund seiner gestiegenen Arbeitsbelastung nur noch wenig Zeit für die Familie hatte. Das war nicht schön, jedoch zwangsläufig bei seiner Position. Zumindest hatte sie das zu jener Zeit so bewertet. Geldsorgen hatten sie nicht, und wenn es gelegentlich zu Streitereien gekommen war, dann meistens wegen der Erziehung der schwieriger werdenden Kinder. Die beiden befanden sich gerade in einer Phase, in der Schule nervt, die Bäder ständig besetzt sind, jede Form von Mitarbeit im Haushalt mit dem Hinweis auf Versklavung stundenlang durchdiskutiert und jegliche Erziehungsmaßnahme oder Nachfrage wütend als Eingriff in die Privatsphäre angeprangert wird. Das auszuhalten war anstrengend, oft auch frustrierend, würde aber bekanntermaßen irgendwann der Vergangenheit angehören.

In mancher ruhigen Stunde hatte Sabia schon manchmal die Zweisamkeit der ersten Jahre vermisst, als trotz des vielen Arbeitens eher Freude und Gelassenheit denn Anspannung vorherrschten und tiefe Verbundenheit zwischen ihnen beiden spürbar gewesen war. Manchmal hatte sie Oliver gefragt, ob sie nicht mal wieder nur zu zweit etwas unternehmen könnten, er aber hatte zu ihrer Enttäuschung dann meistens nur über seine Dauerbelastung geklagt und sie auf ruhigere Zeiten vertröstet…

 

Die Gruppe

Endlich hält der Bus an Sabias Ziel. Langsam hatte sich zum Ende der Fahrt steigende Ungeduld gemeldet. Vielleicht sollte sie Musik oder Hörbücher auf ihr Handy laden und sich angewöhnen, während der vielen Fahrten, die ihr noch bevorstanden, damit eine Ablenkung von blöden, unerwünschten Gedanken zu finden. Auf dem Weg durch die lange Pappelallee, die zu der alten Stadtvilla der Therapeutin führt, begegnet sie Ruth, einer Patientin, die schon lange an den Gruppensitzungen teilnimmt. Sie sieht erholt aus. Die dunklen Ränder unter den Augen sind verschwunden. Etwas hat sich verändert, sich zum Guten gewendet.

Sabia weiß, dass Ruth seit vielen Jahren unter zunehmenden Panikattacken und Platzangst leidet, die nach ihren Erzählungen durch Kindheitserlebnisse entstanden sind. Der Vater hatte sie öfter für Stunden in einen Keller gesperrt und Ruth suchte wohl seither eine Antwort auf die Frage nach den Gründen hierfür. Auf der einen Seite, so ihre Schilderungen, war er ein sehr fürsorglicher und unterstützender Vater, um dann manchmal ganz plötzlich und für das Mädchen völlig unerwartet schreckliche Anfälle von Jähzorn zu entwickeln. Die ständige Unsicherheit und Angst vor dem nächsten Ausbruch unermesslichen Zorns hatten dazu geführt, dass sie auch als erwachsene Frau keinerlei Vertrauen in die Verlässlichkeit von Menschen oder auch Umständen hatte entwickeln können. Wiederholt hatte sie ihre Arbeitsstellen nach kurzer Zeit wieder gekündigt, worüber sie selbst sehr unglücklich war. Ganz gleich, welche Entscheidungen sie auch traf, immer zweifelte sie an deren Richtigkeit…

 

Besonders gespannt war Sabia auf Entwicklungen bei Janina, diesem zarten bleichen Geschöpf, das in seiner bleiernen, ewigen Traurigkeit festzusitzen schien und aus eigener Kraft nicht herausfinden konnte, es eigentlich auch nicht wollte. Wenn sie erzählte, dass sie einmal ein fröhliches, wildes Kind gewesen war, mochte man das kaum glauben. Selbst während dieser Schilderungen hellte sich ihr Gesichtsausdruck niemals auf. Immer ganz aufrecht saß sie da, den Blick in die Ferne gerichtet, die Hände artig im Schoß gefaltet. Und stets trug sie schlichte weiße, eher kindliche Kleidung ohne jegliche Raffungen und Rüschen.

In ihrer Erinnerung geschah der Wechsel zu ihrer tieftraurigen Natur ganz plötzlich nach dem Lesen einer Geschichte aus einem alten Buch ihrer Urgroßmutter. Konnte das wirklich sein? Das war irgendwie unheimlich. Musste da nicht gleichzeitig etwas anderes geschehen sein zu dieser Zeit? Während der letzten Gruppengespräche hatte Sabia gehofft, es möge für Janina eine Auflösung geben, sich ein anderes, leichter zu entwirrendes Geheimnis offenbaren. Aber das Rätsel blieb bestehen.

Auch die feinsinnige, aufrechte Nora auf ihrer verzweifelten Suche nach einem Weg, das verloren gegangene Vertrauen in ihren Mann und die verschwundene Verbundenheit wiederherzustellen, war Sabia sehr nah…

 

Ruth I 

Kalt war es an jenem Ort und schrecklich dunkel. Der winzige  vergitterte Fensterschlitz ließ kaum Licht in den Keller, die Tür nach draußen war abgeschlossen worden. Wie lange ich dieses Mal auf meine Erlösung würde warten müssen, wusste ich nicht. Schon jetzt dauerte es zu lange, Zeit ist doch so viel größer für ein kleines Kind. Begriff das denn keiner?

Entsetzen schnürte mir die Kehle zu, der Kloß im Hals aus Tränen und Enttäuschung tat weh. Schlimmer war nur die Angst vor den Mäusen unten und den Spinnen oben. So saß ich also zum wiederholten Male auf diesem Kohlehaufen, auf den ich mühsam hinaufgeklettert war. Ich würde nicht weinen, biss die Zähne zusammen, bis der Kiefer knirschte, um nur nicht die Fassung zu verlieren. Ein Gefühl der Scham über meine Situation ließ meinen Kopf glühen.

Wieder einmal war sein Zorn wie ein schweres Unwetter über mich hereingebrochen. Wieder einmal hatte ich es nicht kommen sehen, war nicht im Geringsten darauf vorbereitet gewesen und musste das Kommende reglos und sprachlos über mich ergehen lassen. Wenn ich es doch wenigstens hätte verstehen können. Aber wie konnte ich denn etwas begreifen, das  völlig absurd war und so gar nicht zu unserem gewöhnlichen Zusammenleben passte?

Denn eins müsst Ihr wissen: Ich war ein geliebtes Kind, ein heiß ersehntes Kind. Und obwohl ich kein Junge geworden war, nahm mein Vater mich an in all meinem ungestümen Wesen und Tun, unterstützte und bestärkte mich in Allem, was ich logisch erklären konnte. Wir hatten meist so viel Spaß miteinander, war uns doch dieselbe Art von Humor gemein…

 

Janina

In der großen Wohnküche des alten Bauernhauses, gleich links neben dem Kohleherd, führte eine Tür in die geheimnisvolle Traumwelt meiner Kindheit. Dort befanden sich die Räume meiner Urgroßmutter, in denen sie ihre Schätze aufbewahrte und die wir niemals alleine betraten. An regenreichen Nachmittagen und häufiger noch während des Winters, wenn die Feldarbeit ruhte und die Männer sich am liebsten mit der Reparatur und Pflege der Arbeitsgeräte beschäftigten, nahm sie uns Kinder mit hinein in ihr Reich und las uns vor.

Ich erinnere mich noch immer sehnsuchtsvoll an mein Lieblingsbuch, das zusammen mit vielen anderen in der geschnitzten Holzvitrine stand. Dick und sehr schwer fühlte es sich an, wenn ich es aus dem Schrank holen durfte.

Die erste Seite zierte ein wundervolles Bild aus alten Zeiten, das von einem rot-grün-goldenem Schmuckrand eingerahmt war. Es zeigte einen braun gelockten Mann, dessen Gesicht und Gestalt seltsame Trauer und starkes Mitleid in mir hervorriefen. Einsam auf einem Stein sitzend, wobei das edle grüne Gewand diesen fast vollständig bedeckte, das Schwert gegen ein Knie gelehnt,  sah er auf ein Blatt Papier herab, welches er in der einen Hand hielt. Der gekrönte Kopf schien schwer auf der anderen Hand zu lasten. Irgendetwas auf diesem Papier schien ihn zu bekümmern. Zwei Wappen mit je einem Vogel im viel zu kleinen Käfig befanden sich an den oberen Seiten. Das sei ein Minnesänger mit Namen “Walther von der Vogelweide“, erklärte meine Großmutter.

Eine ganze Seite zu Beginn jeder einzelnen Geschichte  war  dem Anfangsbuchstaben gewidmet, der kunstvoll geschwungen sich präsentierte und in welchen Bilder kleiner Szenen aus dem Inhalt eingearbeitet waren. Vor allem eine Erzählung, durch die mir zum ersten Mal bewusst wurde, dass mein bisher sorgenfreies Kinderleben keine Selbstverständlichkeit war, blieb mir in der Erinnerung:

Ein kleines Mädchen, zart und scheu, lebte mit den Eltern und vielen wilden Geschwistern in einer winzigen, ärmlichen Hütte fernab des Dorfes. Der Vater arbeitete bis zur Erschöpfung und dennoch reichte es nur für das Nötigste. So oft es ging lief das Kind alleine über die Felder und hing schweren Gedanken nach.

Eines Tages fand sie unter einem Baum einen verletzten Raben. Behutsam wickelte sie ihn in ihr Halstuch und nahm ihn mit nach Hause, wo sie ihn vorsorglich im Schuppen versteckte, wohl wissend, dass der Vater diesen Gast nicht dulden würde. Täglich brachte sie dem Vogel heimlich etwas zu essen und zu trinken und sprach mit ihm über ihre Sorgen und Nöte. Langsam erholte sich der Rabe und wurde immer zutraulicher. Er war ihr einziger Freund und das Mädchen fühlte sich zum ersten Mal in seinem Leben glücklich.

Plötzlich war alles vorbei. Der Vater hatte den Raben entdeckt und war sehr zornig darüber, dass von dem Wenigen, das sie für sich hatten, ein dummer Vogel mit durchgefüttert wurde. Er packte das Tier mit seinen großen Arbeitshänden und brachte es sofort weg, ohne auch nur ein einziges Wort zu sprechen. Was genau er mit ihm getan hatte, wusste das Mädchen nicht, wohl aber, dass sie ihren Raben niemals mehr wiedersehen würde.

Von diesem Moment an fiel sie in einen so tiefen Kummer, den niemand mehr durchdringen konnte, dass sie aufhörte zu essen. Man hatte ihr das Liebste genommen. So wurde sie von Tag zu Tag  weniger, bis sie schließlich ihren letzten Atemzug tat.

Ich liebte diese Geschichte mehr als alle anderen, obwohl oder gerade weil sie so traurig war…