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Das neue Leben

Sabia Cortez-Quintero, wie sich die Frau seit der Trennung von ihrem verflixten Noch-Ehemann wieder nennt, stürmt aus dem Juwelierladen. Es ist bereits der fünfte, aber auch endlich der letzte, den sie seit dem frühen Morgen angesteuert hat. So schwierig hatte sie sich das nicht vorgestellt. Aber nicht nur die Tatsache, weit hinter dem Zeitplan zurück zu liegen lässt es wie eine Flucht aussehen. Vielmehr treibt sie die Scham über das, was sie eben getan hatte, den Ort ihrer Schande schnellst möglich hinter sich zu lassen.

Nun ist wirklich nichts mehr übrig, das sie noch verkaufen könnte. Eigentlich hatte sie das Versprechen gegeben, die Erbstücke ihrer Patentante in Ehren zu halten. Nun würden sie eingeschmolzen werden. Aber es fehlte noch so Vieles in der kleinen Dreizimmerwohnung. Vor allem benötigt Sabia endlich ein Bettsofa und einen Schrank für ihr Wohn-/Schlafzimmer, in dem bisher nur eine Matratze, die auf Dauer den Rücken ruinierte, ein alter Teppich mit ausgeblichenem Blumenmuster und ein kleiner Fernseher auf einer Holzkiste vorhanden sind.

Als Erstes hat sie nach dem überstürzten Umzug die Zimmer für die beiden Kinder eingerichtet. Dafür und für die Kaution sowie die ersten Mieten musste das Auto dran glauben. Anschließend wurden Möbel und Geräte für die kleine Essküche angeschafft. Das kostete sie die Designerkleider und ihre sündhaften teuren Schuhe, die sie nun auch nicht mehr braucht. Um all das tut es ihr kein bisschen leid. Aber nun die Schmuckstücke zu verschleudern, das hat schon geschmerzt. Wenigstens konnte sie zu guter Letzt noch einen recht guten Preis dafür aushandeln. Bei umsichtiger Planung der nächsten Käufe könnte sie vielleicht noch etwas zurücklegen.

Sabias Schritte werden länger und noch schneller. Es ist schon nach Mittag und sie muss sich unbedingt noch auf ihren ersten Unterricht am Abend vorbereiten. Nun ist doch dieser Zustand des Gehetztseins eingetreten, der sie immer panisch werden lässt und den sie deshalb unbedingt hatte vermeiden wollen. Mann, es war alles so gut geplant: ganz früh am Morgen den Schmuck verkaufen, dann noch schnell auf den Markt, anschließend direkt nach Hause und kochen, den ganzen Nachmittag freie Zeit für die Vorbereitung. Die hatte sie nutzen wollen zur Entwicklung eines kleinen Vortrages, der das Eis brechen und nicht zuletzt ihre Nervosität überdecken sollte an ihrem Einführungstag an der Volkshochschule. Zwar sagt der Kopf, dass ihre Angst völlig überzogen ist, aber der Magen signalisiert etwas anderes. Er zittert und dreht sich. Außerdem muss sie ja auch noch eine Liste erstellen, auf der die Kursteilnehmer ihre Namen, ihre Vorkenntnisse und die Erwartungen an den Kurs aufschreiben sollen. Oh Gott, hoffentlich hat sie nichts Wichtiges vergessen! Da fehlt sicher wieder was!

Während sie um die nächste Häuserecke rauscht, wird sie unsanft gebremst und verliert für einen Moment den Halt. Sie ist mit jemandem zusammen gestoßen. Sabia flucht vor sich hin, hält sich die schmerzende Schulter und will gerade losschimpfen. Doch als sie aufschaut, sieht sie in das das Gesicht einer Nachbarin aus besseren Tagen, Uta von gegenüber – damals. Sie gehörte zu dem Freundeskreis von vier Ehepaaren in der Vorstadtsiedlung, die Sabia zusammen mit Mann und den beiden Kindern Carlos und Inès in einem früheren Leben bewohnt und dann zwangsweise hinter sich gelassen hatte – sowohl die Siedlung als auch die Freunde. Zu groß war ihre Demütigung gewesen, zu tief der Sturz, um sich später noch einmal dort zu melden.

All das scheint in diesem Moment nebensächlich. Erfreut, nach einem kurzen Zögern, schauen sich die beiden Frauen in die Augen und umarmen sich. Sabia hat Uta und deren Mann Kai immer besonders gerne gemocht. Deshalb verdrängt sie ihre Zeitknappheit und beginnt, noch ein wenig unbeholfen, eine Unterhaltung.

„Hallo Uta! Wir haben uns ja lange nicht mehr gesehen.“

Uta lacht laut, ergreift Sabias Arm und geht langsam weiter.

„Manches Wiedersehen ist schmerzlich! Wir haben dich vermisst. Wie geht es dir mittlerweile? Was machst du so? Uns hat es wirklich sehr leid getan, wie alles gelaufen ist – vor allem für dich.“

„Ach mir geht es eigentlich ganz gut inzwischen. Ich baue langsam wieder auf und habe auch seit kurzem einen Job, der erweiterungsfähig sein könnte. Das Wohnen mit zwei Halbwüchsigen ist halt wahnsinnig beengt und die beiden mussten ihre Ansprüche ganz schön runterschrauben. Leider behauptet Oliver, von unserem Kapital sei nichts mehr da. Deshalb musste ich alles zu Geld machen, was ich nicht unbedingt brauchte. Aber lass uns doch hier nebenan einen Kaffee trinken und erzähl mir mal, welche Informationen in unserer Straße so die Runde machen. Ach, ich freu mich so, dass wir uns getroffen haben!“

„Beziehungsweise, dass wir aufeinandergestoßen sind! Also Eins kann ich dir gleich sagen. Wir Nachbarn waren alle auf deiner Seite. Nur hatten wir ja gar keine Gelegenheit mehr, es dir zu sagen. Oliver hat sich auch nicht mehr blicken lassen, bei keinem von uns. Er hätte aber auch keinen leichten Stand gehabt. So von heute auf morgen mit der Sekretärin abzuhauen und euch das Haus über dem Kopf weg zu verkaufen! Irgendjemand hat Jan erzählt, das sei von langer Hand geplant gewesen. Kein Wunder, dass du einen Nervenzusammenbruch hattest. Als du monatelang in der Klinik warst, durfte dich niemand von uns besuchen. Wir hatten mehrmals nachgefragt. Aber du siehst gut und ganz zufrieden aus. Wo wohnst du denn jetzt und wie haben die Kinder das alles verkraftet?“

Mittlerweile haben die beiden Frauen das kleine Kaffeehaus erreicht, in dem noch nicht viel Betrieb ist. Sie wählen eine gemütliche Polsterecke aus, wo sie sich völlig ungestört weiter unterhalten können. Die Zeit spielt in diesem Moment für Sabia keine Rolle mehr. Ihre Gedanken haben aufgehört, sich um den kommenden Abend und ihren Auftritt zu drehen.

„Wir haben eine kleine Dreizimmerwohnung am Tituspark, geht schon irgendwie. Inès und Carlos haben sich einigermaßen gefangen und finden sich auch langsam in der neuen Schule zurecht. Das hab ich auch meiner Mutter zu verdanken, die sich um die beiden gekümmert hat, als ich in der Klinik war. Auch danach haben wir erst einmal zusammen bei ihr wohnen können. Inès war im Gästezimmer einquartiert worden, Carlos hatte den hergerichteten Hobbykeller zur Verfügung und ich schlief im winzigen ehemaligen Büro meines Vaters auf einer Liege. Wenn es Stress gab – und den gab es oft zu Anfang – hat sie sich intensiv um die Kinder gekümmert und viele Gespräche mit ihnen geführt. Damit hat meine Mutter mich wirklich sehr unterstützt. Das hat auch ihr wohl ganz gut getan. Endlich hatte sie wieder eine Aufgabe. Nach dem Tod meines Vaters ist sie in ein tiefes Loch gefallen. Sie hat auch diese Wohnung für uns gefunden und mir eine Bürgschaft ausgestellt. Sonst wär das nichts geworden. Aber um ganz ehrlich zu sein, an manchen Tagen bin ich für die Kinder immer noch an allem schuld. Aber wir können jetzt wenigstens offen darüber reden. Es belastet sie halt, dass wir uns jetzt nichts mehr leisten können. Du weißt ja, wie sehr Oliver sie verwöhnt hat. Und jetzt kommt gar nichts mehr. Damit sie in der Schule nicht verspottet werden, hab ich von meinen Verkäufen erst einmal für die Kids eingekauft und meine Bedürfnisse ganz zurückgestellt.“

„Besucht Oliver sie denn gar nicht?“

„Nicht einmal in den vergangenen Monaten. Er hat ja so viel zu tun und die Kinder interessieren ihn derzeit einfach nicht. Aber das kann ich ihnen doch nicht sagen. Sie sind schon verletzt genug. So landet aller Unmut auf mir, bin ich diejenige, die ständig Stress gemacht und ihn vertrieben hat. Manchmal habe ich solch eine Wut, da will dann alles aus mir herausplatzen. Vielleicht kann ich ihnen später einmal alles erzählen…….

 

Nachlese

Die Sonne scheint bei überraschend frühlingshaften Temperaturen, als Sabia nach den Sprachkursen das Gebäude der Volkshochschule verlässt. Tinas Besuch schwirrt ihr noch heftig im Kopf herum. Sowohl die schönen Erlebnisse als auch die Gespräche haben Erinnerungen geweckt und Fragen aufgeworfen. Etwas hat sich gelockert, Knoten entwirren sich. Sabia merkt, dass sie zunehmend in der Lage ist, die Zerstörung ihrer Ehe mit einem gewissen Abstand zu betrachten. Lachend denkt sie an den Ausspruch eines Lehrers, der sie alle stets aufforderte, alles von einer „höheren Warte“ aus zu betrachten. Erst heute schien sie zu begreifen, was er damit gemeint hatte. Zu jener Zeit trug er lediglich zur Belustigung der Klasse bei, wenn er diesen Satz wieder einmal mahnend in die Klasse schleuderte.

Sabia beschließt, ihre gute Stimmung nicht in den Wänden einer kleinen Wohnung eintrocknen zu lassen und lieber den schönsten Teil des Heimweges zu Fuß zu gehen. Kraftvoll, so wie sie es am liebsten mag, marschiert sie drauflos. Erst durch den Park, in dem manche Bäume und Sträucher zu vermuten scheinen, es gebe in diesem Jahr keinen Winter und Knospen ansetzen. Anschließend am Fluss entlang. Hier setzt sie sich auf einen verlassenen Anlegesteg und saugt begierig die Sonnenstrahlen auf, während sie die Lastkähne und ein paar Ruderer blinzelnd an sich vorüberziehen lässt. Ihre wahre Aufmerksamkeit ist ganz nach innen gerichtet. Dort erscheinen blitzartig Bilder aus verschiedenen Phasen ihres Lebens, vorzugsweise bisher verdrängte Szenen.

Ihre wunderbare Hochzeit auf demselben Schiff, auf dem sie beide sich kennengelernt hatten. Die strahlenden Gesichter von Eltern und der Großmutter. Viele kleine Lampions, die in den Nachthimmel stiegen. Der Moment, als ihr Chef den Schlüssel zur ersten gemeinsamen Wohnung überreichte. Die Hochzeitsreise nach Teneriffa, auf der sie Zukunftspläne schmiedeten und sowohl die Tage als auch die Nächte miteinander genossen. Glückliche Monate in ihrer süßen Terrassenwohnung in Talamanca mit dem Blick auf die Weiße Stadt. Das war doch alles echt gewesen. Oder hätte sie bereits damals etwas vorausahnen können? Gab es Vorzeichen? Sabia kann auch im Rückblick nichts Auffälliges oder besorgniserregende Verhaltensweisen entdecken.

Immer weiter laufen die Bilder in moderatem Schnelldurchlauf. Der Besuch von Olivers älterem Freund Holger, der mit einem verlockenden Angebot kam. Holger hatte einen guten Posten bei der Deutschen Bank gekündigt und sich kürzlich als Finanzberater in Deutschland selbständig gemacht. Dank seiner noch bestehenden Kontakte hatte er bereits beträchtliche Summen damit verdient. Nun sollte Oliver sein Partner werden. Sabia sollte als Übersetzerin und Bürokraft angestellt werden. Sie erinnerte sich genau an die euphorische, elektrisierende Stimmung an diesem Abend, das Gefühl, als ginge es von nun an nur noch steil bergauf. Natürlich hatten sie zugesagt.

Der Umzug nach Deutschland, die Freude der Eltern darüber, dass sie nun ganz in der Nähe wohnten. Erst einmal hatte Sabia allerdings ohne Arbeitsvertrag gearbeitet. Schließlich war das Geschäft noch im Aufbau und Oliver hatte noch einige Fortbildungen zu bezahlen. Lange Abende, an denen sie sich am Esstisch gegenüber saßen und gemeinsam arbeiteten. Erste größere Zahlungseingänge, die gefeiert wurden. Kurz darauf der Kauf ihres ersten Hauses. Es war ein pfirsichfarbenes Reiheneckhaus mit recht großem Garten, vier Zimmern, zwei Bädern, einer Wohnküche und Hauswirtschaftsraum gewesen. Endlich ein separater Raum als Büro. Und ein Kinderzimmer, denn Sabia war zum ersten Mal schwanger. Sabia hatte sich dort sehr wohl gefühlt.

Olivers Ohnmacht bei der Geburt und sein strahlendes Gesicht, als er die kleine, zarte Inès im Arm hielt. Glückliche Jahre, in denen sie ihre quirlige Tochter beim Wachsen und Entdecken beobachten durften. Sabia arbeitete weiter für die immer erfolgreichere Firma von zu Hause aus, schließlich war ihre tatkräftige Unterstützung für Oliver unentbehrlich. Wenn auch noch immer ohne Arbeitsvertrag.

Das zweite Kind kündigte sich an, weitere Veränderungen schienen notwendig. Um näher an betuchten Kunden zu sein, wurde ein Umzug ins Umland von Frankfurt geplant. Das große Haus, das Oliver dort in einer Vorstadtsiedlung gefunden hatte, war um ein Vielfaches luxuriöser als ihr Reihenhäuschen. Es gab sogar einen eigenen Trakt mit Büro und Konferenzraum. Tolles Haus, nette Nachbarn, alles gut soweit.

Holger stieg aus, hatte ein Weingut in Südafrika gekauft, hatte genug Geld verdient. Oliver war nun öfter außer Haus, um die Kunden zu betreuen, war aber in der Regel an den Wochenenden zu Hause. Sabia erledigte noch immer gerne sämtlichen Schriftverkehr. Dass sie es weiterhin ohne Vertrag tat, fiel ihr gar nicht mehr auf. Warum auch? Sie teilten ja alles und Oliver hatte ein Depot für sie angelegt, dessen Wert beständig anstieg.

Als Carlos geboren wurde, war sie allein im Krankenhaus. Oliver hatte wichtige Termine, Inès wurde von Mutter und Nachbarn versorgt. Aber dafür konnte er ja nichts. Wenn man erfolgreich sein wollte, musste man eben oft auf Privates verzichten. Sabia war trotzdem traurig gewesen und hatte in die Kissen geweint. Besser war da schon der Tag, als Oliver sie und Klein-Carlos zusammen mit Inès heimgeholt hatte. Das ganze Haus war bunt geschmückt, die Nachbarn hatten zusammen mit den angereisten Eltern gekocht und gebacken, um eine schöne Babyparty auszurichten. Ein toller Nachmittag!

War Oliver zu Hause, kümmerte er sich liebevoll um die Kinder und manchmal auch um sie. Diese Zeiten wurden jedoch zusehends seltener. Dennoch fühlte Sabia sich glücklich. Es gab wundervolle Feste und immer Hilfe unter den Nachbarn, die Kinder entwickelten sich prächtig und waren gesund. Sabia fand immer noch die Zeit, Oliver bei seiner Arbeit zu unterstützen. Die Buchhaltung war mittlerweile ausgelagert, weil sie zu umfangreich geworden war. Sabia fühlte sich dennoch als Teil des Geschäfts. Es gab Gespräche über neue Kunden und auch bei ärgerlichen Ereignissen bezog Oliver sie mit ein. Bei geschäftlichen Einladungen legte er Wert auf ihre Anwesenheit und von ihr selbst ausgerichtete Veranstaltungen waren immer ein voller Erfolg. Manchmal saß sie mit ihrem Mann zusammen bei schöner Musik und sie trafen gemeinsame Entscheidungen bezüglich ihrer eigenen Geldanlagen. Diese Momente entschädigten sie für viele einsame Stunden. Wann nur war sie abgekoppelt worden und aufs Abstellgleis geraten?

Um das zu ergründen, musste sie wohl den Film der Erinnerungen langsamer ablaufen lassen und die jüngere Vergangenheit genauer betrachten. Vor einem Jahr, einem Monate und 2 Tagen hatte sich offenbart bzw. war explodiert, was schon länger von unter der Oberfläche geschwelt und sich angestaut hatte. Der Ausbruch hatte das Ende des bisherigen Lebens bedeutet, die Vernichtung der Zukunft und sämtlicher Träume – jedenfalls für Sabia. Sie war nichts mehr und hatte nichts mehr. Selbst mit Abstand betrachtet erschien die Situation absurd. Als ob ein einziges Fingerschnippen die Welt um sie herum vollständig hätte in Rauch aufgehen lassen.

Einen Tag zuvor noch schien Sabias größtes Problem lediglich das Verhalten zweier heftig Pubertierender zu sein. Diese Tatsache hatte die Folgen der kommenden Ereignisse noch verschärft. Zu jener Zeit war Inès 14 Jahre alt und Carlos gerade 16 geworden. Bisweilen bremsten Sabia auch öfter mal Magenschmerzen aus sowie ein Gefühl von innerer Müdigkeit und Motivationsmangel. Eigentlich war sie bis auf ein paar kleine Einschränkungen ganz zufrieden gewesen. Sie wohnte in einem großzügigen, nach ihren eigenen Vorstellungen eingerichteten Vorstadthaus mit einem wunderschön angelegten, verwunschenen Garten. Es hatte wirklich an nichts gefehlt. Die Nachbarschaft war aufgeschlossen und hilfsbereit gewesen, mit einigen der Nachbarn hatten sich im Lauf der Jahre Freundschaften entwickelt.

Ihre Ehe hätte Sabia damals als durchaus funktionierend und zufriedenstellend bezeichnet, auch wenn Oliver aufgrund seiner gestiegenen Arbeitsbelastung nur noch wenig Zeit für die Familie hatte. Das war nicht schön, jedoch zwangsläufig bei seiner Position. Zumindest hatte sie das zu jener Zeit so bewertet. Geldsorgen hatten sie nicht, und wenn es gelegentlich zu Streitereien gekommen war, dann meistens wegen der Erziehung der schwieriger werdenden Kinder. Die beiden befanden sich gerade in einer Phase, in der Schule nervt, die Bäder ständig besetzt sind, jede Form von Mitarbeit im Haushalt mit dem Hinweis auf Versklavung stundenlang durchdiskutiert und jegliche Erziehungsmaßnahme oder Nachfrage wütend als Eingriff in die Privatsphäre angeprangert wird. Das auszuhalten war anstrengend, oft auch frustrierend, würde aber bekanntermaßen irgendwann der Vergangenheit angehören.

In mancher ruhigen Stunde hatte Sabia schon manchmal die Zweisamkeit der ersten Jahre vermisst, als trotz des vielen Arbeitens eher Freude und Gelassenheit denn Anspannung vorherrschten und tiefe Verbundenheit zwischen ihnen beiden spürbar gewesen war. Manchmal hatte sie Oliver gefragt, ob sie nicht mal wieder nur zu zweit etwas unternehmen könnten, er aber hatte zu ihrer Enttäuschung dann meistens nur über seine Dauerbelastung geklagt und sie auf ruhigere Zeiten vertröstet.

Ursprünglich hatten sie ja vorgehabt, nur so lange so intensiv zu arbeiten, bis sie genügend Geld für ein sorgenfreies Leben zusammengetragen hätten. Danach hatten sie ihr Dasein nur noch genießen wollen. Ruhig auch noch etwas arbeiten, aber es sollte nicht mehr der Hauptantrieb in ihrem Leben sein. Ein Boot kaufen und um die Welt schippern stand ganz oben auf ihrer Liste. Während Sabia irgendwann der Ansicht war, dass ihre Ersparnisse bei weitem ausreichten, um den Ausstieg zu wagen, schien Oliver hingegen wie ein Getriebener immer mehr zu wollen. Das sah sie allerdings erst im Rückblick so klar. Damals hatte sie abwechselnd an der Richtigkeit ihrer Überlegungen bzw. ihrer Überzeugungskraft gezweifelt.

Sie hätte viel früher aufmerksam hinsehen sollen. Dann wäre ihr sicher einiges aufgefallen, das in eine ungesunde Richtung lief. Stattdessen hatte sie ihre Sinne durch scheinbar vernünftige Argumente verdunkeln lassen wie zum Beispiel, dass sie sich doch einig waren, zum Aufbau der Firma den größten Teil der Zeit für die Kunden aufwenden zu müssen. Durch wiederholte Hinweise, dass diese Ausrichtung schließlich ihren angenehmen Lebensstandard finanzierte, auf den auch sie sicher nur ungern wieder verzichten werde, waren zweifelnde Gedanken verkümmert………………………….

 

 ………In ihrem Hochgefühl kauft Sabia sich einen dicken bunten Blumenstrauß, den sie mitten auf den Esstisch stellt, bevor sie die blaue Tonform aus dem Schrank holt, die vorbereitete Lasagne darin aufschichtet und in den Ofen schiebt. Beim gemeinsamen Abendessen vertröstet sie eine nicht erfreute, aber dennoch verständige Inès. Die braucht nämlich jetzt langsam wirklich auch mal ein neues Handy. Bevor nicht sicher ist, ob Sabias Vertrag an der Volkshochschule verlängert wird, soll die eiserne Reserve aus dem Schmuckverkauf unangetastet bleiben. Außerdem weiß Sabia noch nicht, wieviel Anwaltskosten noch auf sie zukommen.

Bevor sie sich auf den Weg macht, sieht Sabia noch schnell die Post durch. Eine Benachrichtigung, dass die Schränke von Tina am nächsten Tag geliefert werden und ein Brief ihrer Anwältin. Den steckt sie in ihre Handtasche. Sie kann ihn im Bus lesen. Schlechte oder gute Neuigkeiten? Ein dicker Brief. Sabia drückt und faltet, dreht ihn mehrmals zwischen den Fingern. Dabei überlegt sie, was wohl darin stehen könnte. Bevor sie alle Möglichkeiten durchgespielt hat, öffnet sie schließlich den zerknitterten Umschlag. Sie liest, hält inne, liest erneut, wird blass, schnappt nach Luft. Das ist ja ungeheuerlich! Hannah von Chur hatte offensichtlich all ihre Kontakte spielen lassen und einiges ans Licht gebracht.

Der dicke Audi, mit dem Oliver zum ersten Termin erschienen ist, war kein Mietwagen, sondern sein Eigentum. Neuwert 120.000,-€ ! Zumindest hat er ihn bezahlt. Bereits Monate vor der Trennung hat er Wertpapiere an eine spanische Immobilienfirma übertragen, deren Geschäftsführer mit Zeichnungsvollmacht er ist. Sein Monatsgehalt beträgt allerdings nur magere 2.500,- €. Inhaber ist Gerd Liebermann, der frühere Nachbar und Auswanderer nach Mallorca. Und Frau Lenau, die nette Sekretärin, die Sabia so bereitwillig die Arbeit abgenommen hatte, ist zweite Geschäftsführerin. Sie besitzt eine Eigentumswohnung, deren Preis von 550.000,- € Oliver evtl. über einen Mittelsmann bezahlt hat. Nee, nee, das war kein Mittelsmann Das ist genau die Summe, für die Oliver ihr eine Rückforderung von einem früheren Kunden vorgelegt hatte. Diesem gehört – was für ein Zufall – die Apartmentanlage. Auf dem Türschild stehen beide Namen.

Im letzten Satz schreibt die Anwältin, man könne nun dem nächsten Termin mit viel Zuversicht entgegen sehen. Diese Zuversicht oder gar Freude stellt sich bei Sabia erst einmal gar nicht ein. Sie kämpft mit den Tränen, rechnet im Kopf die Summen zusammen. Alles noch viel schlimmer als vermutet, der Verrat noch heftiger. An ihr und auch an den beiden Kindern. Deshalb also hatte Oliver, kurz bevor seine Geschäftsreisen nach Spanien begannen, sie durch seine Sekretärin ersetzen lassen. Auch für den Einsatz für eine Lehrerstelle waren wohl seine neuen Pläne ausschlaggebend gewesen. Sabia hatte noch gefragt, ob sie nicht noch diese Aufgabe übernehmen und mitkommen könnte, sozusagen als Abschlussarbeit. Aber ihr Mann hatte es ja für unverantwortlich erklärt, die beiden pubertierenden Kinder sich selbst zu überlassen. Und für ihre Mutter sei das auch zu anstrengend. Der könne man eine solche Verantwortung nicht aufbürden. Auch ein Au-pair fand Oliver bei einem halbwüchsigen Jungen unpassend und schilderte so eindringlich die Gefahren, bis Sabia sich sehr selbstsüchtig vorgekommen war. Da hat sie sich ja sauber einwickeln lassen. Chef und Sekretärin werden sich totgelacht haben über ihre Naivität.

In Grund und Boden schämt sich Sabia, nachdem ihr nun das ganze Ausmaß der Intrige bewusst wird. Aber müssten nicht eigentlich die beiden Betrüger sich schämen? Ach was, schämen! Ersticken sollen sie an ihrer Bosheit! Albträume sollen sie Nacht für Nacht wach halten und die Schuld sie verfolgen, bis sie innerlich zermürbt sind! Diese Schweine! Es war doch genug da, um es zu teilen. Unter dem Gesichtspunkt war der Inhalt des Schreibens nun doch positiv gewesen. Warum laufen die Tränen denn dann immer noch? Der Bus hält vor der Volkshochschule…………………………………