Mit diesem Beitrag habe ich mir viel Zeit gelassen. Es war mir wichtig, mich möglichst differenziert zu erklären und ich hoffe auf Kommentare.

Ein Beitrag meines Blogs hat sich mit den Beurteilungen/Kriterien bzgl. des Übergangs auf weiterführende Schulen befasst. In diesem Zusammenhang habe ich erklärt, dass ich mich als Grundschullehrerin nicht als reiner Zulieferer für die Gymnasien sehe. Das möchte ich gerne hier noch vertiefen bzw. genauer erläutern.

Ich unterscheide stets zwischen Kritik an Bestehendem, dem Aufzeigen möglicher Veränderungen und dem unter den gegebenen Umständen Machbaren. Um Fehlinterpretationen vorzubeugen, werde ich es näher ausführen. Natürlich bereite ich meine Schüler gewissenhaft darauf vor, den kommenden Anforderungen zu genügen, da mein Anliegen auch darin besteht, sie zu Erfolgen zu führen und nicht ihr Scheitern inkauf zu nehmen, um meinen Vorwurf  besser untermauern zu können. Dass diese Anforderungen jedoch vorwiegend auf funktionieren und auswendig lernen anstatt auf die Entwicklung eines freien, kritischen und eigenverantwortlichen Geistes ausgerichtet sind, halte ich für falsch und schädlich. Diesen kritischen Geist zu fördern – der übrigens notwendig ist für jede Neuerung und Erfindung, die eine Gesellschaft voranbringt –  und anschließend den Schülern/innen zu sagen, sie sollten ihre eigenen Erkenntnisse und kritisches Denken entwickeln, diese aber nicht zu laut zu äußern, sich äußerlich anzupassen, um sich nicht zu schaden, ist wenig befriedigend.

Jedes System ist von Menschen gemacht und kein Naturgesetz. Deshalb kann und muss es von Menschen geändert werden, wenn es fehlerhaft ist. Obwohl immer mehr reglementiert wird, können Schüler/innen zunehmend schlecht zuhören, unzureichend beschreiben, erklären, argumentieren. Darüber hinaus zeigen sich immer häufiger Ängste, Gereiztheit, Konzentrationsstörungen, Magenschmerzen, Kopfschmerzen. Im gleichen Maße gehen Begeisterungsfähigkeit und echte, natürliche Motivation zurück. Also läuft hier etwas grundsätzlich falsch.

Es greift zu kurz, diese negative Entwicklung nur dem Medienkonsum, der angespannten Lebenswirklichkeit und den oft überzogenen Erwartungen vieler Eltern zuzuschreiben.

Es ist die Gesamtentwicklung, die ich bemängele. Schon im Kindergarten gibt es zu häufig, abgesehen von den Waldgruppen, die Tendenz zur Frontalvermittlung, d.h. die Kinder müssen ständig stillsitzen und zuhören. Das ist ihrer Natur nicht gemäß. In Musikgruppen, Englisch, Faustlos, Gesundheitserziehung. Das geht alles auch anders. Z.B. mit einem Gemüsegarten, den es in einigen Einrichtungen schon gibt, bei gemeinsamem Kochen,  mit Spielen, Musik machen, Tanzen usw. Bei all diesen Handlungen ist Zweisprachigkeit leicht zu verwirklichen. In der Kita meiner kleinen Enkelin in Neuseeland wird auf diese Weise Englisch und Maori ganz natürlich nebeneinander angewandt. Mit knapp vier Jahren kann sie ihre Gedanken genauso gut auf Deutsch – das wird mehrheitlich zu Hause gesprochen -, als auch Englisch oder Maori ausdrücken.

Nichts gegen Zuhören, das ist wichtig. Jedoch wie beim Vorlesen aus Freude daran und nicht aus Zwang. Sonst wird schon in jungen Jahren eine Abneigung erschaffen, die neben zu häufigem Fernsehen dazu führt, dass immer mehr Grundschüler nicht mehr richtig zuhören und in der Folge auch nicht korrekt beschreiben oder sich differenziert ausdrücken können. Unabhängig davon, wie intensiv man  übt. Man braucht Lernangebote und nicht Lernzwang. So wird z. B. ein Kind, das aus Begeisterung malt, bastelt, baut oder sich etwas ansieht, automatisch stillsitzen. Um das zu verwirklichen, müssen die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen werden. Solche Modelle – erfolgreich – existieren durchaus, jedoch müssten sich die Entscheider dazu mal ein wenig in der Welt umsehen, anstatt mit Scheuklappen im Bewusstsein der eigenen Bedeutung herumzulaufen.

Das wird hier jetzt keine Verherrlichung von Waldgruppen. Auch diese müssen konsequent und mit Struktur pädagogisch begleitet werden, damit die Kinder etwas lernen können, denn das wollen sie im Ursprung ja. Sie einfach nur wild  durcheinanderlaufen zu lassen, ist nicht sinnvoll, sonst entsteht beim Aufeinandertreffen der beiden Gruppen in einer ersten Klasse mit bis zu 28 Schülern ein heilloses Chaos.

Kommt ein Kind in die Schule, sollte es bestimmte  Dinge einigermaßen beherrschen, z.B. Ausschneiden, Aufkleben, Ausmalen und soziale Verhaltensweisen. Aber der Kindergarten sollte nicht als Vorschule fungieren, schon gar nicht schon im Hinblick auf den späteren Besuch eines Gymnasiums. Er sollte die Entwicklung des Kindes als Ganzes fördern. Wer beobachtet, wie kleine Kinder lernen, wird sehen, dass sie es selbstbestimmt in tätigem Umgang mit den Dingen, durch Versuche und Scheitern lernen – mit der größtmöglichen Motivation. Zu oft wird diese in den ersten Schuljahren zerstört. Wenn ich sehe, mit welcher Freude die meisten Kinder dem ersten Schultag entgegensehen und wie oft diese Freude bereits nach einigen Monaten verschwunden ist, macht mich das nachdenklich. Wer einmal versucht hat, die verschwundene Motivation eines zehn-, elfjährigen Kindes neu aufzubauen, weiß was ich meine.

Das zeigt auch, welche Bedeutung und Verantwortung der Grundschule zukommt. Sie ist nicht allein der Ort, an dem das Handwerkszeug für späteres Lernen gelehrt wird, sondern jener, der die Grundlagen/Voraussetzungen für motiviertes, eigenverantwortliches Lernen in späteren Jahren maßgeblich beeinflusst. Leider ist diese Einsicht an den entscheidenden Stellen kaum vorhanden, wie man an Voraussetzungen und im Besonderen an der niedrigeren Entlohnung unschwer erkennen kann. Höhere Schule = höheres Gehalt lässt eine inhaltliche Logik nicht erkennen, nur eine im Wortsinn. Viele engagierte Lehrer/innen versuchen dennoch unter großen Anstrengungen, allen gerecht zu werden und die grundsätzlich vorhandene Lernbereitschaft ihrer Schüler/innen zu erhalten und weiterzuentwickeln. Nicht wenige geraten dabei viel zu früh ans Ende ihrer Kräfte.  Nebenbei wird auch die Arbeit von Erziehrinnen nicht angemessen gewürdigt und bezahlt.