Originelle Klassenübernahmen

Zwei Mal in meinem Lehrerleben war ich kurz sprachlos, als ich eine neue Klasse übernahm:

Das erste Mal übernahm ich als Feuerwehr für ein paar Monate die Vorklasse. Ein kleiner vorwitziger Dennis, stellte sich vor mich und begann zu singen: Zieh dich aus, kleine Maus, mach dich nackisch. Mir blieb die Spucke weg, ich riss die Augen auf und fragte ihn, ob er auch noch was anderes singen könne. Schon flötete er los: Zehn nackte Friseusen oder so.  Dann musste ich doch lachen und ich fragte ihn: „Habt ihr zuhaus eine Kellerbar?“ „Mann, woher weißt du das?“, rief er erstaunt. „Weil solche Musik dort hingehört und nicht in die Schule. Ich hab auch schon in Kellerbars gefeiert. Weißt du, nicht jeder Lehrer kann darüber lachen. Also erspar dir Ärger. Alles klar, Dennis?“, erklärte ich ihm. Es war alles klar und wir konnten gut miteinander.

Das nächste Erlebnis hatte ich bei Übernahme einer zweiten Klasse. Ein Junge, der noch in geschlossener Jacke dasaß, bekam Schreikrämpfe, als ich ihn bat, seine Jacke auszuziehen. „Ich zieh die nicht aus! Oder ich zieh sie nicht mehr an. An oder aus – nur einmal pro Tag! So ist das!“ Oha, was mach ich jetzt? Die reine Vorstellung schien ihm unerträglich. Aber draußen war es sehr kalt. Schließlich konnten wir uns darauf einigen, dass er den Verschluss öffnete, um in der Pause nicht zu frieren. Die nächste Überraschung bot er mir, als ich ein Kurzdiktat  schreiben lassen wollte zu meiner Orientierung.

– Ich schreib kein Diktat, ich kann das alles.

– Das kann ich mir vorstellen, aber ich möchte sehen, was jeder Einzelne hier kann.  Damit ich weiß, was ich mit euch nicht mehr üben muss. Da machst du bitte auch mit.

– Du bist entlassen!

– Du kannst mich nicht entlassen. Ich bin auf Lebenszeit Beamtin.

– Dann sind alle anderen hier entlassen.

– Die kannst du auch nicht entlassen, frühestens in acht Jahren. Es gibt eine Schulpflicht bis nach der zehnten Klasse.

Das sah er ein und schrieb das Diktat mit.

Es war nicht meine letzte Diskussion, aber auf die kommenden war ich vorbereitet, weil ich ihn erkannt hatte.

 

 

 

 

4 Gedanken zu “Originelle Klassenübernahmen

    1. Ich akzeptiere Kinder aus Überzeugung- fast möcht ich sagen: automatisch – erst einmal als und in ihrer individuelle(n) Persönlichkeit (seit über 40 Jahren). Das macht es viel leichter, meinerseits ernst genommen und als wirklich menschlich interessiert wahrgenommen zu werden. Dann kommen gewisse Einsichten von ganz allein. Dieses ganze pseudo-pädagogische manipulative Geschwafel macht mich irre. Und die Kinder merken sofort, wenn es einem nicht wirklich um sie geht.

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