Ein Date

Auszug. Freundin und Tochter haben heimlich eine Kontaktanzeige für eine Faru namens Sabia geschaltet:

Es bleibt noch Zeit, die restlichen Emails zu checken. Eine mit Anhang von Inès und den Worten: Such dir das Beste raus? Noch etwas, das sie dringend benötigt? Ach herrjeh! Im Anhang sind lauter Antwortmails an Sabia auf eine Kontaktanzeige. Das also haben Tina und ihre Tochter ausgeheckt, wenn sie getuschelt haben und im Zimmer verschwunden waren.
Wie peinlich! Jetzt muss sie Tina anrufen und zur Rede stellen. Diese fängt lauthals an zu lachen. Sabia findet das gar nicht lustig und will alles sofort löschen. Aber Tina bekniet sie, es doch wenigstens einmal zu versuchen. Was hat sie zu verlieren? Und wenn es bei einem einzigen Treffen bleibt, dann hat sie wenigstens einen schönen Abend gehabt. Sabia soll wenigstens die Antworten durchlesen, und falls eine sich gut anfühlt, Kontakt aufnehmen und eine Verabredung treffen. Es gibt doch gar keinen Grund, ewig allein zu bleiben. Nein, sie selbst braucht das nicht, sie ist kein Familienmensch. Partnerbörsen sind heutzutage eine Erfolg versprechende Möglichkeit, um jemanden kennenzulernen.
Tina redet, redet, redet. Sabia sagt schließlich zu, sich die Antworten anzusehen. Versprechen kann sie aber nichts. Zum Schluss des Telefonates weist Tina noch darauf hin, auf die Angabe der Körpergröße zu achten und mindestens 5 cm abzuziehen, weil sich fast alle Männer gerne größer beschreiben, als sie sind. Das findet Sabia jetzt aber schon diskriminierend. Das entspräche aber den Tatsachen und die Wahrheit sei niemals diskriminierend.
Am Nachmittag setzt Sabia sich tatsächlich an ihr Laptop und liest sich die Antworten durch. Vorher hat sie mit Inès darüber gesprochen und sich versichern lassen, dass dieses Portal absolut seriös ist und sie durch einen Anruf, ja selbst durch ein Treffen, wirklich nichts zu verlieren hat.
Gebundene und zu junge Männer sortiert sie gleich aus. Gelegentliche Abenteurer sprechen sie ebenso wenig an wie Personen mit Aussagen wie: Ich bin so toll, dass mir bisher keine das Wasser reichen konnte. Vielleicht bist du ja auf meinem Niveau? Oder: Ich bin so krank und wünsche mir noch ein paar schöne letzte Jahre mit dir. Übrig bleibt ein Alex, Steuerberater, geschieden, der gerne noch einmal eine Beziehung mit einer ehrlichen Frau eingehen möchte und gelegentliche Treffen zur langsamen Annäherung vorschlägt. Auf seinem Foto macht er einen netten und fröhlichen Eindruck.
Sabia ruft an. Auch die Stimme klingt angenehm. Ein Treffen wird für den kommenden Abend in einem Weinlokal verabredet. Da Sabia sich nicht einladen lassen möchte, ist ihr ein kleiner Rahmen lieber als ein Restaurant. Es wird ein Tisch auf den Namen Alexander Groß reserviert sein. Damit spart man sich die Nelke im Knopfloch als Erkennungszeichen. Ein bisschen aufgeregt ist Sabia schon.
Jetzt kommt die wichtigste Frage: Was ziehe ich an? Zwar ist Sabias Fundus begrenzt, aber eine Auswahl muss dennoch getroffen werden. Dazu braucht sie jetzt Inès. Schlicht, aber stilvoll soll es sein. Nach der Begutachtung einiger besserer Stücke entscheiden sie sich für ein flanellgraues Etuikleid, eine kurze rote Strickjacke, die Kette mit den Korallen und schwarze Pumps. Das sieht schick aus. Und die Haare? Hochgesteckt oder offen? Das wird spontan morgen entschieden werden.
Samstagabend kurz vor 20.00 Uhr sitzt Sabia an ihrem Tisch und fragt sich, was sie hier macht. Eigentlich braucht sie doch gar niemanden. Wohl hat ihr auch deshalb die „langsame Annäherung“ gefallen. Wenn der Mann nicht bis zehn nach acht eingetroffen ist, wird sie wieder gehen. Aber den Gefallen tut Alex ihr nicht. Er ist pünktlich zur Stelle. Die Begrüßung ist herzlich. Sabia hat trotzdem ein mulmiges Gefühl, ihre Ampel ist auf Orange geschaltet. Ach, sicher ist das nur ihrer Unsicherheit und den schlechten Erfahrungen zuzuschreiben. Jetzt mal langsam und das Gespräch vorurteilsfrei auf sich wirken lassen.
Nach der Bestellung einer Flasche Wein aus dem Elsass, zwei Portionen Zwiebelkuchen und grünem Salat kommt die Unterhal-tung in Gang. Alex erkundigt sich nach Sabias Beruf und scheint recht erfreut zu hören, dass sie sowohl mehrere Sprachen als auch Buchhaltung beherrscht. Er besitzt eine gutgehende Steuerberatungskanzlei und arbeitet auch als Investor, hat einen Sportwagen und ein großes Haus. Aha!
Nach dieser Eröffnung stellt er Fragen zu Sabias Trennung:
„Wie läuft es mit deiner Scheidung? Ist da alles geklärt oder hast du noch viel Stress damit? Ich kenne mich da gut aus.“
Sabia ist dieses Thema viel zu persönlich und unangenehm. Sie beabsichtigt nicht, mit einem Fremden sich näher darüber auszutauschen.
„Also über dieses Thema möchte ich ungern im Einzelnen reden. Das gehört zu meinem alten Leben und das ist unwiderruflich vorbei. Ich komme zurecht und kann meine Kinder und mich gut versorgen mit dem, was ich verdiene. Erzähl mir doch lieber, was du in deiner Freizeit so unternimmst.“
„Also ich segle gerne mit Freunden auf dem Meer, liebe Reisen in Metropolen und
spiele recht gut Golf. Manchmal besuche ich auch schon mal ein Casino.“
„Gibt es in deinem Leben auch eine Vorliebe für etwas, das nicht so teuer ist? So wie in die Berge gehen, schwimmen, Rad fahren oder Kinofilme?“
„Das gefällt mir an dir, dass du so bescheiden und klug bist. Darüber hinaus auch noch sehr hübsch. Wenn du einmal mitsegeln möchtest, dann kostet dich das natürlich nichts.“
„Wieso betonst du das mit dem „bescheiden“ so? Finde ich irgendwie lustig.“
Eigentlich lagen Sabia die Worte „seltsam“ und „auffällig“ auf der Zunge, aber sie wollte ungern schroff klingen. Jedenfalls jetzt noch nicht. Vielleicht könnte dieses Gespräch ja doch noch eine positive Wendung nehmen, nachdem das Gockeln erledigt war.
„Na ja, ich habe halt so viele andere erlebt, die es selbstverständlich fanden, zu allem von mir eingeladen zu werden. Darauf habe ich keine Lust mehr. Alle genauso anmaßend wie meine Exfrau!“
„Wie jetzt? Wollte sie auch immer eingeladen werden von dir? Hast du das so gesehen, wenn Ihr gemeinsam etwas unternommen habt?“, fragt Sabia lachend.
„Ach, so war das ja nicht gemeint. Ich hab das mehr auf die Scheidung bezogen. Also meine Ex war einfach unverschämt. Hat sie mir doch eines Tages eine „Kündigung“ geschrieben, mir nur Vorwürfe gemacht und alles Mögliche verlangt. Meinte, sie kriegt von allem die Hälfte. Dabei hat sie ihr Studium gar nicht abgeschlossen. Sie
prozessiert immer noch. Meine Kanzlei habe ich alleine aufgebaut. Deshalb steht auch nur mein Name auf dem Schild. Sie hat nur ein bisschen Büroarbeit gemacht.
Es reicht mir schon, dass ich für 5 Kinder, von denen ich gar nichts habe, Unterhalt zahlen muss. Ich wollte gar nicht so viele. Überhaupt habe ich sie nur aus Anstand geheiratet damals, weil sie schwanger war. Bei der Unterhaltsberechnung hab ich mir auch was einfallen lassen. Es kann ja nicht sein, dass sie sich auf meine Kosten eine schöne Zeit macht. Sie soll ruhig sehen, was sie alles verloren hat.“
Sabia hat genug gehört.
„Aber ein paar Mal musst du ja schon Spaß gehabt haben mit deiner Frau. Ich finde es im Übrigen grenzwertig, so gemeine Dinge vor einer Fremden auszubreiten. Für heute reicht es mir dann auch mit Informationen, die ich gar nicht haben wollte. Wir müssen früh raus.“
Sie schnappt sich Mantel und Handtasche und reicht Alex die Hand zur Verabschiedung.
„Ja tut mir leid, aber ich rege mich immer so auf. Vergiss es schnell wieder. Wir bleiben in Verbindung?“
„Eher nicht. Ich wünsch dir noch ein schönes Leben.“
Sabia lässt den Mann eiskalt stehen und verlässt fluchtartig das Lokal. Draußen muss sie erst einmal tief durchatmen. Wie schrecklich. Ob Oliver wohl auch so über sie redet? Sind solche Männer wirklich alle so überzeugt davon, im Recht zu sein? Das war fürs erste ihr letzter Ausflug ins Reich der Partnervermittlung. Ab nach Hause.

 

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