Sophie – Ende

Offener Brief an alle Eltern und zur Weitergabe an all jene, die sonst noch meinen, Kindern und Jugendlichen sei es noch nie so gut gegangen wie heute, sie hätten keinen Grund zu Kritik und seien einfach nur verwöhnt und undankbar:

Wir waren nie Euer Eigentum. Keiner von uns hat darum gebeten, auf diese Welt zu kommen. Ihr seid die einzigen Verursacher unserer Existenz. Die Gründe dafür sind vielfältig. Sie gehen von der Weitergabe der Gene über einen benötigten Erben bis hin zu gesellschaftlichen Zwängen, Erfüllung geplatzter Wünsche, Rettung einer Ehe, Sicherung der Renten, steuerlichen Vorteilen und dem Vorweisen eines hochintelligenten oder auf andere Weise erfolgreichen  Nachkommen. Damit wird uns schon vor unserer Geburt eine ungeheure Verantwortung aufgebürdet. Mit welchem Recht?

Dabei müsstet Ihr die Verantwortung übernehmen, egal wie wir beschaffen sind. Begreifen, dass wir Euch nur anvertraut sind für eine kurze Weile, um uns zu lieben, zu beschützen und Vorbild zu sein, bis wir reif genug sind, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Eure Verpflichtung gilt in erster Linie  unserer Seele, nicht unserem Schulerfolg. Wir kamen unschuldig in diese Welt, haben Euch verehrt und vertraut. Doch Ihr habt erst Euch selbst und dann uns verraten.

Egal ob Mädchen oder Junge, wir haben ein Recht auf die Bewahrung unserer Würde und wollen als Menschen gesehen werden. Ihr habt uns reduziert auf unseren Notendurchschnitt, Firmennachfolger,  auf Vernichter Eurer Karrieren, Stolpersteine für Beziehungen und Schlimmeres. Ihr lasst uns allein, wenn es zu kompliziert wird und redet Euch auch noch ein, das sei schon in Ordnung.

Nach Eurer Darstellung wollen Kinder glückliche Eltern. Diese These dient Euch als Rechtfertigung für blanke Selbstsucht und Rücksichtslosigkeit uns gegenüber. Natürlich wollen Kinder nicht, dass ihre Eltern  unglücklich sind. Aber vor allem und in erster Linie wollen sie selbst glücklich sein und sich aufgrund ihrer ausgelieferten, abhängigen Situation sicher fühlen. Die Pflicht zum Verzicht liegt, wie bereits ausgeführt, ganz eindeutig beim Verursacher.

Ihr habt Euer gesamtes Leben dem Geld untergeordnet und gehorcht seinen Forderungen, es steht über Allem. Dabei sollte es doch nur ein Hilfsmittel sein, das dem Menschen dient. Euren Verstand habt Ihr kritiklos in den Dienst der Gewinnmaximierung gestellt, wodurch wir in völlige Abhängigkeit geraten sind. Indem Ihr die Macht des Kapitals widerspruchslos unterstützt, ist es zum Goldenen Kalb, zum höchsten Wert in Eurem Leben geworden.

Auch Ihr hattet doch sicher einmal Träume und Ideen für eine bessere, gerechtere Welt, in der jeder Mensch seine Existenzberechtigung hat. Wo niemand an Hunger sterben, aus seinem Land fliehen oder in sinnlosen Kriegen umkommen muss. Wann habt Ihr Euch verkauft für Oberflächlichkeiten?

Ihr redet über das Elend in der Welt, seid einen Moment lang betroffen. Dann beruhigt Ihr Euer Gewissen mit Geldspenden – schon wieder Geld -, um schnell wieder zu vergessen und nur nicht über die Wurzeln des Übels nachdenken zu müssen.

Ihr lasst es zu, was einer Unterstützung gleichkommt, oder nehmt es hin, dass die Erde verschmutzt, vergiftet und ausgelaugt wird. Durch Euer Verhalten kommt es zu Klimakatastrophen, aussterbenden Tierarten, verelendeten Völkern, verhungernden Kindern, ertrinkenden Flüchtlingen, entsetzlichen Kriegen und der Entwicklung immer grausamerer, teuflischer Waffen. Das führt zu immer mehr Zorn und Gewalt, nicht irgendwelche Videospiele!

Weil Ihr das Leben nicht wertschätzt, kann es Massentierhaltung mit unaussprechlichen Quälereien, schädliche Nahrung, steigende Armut, grausames Elend überhaupt erst geben. Durch Stillschweigen und Verdrängung macht Ihr es möglich, dass die Kapitalwirtschaft den Menschen gnadenlos überwacht, entwürdigt, einschüchtert und unterwirft und jede Form von Freiheit oder Menschlichkeit auslöscht. Ohne diese Grundlagen des Menschseins erschafft die Verzweiflung eine kranke, instinktlose, kaputte Gesellschaft. Eine kranke Gesellschaft erzeugt kranke Kinder mit missgebildeten, entstellten Seelen.

Dadurch habt Ihr uns die Zukunft geraubt. Was soll aus uns werden, woran können wir uns orientieren, wo sollen wir hin? Aber für den Platz, den wir nicht mehr haben, sollen wir schön gehorsam und unkritisch lernen, was man uns vorsetzt. Ich will auch nicht mehr hören, dass Ihr unser Bestes wolltet, was ich Manchen durchaus bereit bin zu glauben. Denn der Vorsatz bedeutet gar nichts, wenn durch Unüberlegtheit, Bequemlichkeit, Oberflächlichkeit letztendlich das Gegenteil bewirkt wird.

Worauf können wir aufbauen in einer nahezu zerstörten, verdorbenen, sterbenden Welt? Viel habt Ihr uns nicht übrig gelassen! Wir klagen Euch an und das zu Recht!

Und sagt jetzt bloß nicht: „Werd endlich erwachsen!“

10 Gedanken zu “Sophie – Ende

  1. Ein sehr negativer, trauriger Text. Aber ich denke, das war in der Vergangenheit (oder heute in ärmeren Ländern) schon immer so. Kinder wurden geboren und als Hilfe für Haus, Hof, Feld gebraucht. Auch als Altersvorsorge.
    Ich kann nur jedem raten, seine Kinder bedingungslos von Herzen zu lieben. Dann werden sie auch dich lieben, wenn du alt bist und sie brauchst.
    Und…. Fehler macht jeder in der Erziehung. Das ist unvermeidbar….
    Danke für den Text!

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    1. Ich kann aus meiner Erfahrung nur sagen, dass viele junge Menschen es so wahrnehmen. Dass sie keine echten Perspektiven haben. Selbst in der Grundschule hatte ich in jeder Klasse mehr unglückliche Schüler unter Dauerdruck als fröhliche Kinder. Und es sind nicht vorwiegend die Kinder aus ärmeren Familien.

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      1. Ich wiederhole mich hier, aber kann nur das folgende, für mich schockierende, Erlebnsis schildern, als ich meinen Schülern von Herzen ein schönes Wochenende wünschte. Die Antwort aus vielen resignierten Kehlen: Was für ein Wochenende? Gepeitscht von Termin zu Termin.

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    1. Vielen Dank. Angesichts der derzeitigen Lage und der Schülerproteste – warum eigentlich nur Schüler? -zeigt sich doch die Aktualität. Ma muss das ja nicht alles annehmen, aber sich zu hinterfragen, anders zu denken und die Entwicklung zu verstehen müsste doch möglich sein. Ich habe michjedenfalls bemüht, meinen Kindern keine Müllhalde zu hinterlassen. Leider genügt das nicht.
      Außerdem sollte man sich vor Augen halten, was passiert, wenn durch mangelndes Wissen die Entwicklung im Stadium des Zorns ohne sichtbare Perspektiven steckenbleibt.

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