Sophie 54

Abrechnung

Obwohl ich nach meiner Rückschau höchstens noch drei Stunden Schlaf hatte, wache ich am nächsten Morgen erfrischt und voller Tatendrang auf. Meine Eltern überraschen mich mit dem Vorschlag, mir einen Platz an einer angesagten Privatschule zu bezahlen, wenn ich dazu stehe, mein Abitur zu machen. Das klingt im ersten Moment sehr verlockend, es würde mir eine ganze Menge Zeit und Aufwand ersparen, aber ein richtig gutes Gefühl habe ich bei dieser Vorstellung nicht. Ich bitte mir deshalb einen Tag Bedenkzeit aus.

Mein Zeugnis ist zwar einigermaßen annehmbar, acht unentschuldigte Fehltage gehen noch, und auch die Aussicht auf eine Nachprüfung schreckt mich nicht. Sorge bereitet mir allerdings die angefügte Bemerkung: “Sophie muss unbedingt an ihrer Selbstkontrolle arbeiten. Sie sollte dringend lernen, Anforderungen der Lehrpersonen zu respektieren und sich einzufügen, um ihren Schulerfolg nicht weiterhin ernsthaft zu gefährden.“ Nach dem Lesen dieses Textes habe ich das kaum zu unterdrückende Bedürfnis, ein paar Scheiben einzuschmeißen.

Wenn ich damit in der Privatschule auftauche, werde ich von Anfang an als Störenfried eingestuft. Ich sehe schon den roten Alarmpunkt für solche Schüler neben meinem Namen kleben. Außerdem gefährde ich meine Unabhängigkeit, sobald ich das Angebot annehme. Das wäre wieder ein Schritt rückwärts. Nein, nein, lieber trage ich all meine Unterlagen zusammen, fülle die umständlich formulierten Formulare aus und schreibe eine Art Bewerbung mit ausführlicher Begründung, um zur externen Abiturprüfung zugelassen zu werden.

Um meine Eltern von der Ernsthaftigkeit meines Vorhabens zu überzeugen, werde ich ihnen alles zeigen und berichten, was ich in die Wege geleitet habe und sie auch an meinen Lernbemühungen teilhaben lassen. Leicht fällt mir das sicher nicht, aber dieses Vorgehen wird mir ständiges Nachfragen ersparen. Und wenn ich ganz ehrlich bin, stehen ihnen diese Informationen zu, jetzt wo ich wieder unter ihrem Dach wohne. Das ist der Preis für meine Inkonsequenz.

Hätte ich gemäß meiner inneren Überzeugung und gegen die Bequemlichkeit gehandelt, dann wäre ich in der Wohnung geblieben, hätte meinen Job behalten und mich in der freien Zeit auf die Prüfungen vorbereitet. Doch die Tatsache, dass diese Entscheidung den gesamten Prozess stark verzögern würde, hat mich davon abgehalten. Einzig wahrer Vorteil dieser Situation: Es ist mir bewusst geworden, wie schnell man korrumpiert werden kann, wie kritisch man das eigene Handeln stets hinterfragen muss.

Nun kann man argumentieren, es sei doch vernünftig, so zu entscheiden. Die Beurteilung jedoch kann nur mit dem Blick auf das Hauptziel erfolgen. Das Hauptziel in meinem Fall ist Freiheit und Unabhängigkeit, um nicht zu falschem, schädlichem Handeln gezwungen zu sein. Das Abitur ist lediglich ein Zwischenschritt, sozusagen eine nicht einmal unbedingte Voraussetzung, um einen der vorgesehenen Berufe ausüben zu können. Führen Kompromisse – besonders wenn man sie nicht bemerkt oder verdrängt – dazu, dass das Endziel nur noch stark eingeschränkt erreicht wird, dann nenne ich das nicht vernünftig.

Unerwartet gelassen reagieren meine Eltern beim Abendessen auf die Ablehnung ihres Angebotes und die Begründung. Das liegt vielleicht auch an der Erklärung meiner Absichten. Als mein Vater allerdings glaubt hinzufügen zu müssen, dann könne ja wohl doch noch etwas Anständiges aus mir werden, halte ich die Luft an. Nun steht nur noch ein Kommentar meiner Mutter aus. Er lässt nicht allzu lange auf sich warten. Da ich also jetzt doch noch mein Abitur machen würde, hätten sie wohl nicht allzu viel falsch gemacht bei meiner Erziehung. Schön, dass das deine einzige Sorge ist, denke ich im Stillen. Ich habe mich für Gelassenheit entschieden, da unser Denken einfach zu weit auseinander klafft. Still beenden wir unsere Mahlzeit. Nach dem Abräumen gehe ich erst einmal laufen – gegen den Wind – das ist gut für meinen Kopf.

Später in meinem Zimmer nehme ich den Faden noch einmal auf. Kaum Fehler gemacht – von wegen! Es geht doch hier nicht nur um mich. Das Leben besteht aus so viel mehr. Guckt Euch mal um in der Welt. Keine Fehler gemacht? Ha! Und überhaupt nervt mich diese Konzentration auf mich. Vorbei ist es mit der Gelassenheit. Das kann man sich ja gar nicht alles merken, was Ihr in Gemeinschaft mit den meisten Erwachsenen versiebt habt. Ich möchte Euch das gerne einmal klar machen, diese unerträgliche Selbstzufriedenheit und ständige Unzufriedenheit mit uns Jugendlichen, in der Ihr Euch so wunderbar einig seid, durch die Wahrheit zu zerstören.

Ich habe das drängende Bedürfnis, eine Art zusammenfassenden Brief aufzusetzen, der vielleicht nie an die Öffentlichkeit gelangen wird. Vielleicht aber doch! Also los, auch weil ich meine Gedanken beim Schreiben am besten ordnen kann.

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