Sophie 35

Kindererziehung- frühkindlich, nur nichts auslassen – Vorschule – Sprachschule – Samstagsschule – Musikschule – pädagogisches Museum. Jedes für sich manchmal sinnvoll – im Paket eine Katastrophe! Gibt es denn überhaupt noch einen Raum, in welchem Kinder nicht zugetextet werden? Wo sie sich ungestört und in Ruhe ihrer Entwicklung und Phantasie widmen können? Dürfen sie noch einfach Dinge auf sich wirken lassen und instinktiv verstehen? Eigene Ideen entwickeln?

Filmbericht über „Eliten“ – beängstigend – verstörend.  Mutter von zwei Söhnen, Rechtsanwältin oder Steuerberaterin – nicht so wichtig – erzählt davon, wie wundervoll sie ihre Kinder fördert oder wohl eher fördern lässt. Dabei schiebt sie immer wieder ein, wie gerne die Jungs das alles machen, was sie so für sie ausgesucht hat. Ich habe etwas Anderes gesehen.

Die Jungs sind noch im Kindergartenalter, ein knappes Jahr auseinander. Mutter berichtet, wie wichtig Förderung von Anfang an ist für erfolgreiche spätere Karriere und Zugehörigkeit zur Elite! Deshalb haben ihr Mann und sie beide Kinder bereits vor der Geburt in privater Krippe und Kindergarten angemeldet. Ab 5 Jahren ist Privatschule geplant, die Chinesisch anbietet – neue Märkte und so – ungeheuer wichtig! Sechs Wochen nach der Geburt hat sie jeweils wieder gearbeitet – Kinder in Krippe bis 15.30 Uhr, im Kindergarten bis 17.00 Uhr. Ganz toll für soziale Entwicklung der Kinder – Aussage der von ihrer eigenen Genialität überwältigten Mutter.

Jetzt sind beide Jungen im Kindergarten – zusätzlich Musikschule und ausgewählte Sportkurse – wichtig für Schulerfolg. Also Musikunterricht nicht aus Liebe zur Musik oder wegen besonderer Begabung – alles für Bestnoten. Sport aus gleichem Grund – nicht etwa zum Spaß oder aus Freude an Bewegung. Samstag zusätzlich ab 8.00 Uhr Spezialunterricht  – unter anderem Native Englisch, Mathematik und Physik – das bis zum Mittag. Originalton: „ Da gehen die Beiden sehr gerne hin.“

Ausschnitt aus dem Englischunterricht wird gezeigt – blasse, müde Kinder – liegen mehr auf den Tischen als dass sie sitzen. Die Lehrerin bemüht sich sehr – benutzt viel buntes Material – spricht Kinder an – fordert sie auf, nach vorne zu kommen – versucht zu begeistern. Kinder antworten eher automatisch, wirken gequält. Einer der Söhne formt mit der Hand eine Pistole, zielt auf die Lehrperson, der andere verdreht die Augen. Auf die Frage, was sie sich denn zu Weihnachten wünschen, antwortet der Ältere: „ I want a bed. I wish to have my bed here and want to sleep.” Hier bricht der kurze Filmbericht ab. Bin entsetzt, zu wie viel Selbsttäuschung Eltern in der Lage sind – wie sehr sie bereit sind, ihre Kinder zu quälen. Wo bleibt hier das Jugendamt?

Nächstes Kapitel – Internate in Deutschland und England – Schüler aus den reichsten Elternhäusern unseres Landes. Direktoren erklären sie zu den Hoffnungsträgern der Zukunft. Alles ganz große Talente. Müssen sie ja auch – werden schließlich von den Eltern bezahlt. Sag denen mal, eins ihrer Kinder sei nicht so furchtbar begabt für den Wissensbetrieb und sollte vielleicht lieber ein Handwerk erlernen. Gehe davon aus, dass hier auch massiv auf die Lerninhalte Einfluss genommen wird. Grausig!

Ich sehe eingebildete, total abgehobene Jungen, deren Selbstverständnis wenig zu den meist einfältigen Aussagen passen will – Zukunftsplan Geld machen, Geld vermehren, Konzerne auf- oder ausbauen, an die Börse. Reporterin fragt, ob sie sich vorstellen könnten, später mal als Politiker die Zukunft des Landes mitzugestalten. Die meisten müssen lachen. Nicht, dass ich etwas Anderes erwartet hätte. Sie erklären übereinstimmend, dass mal abgesehen von der schlechten Bezahlung nicht die Politik, sondern sie als Inhaber/Vorsitzende von Banken und Großkonzernen über Länder und deren Schicksal bestimmen und etwas verändern würden – zum eigenen Vorteil natürlich.

Schon erschreckend, so etwas von diesen fast noch Kindern zu hören.

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Das von gestern beschäftigt mich immer noch. Eigentlich will ich keine Kinder  – weiß nicht mal, ob ich überhaupt noch mal eine Beziehung will – muss erst mal rausfinden, wie es für mich weiter gehen kann. Außerdem – entweder richtig oder gar nicht. Wenn Kinder, dann will ich sie auch aufwachsen sehen – will für sie da sein – will einen Partner, der mich unterstützt, die Erziehung mit mir teilt – mir die Arbeit passend einteilen können. Und warum setzt man Frauen ständig unter Druck? Lässt uns nicht selbst entscheiden, ob und wann wir wieder anfangen wollen zu arbeiten?  Früher mussten alle zu Hause bleiben – jetzt sollen alle arbeiten gehen. Das ist doch genau die gleiche Form von Nötigung – öffentlich geförderte Ächtung für einen anderen Lebensentwurf. Das hat doch kein Fremder zu bestimmen, wie ich mir mein Leben einteile.

Warum gibt es nicht mehr Möglichkeiten, von zu Hause aus zu arbeiten? Das würde auch den Verkehr entlasten, nicht jeder brauchte ein Auto. Wie wäre es mit einem Programm für Mütter, die drei Jahre ihre Kleinkinder selbst betreuen wollen, nach welchem sie zweimal im Jahr eine mehrwöchige Fortbildung ermöglicht bekommen, um beruflich am Ball zu bleiben? Aber kann man sich der immer weiter um sich greifenden Fremdverwaltung überhaupt entziehen? Alle gleichgeschaltet. Überbevölkerung spricht auch nicht gerade dafür, selber Kinder zu bekommen. Wer wirklich Kinder möchte, kann doch auch adoptieren. 

Die Gesellschaft erklärt es einfach als natürlich, dass jede Frau Kinder bekommen will. So ist es aber nicht und man darf sich diesen sozialen Zwängen nicht beugen. Was heißt hier natürlich? Und was ist das für ein Druck für die Paare, die keine Kinder bekommen können? Man lässt ihnen durch dieses wissenschaftlich nicht belegte Geschwätz fast keine Möglichkeit, diesen biologischen Umstand zu akzeptieren oder ein Kind zu adoptieren. Nein – eine Schwangerschaft muss her, sonst wird man als minderwertig betrachtet und krank geredet. Kind ohne Mann – geplant – ist auch in Ordnung, wenn man in der Lage ist, die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen – vor allem Zeit und Liebe. Und die Frauen, die plötzlich alleine dastehen, muss die Gemeinschaft unterstützen, das ist doch gar keine Frage eigentlich.

Sind hundertfache Samenspenden einzelner Personen etwa natürlich? Mal abgesehen davon, dass diesen so gezeugten Kindern für immer ein Teil ihrer Wurzeln fehlen wird, betrachte ich das als globale Katastrophe. Wie viele Halbgeschwister laufen in der Welt herum, ohne etwas davon zu ahnen?  Muss ich befürchten, wenn ich jemanden richtig mag, ich habe ich mich in einen potenziellen Bruder verliebt? Das geht mir einfach nicht aus dem Kopf. Soll ich jedes Mal vorher einen Bluttest machen lassen? Einfach nur noch ekelhaft, da vergeht einem doch gleich alles. Und wenn es sich bestätigen sollte, welch massiver Schmerz wird dann ausgelöst? Angesichts solcher Folgen sollte man sich doch mal vor Augen halten, dass das Kind die Hauptsache ist und nicht der Kinderwunsch.

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3 Gedanken zu “Sophie 35

  1. Musste beim Lesen an die Tränen denken, die der knapp zehnjährige Nachhilfeschüler bei mir so herzzerreißend vergossen hat, als er mir sagte, dass er nun aufs Internat müsse, weil seine Winzerseltern keine Zeit mehr für ihn hätten…
    Ein anderer Viertklässer, dreißig Jahre später, sprach traurig davon, keinen einzigen Nachmittag mehr für sich zu haben: Klavierstunde, Hochbegabtenklettergruppe, usw., war da schon fassungslos. Mein Enkel rührt derweil draußen mit seinen kleinen Freundinnen die Matsch-Gras-Suppe um…
    Gruß von Sonja

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    1. Ich wünschte meinen Schülern einmal freudig ein schönes Wochenende. Sicher die Hälfte von ihnen rief aus: Welches Wochenende? Alles verplant – und so sinnlos. Ich denke an einen Vortrag, den ich den Eltern halten musste, weil ich eine Lektüre austeilte, einfach nur zum Lesen, ganz ohne Fragen dazu und ohne Test. Worin da der Sinn liege? Nun, darin, dass sie wieder Spaß am Lesen und den Inhalten haben, nur für sich selbst, gab ich zur Antwort. Und wie sie gelesen haben und dann mir Fragen gestellt, die zu interessanten Gesprächen führten.
      Einige Eltern hatten übrigens vorher zu ihren Kindern gesagt, wenn das nicht zum Unterricht und zum Test gehörte, sollten sie es nicht lesen. Aber sie haben es letztlich verstanden. Man muss halt reden – immer und immer wieder.

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