Sophie 29

Ich sehe mich gezielt nach Stellen als Bedienung in Lokalen um, weil dort die Arbeitszeiten besser zu meinem gegenwärtigen Lebensrhythmus passen. Die Suche erweist sich als ziemlich zeitraubend, da in den Sommermonaten sehr viel Studierende diese Arbeitsplätze besetzt haben. Endlich finde ich jedoch etwas in einem Café im Bankenviertel. Vier Stunden pro Tag im Schichtdienst, bei Bedarf auch Doppelschichten, die Bezahlung ist gut, die Trinkgelder fallen meist üppig aus. Die allein reichen schon aus, um mich für den Winter einzukleiden. Geldsorgen sollte ich also nicht bekommen.

So ziehen die Monate dahin, während ich zwischen Arbeit, gelegentlichen Vergnügungen, intensivem Nachdenken und Lernen pendle. Den Großteil dieser Zeit empfinde ich als anstrengend, aber auch sehr Gewinn bringend. Mehr und mehr nähere ich mich dem Ziel an, einen durchführbaren Entwurf für meine Zukunftsplanung zu entwickeln. Schließlich bringe ich diesen erfolgreich zu Ende und freue mich darauf, noch einige Zeit befreit meine totale Unabhängigkeit zu leben, bevor ich für einige Zeit zurück muss, um meine Angelegenheiten vor Ort zu regeln. Denn arbeiten und mich aufs Abitur vorbereiten, ganz gleich wo und wie ich den Abschluss machen werde, halte ich für ausgeschlossen. Außerdem will ich das Kapitel so schnell wie möglich beenden, um die Zeit bei meinen Eltern auf das Nötigste zu begrenzen.

Leider muss ich meinen Aufenthalt vorzeitig abbrechen. Im Januar erreicht mich die Nachricht, dass Ellen sich das Leben genommen hat und die Beerdigung ansteht. Ich fühle mich mehr als verpflichtet, daran teilzunehmen. Es erscheint mir sinnvoll, dann auch gleich den nächsten Schritt zu machen und mein Vorhaben direkt anzugehen. Zögern bringt mich nicht weiter. Also ist es entschieden. Ich schließe diesen Lebensabschnitt ab, nicht ganz ohne Bedauern, und werde für eine begrenzte Zeit, zu meinen Eltern zurückkehren.

 

Das Tagebuch

Ja, und hier bin ich nun, schlaflos und aufgedreht. Erinnerungen können sehr anstrengend sein, mich aber beleben sie. Ich verspüre überhaupt keine Müdigkeit, während ich die zurückliegenden Erlebnisse in meinem Kopf abspule wie einen spannenden Film. Allerdings merke ich zunehmend, dass es auch Lücken gibt, besonders was Schlussfolgerungen und die detaillierte Planung meiner Zukunft betrifft. Ob das an der Vielzahl der Eindrücke liegt oder an der Tatsache, dass ich wieder in dieser häuslichen Umgebung bin, die Prozesse eher dämpft als sie voranzutreiben, kann ich nicht sagen. Ist aber auch nicht wirklich bedeutsam.

Mein Leben hat extrem an Fahrt gewonnen, die Erfahrungen oder besser gesagt Entdeckungen der vergangenen Monate waren so vielfältig, dass ich gar nicht mehr alles zusammen kriege. Unmengen an Zeitungen gelesen, mitten in der Nacht ferngesehen, Neues erfahren, Gedanken kreisten, machen sich selbstständig, versteckten sich wieder, verhedderten sich. Wer bis hierher gelesen hat, weiß ja schon, wie ich es  hasse, wenn mein Kopf nicht so funktioniert, wie ich es will.

Gut, dass ich während der Zeit meiner selbst gewählten Klausur Aufzeichnungen gemacht habe. Die sind sozusagen zu meinem geistigen Rückgrat geworden. Erstens hatte und wollte ich in dieser Zeit keine Gesprächspartner, mit denen ich mich hätte austauschen können. Jede Form der Ablenkung hätte mich in meinem Prozess der Suche nach einer Perspektive für mein zukünftiges Leben nur zurückgeworfen. Zweitens konnte ich beim Notieren auf jede Art von Höflichkeitsfloskeln und Filter der sprachlichen Korrektheit verzichten. Niemandem außer mir selbst musste ich etwas erklären. Dadurch blieb alles wahrhaftig, ungekünstelt und unverfälscht. Außerdem überprüfte ich noch während des Aufschreibens meine Gedanken und entwickelte sie weiter.

Die hierbei entstandenen Zettel und Blätter krame ich nun hervor und lese mir alles noch einmal durch. Dabei gerate ich mehrmals in Versuchung, Dinge umzuformulieren, weil mich die Begrifflichkeiten nicht ganz überzeugen. Auch störende Wiederholungen finde ich und fragwürdige Zeichensetzung. Schließlich entscheide ich mich dagegen: Es ist ein Tagebuch! Entstanden aus Gedankenblitzen und sehr persönlichen Befindlichkeiten. So wie es da steht, ist alles echt und niemand hindert mich, weiter zu denken.

 

Habe beschlossen, Tagebuch zu schreiben. Kein „Liebes Tagebuch“, eher eine Art ungefiltertes Wut-Tagebuch ohne Datum oder Gliederung, das meine wahren spontanen Gedanken, Beurteilungen und Ergebnisse festhält. Alles was mich umtreibt, setzt brutal viele  Energien frei, die ein Ventil brauchen. Also lass ich hier einfach alles raus! 

 

Sehe gerade  Debatte im Bundestag und lerne. Fernsehen kann ja doch ganz spannend sein über „Simpsons“, „Big Bang Theory“ und „South Park“  hinaus. Es geht um Banken, Steuern, Rüstung. Alles nicht gerade unwichtig. Verstehe noch zu wenig, muss mich unbedingt besser informieren. Bin nicht sicher, ob das nur auf mich zutrifft.  Und dann guck sie dir an: Selbstdarstellung bei den Rednern, totales Desinteresse bei den Gegenparteien. Ab und zu ein Aufschrei, wenn Alarmwörter doch ans Ohr dringen.  Kein Wunder, dass für das Volk nix funktioniert im Land. Keinerlei Wunsch erkennbar, fremde Argumente zu überdenken für die beste Lösung. Aber es kommt auch wenig Konkretes, bla, bla, bla. So viel schlechtes Benehmen und Unhöflichkeit auf einem Haufen – quatschen, telefonieren, surfen, Mails schreiben. Da haben ja wohl Schule und Elternhaus versagt. Aber über uns meckern!  

Ganz schön viele leere Plätze. Wo sind die alle? Werden doch dafür bezahlt. Na ja, Politiker werden ja selbst dann noch bezahlt, wenn sie gar nicht mehr im Amt sind. Wer hat das denn festgelegt? Haben sich wohl wegen Rückenschmerzen befreien lassen. Kein Wunder, das kommt vom vielen Wegducken, Buckeln und Kriechen vor Banken, Großkonzernen und Lobbyisten. Nicht etwa aus einer gewissen Ängstlichkeit vor der Übermacht, die könnte man als kleine Charakterschwäche noch verzeihen. Es handelt sich wohl eher um einen Mangel an Charakter bzw. bewusste Ignoranz gegenüber der Bevölkerung aus purem Eigennutz.

Denke nicht, dass ich damit irgendjemandem Unrecht tue. Schließlich starten die meisten nach Beendigung ihrer politischen Laufbahn eine Karriere als Berater oder Vorsitzende im Vorstand großer Firmen oder Lobbygruppierungen. Ob das einen Unterschied machen würde, wenn man den Laden ab sofort einfach schließt?  Ist doch alles nur ein Riesenschaulaufen. Beschlossen und verhandelt wird im Geheimen, die neuen Gesetze werden dann irgendwann später mit Hilfe von  Schreibern so geschickt und unkonkret in Interviews „kommuniziert“, dass man kaum überschauen kann, was  für Folgen daraus entstehen.

 

 

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