Sophie 26

Ich habe das jedenfalls als heftige Ausgrenzung und Herabsetzung empfunden, fühlte mich oft minderwertig. Meine Reaktion war, dass ich mich immer seltener meldete. Du weißt ja, welchen Stellenwert die mündliche Mitarbeit bei der Notengebung hat. Meine Noten entsprachen bald nicht mehr dem Durchschnitt der schriftlichen Arbeiten, sondern waren schlechter. Daraufhin fing ich an, Leistung zu verweigern. Aber auf Dauer habe ich mir gedacht, ich will denen auf keinen Fall Recht geben. Den Rest kennst du ja.

Du, ich sage dir, das Gefühl, mit dem Abschlusszeugnis in der Hand triumphieren zu können und dir bewiesen zu haben, dass die Anstrengung zum Erfolg führt, ist mit nichts aufzuwiegen. Ich habe das Negative jetzt zwar längst hinter mir gelassen, aber ich frage mich, ob es einem wirklich so schwer gemacht werden muss und wie viele noch solche schmerzlichen und auch traurigen Erfahrungen machen müssen. Und den angesprochenen Lehrern verzeihe ich auch nicht. Sie müssen wissen, was sie mit ihrem Verhalten anrichten. Für die Kinder macht es auch keinen Unterschied, ob das nur unbewusst geschieht. Ich erwarte von ausgebildeten Pädagogen, dass sie ihre Haltung hinterfragen, verändern und ihr Auftreten kontrollieren können.“

„Ja, das finde ich auch. Aber es wird sich nichts ändern, so lange der Mangel nicht öffentlich zugegeben bzw. keine Korrektur von offizieller Seite gefordert wird. Oder bis sich das gesellschaftliche Bewusstsein verändert, was ein noch langsamerer Prozess ist. Bei mir waren es übrigens eher zu viele und zu lange mündliche Beiträge, die einige meiner Lehrpersonen veranlasst haben, mich vor der ganzen Klasse bloßzustellen. Aufgeben will ich auch nicht, aber innerhalb des Systems schließe ich jede Chance für mich aus. Wohin genau es gehen soll, muss ich erst noch herausfinden.“

Ein Blick zur Seite, Karim ist aufgestanden, er ist jetzt so weit. Wir verabschieden uns herzlich und mit den besten Wünschen.

In der Zwischenzeit ist Thorsten aufgetaucht. Er ist ein ehemaliger Bandkollege von Leon, dem Schlagzeuger, der nach der Lehre als Chemikant nicht übernommen wurde und nach mehreren schlecht bezahlten Zeitarbeitsstellen im ehemaligen Ausbildungsbetrieb eine Festanstellung forderte, worauf er nun gar keine Arbeit mehr hat. Thorsten ist schon dreißig und wirkt unter uns wie so ein lockerer Aufsichtstyp im Ferienlager. Wenn ich das aus der Entfernung richtig verstanden habe, will er die Band wieder zusammen bringen und Leon als Drummer dabei haben. Ich hätte jetzt erwartet, dass Leon sich total darüber freut. Aber Leon wirkt richtig sauer. Er blafft Thorsten an:

„Du warst es doch, der erst alles kaputt gemacht hat, als wir gerade ein paar Auftritte in Aussicht hatten – du mit deinem Personal Management – wolltest doch ganz groß rauskommen. Und jetzt kommst du wieder angekrochen. Scheiße Mann! Du hast damals alle unsere Hoffnungen zerstört! Geh weg!“

„Hey Leon, weiß ich doch. Du hast jedes Recht, mich anzuschreien. Aber bei mir hat sich damals alles überschnitten. Als ich das Angebot bekommen habe, war ich absolut blank. War zwar nur ein Praktikum für ein Jahr, aber wenigstens nicht ganz ohne Bezahlung. Außerdem hatte ich Druck von meinen Eltern, die mein ganzes Studium bezahlt haben und auch mal Erfolge sehen wollten. Ich mag meine Eltern, so ein Stress zermürbt mich.

Außerdem hat man mir versprochen, dass ich gute Aussichten auf eine Festanstellung hätte, wenn ich mich richtig reinknie und auch zu Überstunden bereit bin. Da musste ich mich entscheiden. Für Musik war einfach keine Zeit mehr.

War dann alles ein Riesenbeschiss. Als das Jahr um war, stand schon der nächste Uni-Absolvent auf der Matte, um meinen Platz einzunehmen. Im letzten Jahr habe ich über 50 Bewerbungen geschrieben, war auch bei einigen Bewerbungsgesprächen, aber keine feste Stelle in Sicht. Glaubst du denn, mir geht`s gut damit?“

„Du wirst heute überall beschissen, es gibt nur noch Sklavenarbeit. Studiert oder nicht. Hättest du wissen können, du Genie! Also, wie stellst du dir das jetzt vor?“

„Willst du`s nur wissen oder bist du dabei?“

„Lass erst mal hören. Dann denk ich vielleicht drüber nach.“

„Du bist immer noch so ein harter Knochen. Das war schon mal kein Nein.“

„Aber auch kein Ja!“

„Also ich habe den Produzenten eines Indie-Labels kennengelernt. Dem hatte ich Demos von uns geschickt. Er meinte, die Zeit ist vielleicht reif für unsere Musik. In vier Wochen haben wir einen Studiotermin. Wenn du nicht mitmachst, kann ich den gleich wieder absagen.“

„Hast du ein Glück, dass ich gerade kein gutes Angebot als Super-Manager vorliegen habe. Das könnte ja dann doch noch was werden mit uns. Darauf eine Friedenspfeife und ein Wodka.“

„Aber am Montag müssen wir anfangen zu üben, Proberaum habe ich schon.“

„Geht klar, und jetzt Party!“

Es gibt Applaus, als hätten sie schon den Grammy gewonnen. Die Wasserpfeife wird herumgereicht und getrunken wird reichlich auf den zukünftigen Erfolg.

 

 

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