Sophie 25

„Drecksschule – nie wieder. Da musst du weg, bevor du ganz klein bist. Man muss es alleine schaffen. Und siehste, geht doch!“

„Den meisten Lehrern bist du nur lästig. Oder du bist bei den Besten, dann läuft`s.“

„Oder deine Eltern sind Bürgermeister oder haben viel Geld. Dann sind die auch ganz still. So krass, Mann! Was für Opfer.“

„Frag mal was, dann komm so Sprüche: Frag nicht, hör einfach zu. –  Ich hab jetzt keine Lust mehr! – Wenn du das nicht verstehst, dann bist du hier fehl am Platz! – bringt voll die Motivation. Da kann mer doch besser gleich im Bett bleiben.“

„Ich hass die am meisten, die so süß freundlich tun, wenn Eltern oder Kollegen da sind. Aber wenn die Klassentür zu ist, geht der Punk ab. Da kriegste den ganzen Frust ab. Solche sind voll psycho. Aber das glaubt dir ja keiner.“

„Als Ausländer biste immer der Assi und an allem schuld. Wenn was mit Drogen oder Klauen is, wer wird als Erster gefragt? Das muss mer sich net geben.“

„Ja, stimmt genau. Macht doch keinen Unterschied, ob du`s wirklich machst oder net.“

„Da müsste mal so richtig der Blitz reinschlagen!“

„Oder en Meteor.“

„Hey Leute, macht euch keinen Stress mehr damit. Geht vielleicht eh bald alles in die Luft. Wenn dieses Jahr noch die Welt untergeht, könnt ihr ganz geschmeidig bleiben.“

„Meinst du wegen dem Maya-Kalender? Ich hab meine Zweifel, ob das alles so stimmt.“

„Ich denk auch, die haben sich verrechnet.“

„Ja, oder die warn noch gar nicht fertig und hatten plötzlich keinen Bock mehr.“

„Genau, weil da so`n Lehrer kam und alles besser wusste.“

„Ha, oder die haben mittendrin gemerkt, dass sie einen Fehler gemacht haben und wollten nicht noch mal von vorne anfangen.“

Ich hatte zwischendurch schon Sorge, die Stimmung könne kippen. Es lag so viel Aggression in der Luft. Aber nun waren alle wieder locker und alberten herum. Dazu beigetragen hat sicher auch unser Wettschwimmen, das wir nach dem Essen spontan veranstalten. Eine Weile sitzen wir später noch im Gras und beobachten einen absolut kitschigen aber versöhnlichen Sonnenuntergang. In diesem Moment wirken sämtliche Gesichter ganz weich und zart. Erstaunlich! Wer würde wohl zugeben, welche Gefühle das Bild hochspült? Niemand spricht, jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach, bis – ja bis mitreißende Trommeln  die Stille zerreißen. Jemand hat die Musik wieder eingeschaltet.

Als Nebel aufzieht und es zunehmend kühler wird, versammeln wir uns im „Mannschaftszelt“. Die Party geht weiter, genauso wie in den vergangenen Tagen. Später am Abend erscheint plötzlich Karims ältere Schwester Tasmin. Sie wurde geschickt, ihn abzuholen. Er hat sich noch gar nicht zu Hause gemeldet nach seiner Rückkehr. Die Eltern warten schon seit Stunden. Tasmin weiß meistens, wo er zu finden ist. Ein paar Vorwürfe muss er sich anhören. Sein schlechtes Gewissen versucht er zu verbergen, indem er die Lippen zusammen kneift und die Schwester zornig anblitzt. Sie bleibt davon völlig unberührt, setzt sich zu uns und wartet ab, damit er Zeit hat, von „Ich lass mir nix mehr vorschreiben!“ zu „O.K., ich komme jetzt.“ umzuschwenken. Die beiden sind sich sehr vertraut, kennen sich genau. Da braucht es nicht viele Worte. Unwillkürlich muss ich lachen. Es ist wie in der Grundschule.

Ich erinnere mich noch gut, wie sie ihn in der ersten Klasse immer zur Schule brachte und mittags abholte. An jedem Morgen ein halbes Drama. Er klammerte sich an sie, weinte und wollte ums Verplatzen nicht alleine durch die Tür gehen. Manchmal, wenn er sich gar nicht beruhigen ließ, begleitete sie ihn dann noch bis zur Klassentür. Es schien ihm völlig gleichgültig, ob die anderen ihn auslachten. Aber dann ging er zu seinem Platz, feuerte den Ranzen auf den Boden, stütze den Kopf auf die Arme und sah genauso aus wie jetzt, finster und nicht ansprechbar. Mir tat er leid, ich mochte ihn gerne. In den Pausen war er so witzig und sagte kluge Sachen. Es dauerte lange, bis er das auch im Unterricht tat. Er sollte erst nicht aufs Gymnasium, weil seine Mutter kaum deutsch sprach. Die Lehrer hatten deshalb Bedenken. Das weiß ich, weil ich ein Gespräch belauscht habe. Ich empfand dieses Gerede als gemein und ungerecht.

Tasmin studiert Jura. Sie hat das Abitur mit einem genialen Durchschnitt gemacht, obwohl sie auf dem Weg dahin zweimal wiederholen musste. Ich frage sie, wie sie es geschafft hat, trotzdem so konsequent weiter zu machen und dann noch mit so einem Ergebnis.

„Ach weißt du, ich hatte dieses Ziel vor Augen und wollte es unbedingt allen zeigen. Das haben mir doch die wenigsten zugetraut, dass ich durchhalte. Zwischendurch hätte ich beinahe manchmal aufgegeben. Aber dann kam so eine Wut, ich wollte nicht mein Leben lang schlucken. Eines Tages wollte ich auf die herunter blicken, die es mir so schwer gemacht haben. Es ist mir wohl gelungen, die Energie meines Zorns in Leistung umzuwandeln.“

„Aber du warst doch eine gute Schülerin. Was genau hat dich denn zwischendurch so ausgebremst?“

„Am schlimmsten ist diese unterschwellige, ständige Abwertung und auch Ablehnung, die dich plötzlich trifft. Als kleines Mädchen findet man dich süß, du bist fleißig und unauffällig, die Lehrer mögen dich. Dann kommst du aufs Gymnasium und dir schlägt sofort ein anderer Wind entgegen. Plötzlich bist du Konkurrenz, die unerwünscht ist. Um dich zu halten, musst du doppelt so hart arbeiten wie die anderen. Jeder Fehler wird gnadenlos negativ bewertet. So habe ich es jedenfalls empfunden.

Es gab immer wiederkehrende Auffälligkeiten. Zum Beispiel bei mündlichen Beiträgen. Wenn andere mal etwas Falsches sagten, dann wurden sie nachsichtig und freundlich aufgeklärt. Passierte das bei mir, dann wurden die Augenbrauen hoch gezogen und der Kopf geschüttelt, mal missmutig, mal mitleidig, und ein anderer Schüler wurde aufgerufen. Wenn ich Fragen stellte, wurde oft geantwortet, das müsse ich aber langsam wissen oder das könne ich selber nachlesen.

Am übelsten fand ich solche Bemerkungen wie: „Das ist für dich natürlich schwerer zu verstehen. Du kommst ja aus einem anderen Kulturkreis.“ Es war vielleicht nicht immer so negativ gemeint, wie ich es verstanden habe und auch haben nicht alle Lehrer so reagiert, aber es war die Mehrheit. Außerdem, als armes, unwissendes Ausländerkind gehandelt zu werden, stärkt auch nicht gerade das Selbstwertgefühl.

2 Gedanken zu “Sophie 25

  1. Die Liebste hatte damals das „Glück“, der einzige „Schwarzkopp“ in der Klasse zu sein, ein Exot sozusagen, damals, in den späten 60ern. Und dennoch bekam sie geballten Scheiß zu hören wie „…wasch dir mal die Augen…“ Von Lehrern wohlgemerkt, nicht von den Klassenkameraden.

    Wenn ich an manche Lehrer denke – die schon im dritten Reich unterrichtet hatten … wir bekamen die kurz vor der Pensionierung Stehenden, und sie hatten Narrenfreiheit. Arschgeigen…

    Gefällt 2 Personen

    1. Und was mir so schlimm erscheint ist, dass das alles sehr lange nachwirkt. Es ist ja nicht vorbei, wenn man die Schule verlassen hat. Mich kotzen die auch so an! So viel Übles habe ich mir angehört von Freunden meiner Kinder und ehemaligen Schülern. Das gehört einfach an die Oberfläche und ins Bewusstsein. Und wenn du dann in eine Klasse zur Vertretung kommst und erlebst einen Neunjährigen, den du privat als patent und pfiffig kennst, der sich unter dem Tisch zusammenrollt und am Daumen lutscht. Da kann man nur noch Schreikrämpfe kriegen. Ich bin die Lehrerin voll angegangen, aber sie hatte damit nichts zu tun. Nach ihren Worten eben ein unmögliches Kind! Habe den Eltern dann geraten, das Kind aus der Klasse oder der Schule zu nehmen und sich dabei ruhig auf mich als Zeugin zu berufen.

      Gefällt 2 Personen

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