Sophie 24

Die Großeltern fühlten sich ewig fremd und einsam, angefeindet, nicht anerkannt und litten  unter gewaltigem Heimweh. Sie wollten nicht in der Fremde sterben und so bald als möglich wieder nach Hause zurück. Verwirrt, manchmal auch bestürzt über die Lebensweise, die sie weder verstanden noch guthießen und oft geschmäht für die Ausübung ihrer Religion und ihre andersartige Kleidung, zogen sie sich ganz auf sich selbst zurück. Um sich in der Fremde ein wenig Heimat zu erschaffen und auch um ihre Kinder nach ihrem Verständnis zu beschützen, hielten sie eisern fest an ihrer Kultur. Es war ein Leben in Traurigkeit und voller Sehnsucht.

Die Eltern wollten und sollten es zu etwas bringen, arbeiteten schwer und bemühten sich um Anpassung und Anerkennung und schluckten dafür sicher mehr Demütigungen als für die Seele gut ist. Nur selten kam es zu Annäherungen, zu tief saßen die Vorurteile. Dabei kann man Vorurteile am besten durch Kontakte vernichten. Sie wollten keinen Ärger, so begehrten sie nicht auf. Ihre Kinder sollten eine gute Schulbildung erhalten. Sie sollten es einmal besser haben. Das wünschen sich ja alle Eltern für ihre Kinder. Viele bauten kleinere und auch große Geschäfte auf, die würden sie nicht so leicht wieder aufgeben. So wurde für sie eine Heimkehr immer unwahrscheinlicher. Außerdem hatten sie sich an viele Annehmlichkeiten auch gewöhnt. Das Heimweh blieb, das konnte ein Sommerurlaub nicht heilen. Auch sie konnten sich ein kleines Stück Heimat nur über Rituale und das Festhalten an heimischen Regeln erhalten.

Die Mädchen waren eher still und fügsam, schluckten dumme Bemerkungen hinunter, ergaben sich in die Situation oder entwickelten einen enormen Ehrgeiz. Bei den Jungen war das schon schwieriger. Sie wehrten sich heftig, oft total übertrieben, verweigerten die Schule, spätestens nach der Grundschule. Das habe ich oft erlebt. Aber wenn sie nicht nur für sich handeln, sondern stellvertretend für ihre Eltern und Großeltern, dann haben wir schon den Zorn multipliziert mit 3. Dann ist die Steigerung der Gewalt wohl daraus zwangsläufig entstanden.

Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, während wir zusammen grillen, essen, rauchen, trinken. Sicher habe ich etwas verpasst. Aber egal! Durch das Nachvollziehen der Entwicklung ist mir Vieles klarer geworden. Für mich heißt das, wenn man an einem Punkt dieser Reihenfolge für eine positive Veränderung sorgen würde, dann könnte man dadurch auch das Ergebnis erfolgreich zum Besseren verändern. Aber der erste Schritt ist das Verständnis für die Prozesse und dass diese auch durch unser Verhalten entstanden sind. Dazu ist es allerdings nötig, sich das gesamte System erst einmal ohne jede Bewertung anzusehen. Das fällt nach meinen Beobachtungen den meisten Menschen sehr schwer.

Einige Worte sind während meines Sortierungszustandes aber doch an mein Ohr gedrungen. Ein Kumpel von Taifun hatte etwas gesagt, das meine Aufmerksamkeit erforderte:

„Schule ist klar. Da hat Taifun Recht. Nur in unserer Gruppe kriegt jeder seinen Respekt. Wenn du immer nur am Rand stehst in einem System und als Mensch keine Bedeutung hast als die des Sündenbocks, dann gehst du da raus und suchst außerhalb nach dem, was jeder Mensch braucht. Höchstwahrscheinlich gäbe es ohne die ständige seelische Verletzung keine Unterwelt, Protestkultur oder Nebenkultur.

Wie ich heiße, ist egal, ich brauche meinen richtigen Namen nicht mehr. Ich bin einfach nur ich und damit stehe ich für alle, die als Mensch gesehen werden wollen. Nicht gleich in Schubladen gesteckt werden möchten nach Namen, Volk, Religion und Einkommen.

Meine Eltern haben hier eine große Baufirma aufgebaut, mir ging es immer gut, solange ich noch klein war. Als ich in der Schule extreme Schwierigkeiten bekam und mich alle schrecklich fanden, sagten meine Mutter und mein Vater immer noch, dass ich großartig sei und schon meinen Weg gehen würde. Aber das hat nicht viel gebracht, ich zweifelte immer stärker an mir. Ich dachte, sie sagen das nur, weil sie mich lieben. In der Klasse machte ich immer öfter den Kasper oder Rüpel, um zu zeigen, dass mir das alles nichts ausmacht.

Irgendwann ließen meine Eltern mich dann bei unserem Kinderarzt und Psychologen einen Intelligenztest machen. Heraus kam, dass ich hochbegabt bin und sie hatten ein Gespräch mit meinen Lehrern, um zu beraten, wie es mit mir vernünftig weitergehen sollte. Danach waren sie ziemlich frustriert, erzählten mir aber nichts. Ich hörte meine Mutter nur mal sagen, dass sie vielleicht doch besser nicht zu unserem arabischen Arzt, sondern zu einem deutschen hätten gehen sollen. Mein Vater hielt das für albern. Schließlich praktiziere der schon zwanzig Jahre in Deutschland und hätte auch viele deutsche Patienten. Aber ich habe daraus geschlossen, dass wir tun können was wir wollen, sein können was wir wollen, wir werden niemals richtig anerkannt.

Das mit der Schule ging schief. Irgendwann schloss ich mich unseren Leuten an. Da bekam ich Unterstützung, Ansehen, eine Aufgabe und meinen Stolz zurück. Wir können uns absolut aufeinander verlassen. Deshalb sind wir auch loyal ohne jede Einschränkung, auch wenn wir nicht alles richtig finden, was so abgeht. Wenn es sein muss, dann gehen wir auch für einen anderen ins Gefängnis.“

Zustimmendes Nicken bei Vielen, Staunen bei einigen Anderen. Das war wirklich eindrucksvoll. Ich erinnere mich an einige auffällig gute Graffitis, die sämtlich mit “just me“ unterzeichnet waren. Ob sie von ihm stammten? Da ich sicher war, auf eine entsprechende Frage keine Antwort zu bekommen unterließ ich das, obwohl es mich brennend interessiert hätte.

Es ist plötzlich laut geworden. Eine neue Gruppe ist aufgetaucht. Sie sind offensichtlich alte Bekannte. Fünf Freunde, die auch auf Schule pfeifen und mit einem Transporter aus Marokko Möbel und Kleinkram holen, den sie an Spezialgeschäfte verkaufen, erfahre ich. Einen kenne ich ja! Das ist Karim, mit dem ich schon in der Grundschule zusammen war. Aus dem zarten, ängstlichen Jungen mit den schwarzen Locken ist ein großer kräftiger Kerl geworden. Ein Jahr lang besuchte er noch das gleiche Gymnasium wie ich, dann haben wir uns aus den Augen verloren.

Er strahlt, als er mich erkennt und umarmt mich. Dann erzählt er mir, dass er in der zehnten Klasse die Schule geschmissen hat, weil er es einfach nicht mehr aushalten konnte. Morgens beim Aufstehen hatte er schon Schweißausbrüche, hat darum auch oft geschwänzt. Als ich ihm erzähle, dass ich auch gerade alles hingeworfen habe, lacht er laut und meint, das hätte er von mit ja am wenigsten erwartet. Ich sei doch so intelligent. Oft sei genau das das Problem, erwidere ich. Er wirkt zufrieden mit seinem Leben, ist sein eigener Herr und die Geschäfte laufen richtig gut, die Nachfrage ist groß. Sein Cousin hat ihn zu der Gruppe geholt, sie sind alle zwischen 18 und 21 Jahre alt.

Das Thema Schule steht weiterhin im Mittelpunkt. Richtig verarbeitet haben die meisten ihre Erfahrungen noch nicht, trotz geschäftlicher Erfolge.

 

 

 

 

 

2 Gedanken zu “Sophie 24

    1. Hängt ja immer von der Definition ab. Wenn der Grundstock Hartz IV und/oder fremdbestimmte niedere Arbeit ist und unter Berücksichtigung des jugendlichen Alters düfte gesch. Erfolg darin bestehen, seine Lebensunterhalt gut zu bestreiten, finanziell unabhängig zu sein, die Familie unterstützen zu können und sich ein tolles Auto leisten zu können. Vielleicht noch ne goldene Uhr? Hochstapler würden sich gar bei Geschäften zwischen zwei, drei Ländern als Global Player bezeichnen.

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