Sophie 23

Mein Großvater wohnt auch hier. Einmal war ich bei ihm und hab gesagt, dass es mich fertig macht, wie mein Vater so schwach ist und dass ich ihn verachte. Da is mein Großvater ganz ernst geworden und hat gesagt, das darf nicht sein und ich bin ungerecht. Ich muss mein Vater respektieren – weiß ich ja auch – und soll ihn unterstützen.

Dann hat er mir zum ersten Mal seine Geschichte erzählt, wie er nach Deutschland gekomm is und so. Wisst ihr, er war mal ein stolzer Mann bei sich zu Hause, so ne Art Richter. Das ganze Dorf hat nach seim Rat gefragt. Obwohl er nie ne Schule besucht hat. Er war richtig was wert. Alle warn arm, aber zufrieden. Richtig schlimme Sachen sind dort nie passiert, höchstens mal Streit in Familiensachen oder wegen Ackergrenzen und so. Eigentlich wollt er nie sein Land verlassen.

Ein paar Jahre gab`s dann schlechte Ernten und die jungen Männer hatten gehört, dass man in Deutschland gut Geld verdienen kann. Deshalb wollten die weggehen, mein Vater war auch dabei. Meine Eltern hatten grad geheiratet und meine älteste Schwester war unterwegs. Deshalb wollte mein Vater seine Frau nachholen, wenn er ne Wohnung hätte. Viele der andern Männer gingen allein, aber alle wollten irgendwann wieder zurück.

Und weil mein Großvater keine Frau mehr hatte und seim Sohn helfen wollte, schnell genug Geld für die Rückkehr zu verdienen, is er mit. Hier war er Hilfsarbeiter, verstand die Sprache net, wurde angeschrien, wurde total unsicher und war nix wert. Aber mein Vater fühlte sich ganz wohl, hat ein Sprachkurs gemacht, verdiente gutes Geld am Bau und passte sich an, um möglichst wenig aufzufallen. Im Werk hatte er auch gute Kumpel. Die kamen aber nie zu uns nach Haus.

Zuerst ham se viel gespart und angefangen, im Urlaub das alte Haus in der Türkei schön zu machen. Jede Menge Geld ham sie an die Verwandten geschickt und im Sommer  Geräte und Maschinen als Geschenk hingebracht. Ein Jahr war mein Vater arbeitslos, weil sein Betrieb dichtgemacht hat. Das war echt schrecklich! Ich erinner mich, war noch klein. Die hatten schon Angst, sie müssten zurück, obwohl sie noch nicht genug Geld hatten, schon drei Kinder da waren und das Haus noch net mal halb fertig war. Außerdem gab`s keine Arbeit da.

Dann hat er neue Arbeit hier gehabt. Da war`s wieder besser. Er wollte gern, dass wir studiern. Das wär sicher, hat er gesagt. Wir sollten auch nicht zum Türkischunterricht, es wär nicht gut für Deutsch, hätten die Lehrer gesagt. Das fand mein Großvater net gut. Wir würden unsere Wurzeln verliern und verraten, meinte er. Brutale Diskussionen damals – viel Geschrei.

Vor vier Jahren hat mein Vater ein Arbeitsunfall gehabt. Erst lange krankgeschrieben, dann wieder arbeitslos. War ja gar net seine Schuld. Konnte auch nicht mehr am Haus arbeiten. Ich soll jetzt Schule gut weitermachen, richtig türkisch lernen und zu Hause ein Job suchen – Türkei hat jetzt gute Wirtschaft und viele Arbeitsplätze. Das sagt mir mein Großvater.

Aber ich kenn das alles nur von Ferien und auf so Dorf hab ich auch nicht wirklich Lust. Da sagt er noch, ich muss in die Stadt gehen, unser Dorf können wir vergessen für immer. Er hat keine Hoffnung mehr, die Heimat noch einmal zu sehn. So traurig hat er das gesagt. Als wollt er gleich aufhören zu atmen. Aber ich bring ihm hin, ich schwör! Hab ich versprochen. Wir haben geweint zusamm.

Als er fertig war, hab ich gedacht, was mach ich hier eigentlich noch? Richtig deutsch werd ich nie, richtig Türke bin ich auch nicht mehr. Bin ich gar nix! Muss ich nicht zurück gehn? Viel türkisch kann ich echt net, das ändert sich jetzt! Alles ändert sich jetzt. Wir ham auch unseren Stolz! Die Schilder an den Wirtschaften von früher mit „Keine Türken!“, „Keine Sizilianer!“ – hat mein Großvater auch erzählt – sin net mehr da. Aber im Kopf schon. Das merkst du überall. Und wenn nix klappt, dann lass ich mir trotzdem gar nix mehr gefallen!“

Taifun hat Tränen in den Augen. Wir anderen sitzen alle still und betroffen. Was soll man dazu auch sagen in diesem Moment? Seine Geschichte hat uns richtig mitgerissen, sehr nachdenklich gemacht. Ja, die zweite, manchmal auch dritte Generation. Es wird ja so viel darüber geredet, dass die so viel brutaler sind als ihre Eltern es waren. Keiner versteht warum – ich bisher auch nicht. Jetzt begreife ich es schon. Vieles überspringt eine Generation, vielleicht auch das Bedürfnis nach Wiedergutmachung oder Rache.

 

 

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