Sophie 22

Bleona aus Bosnien hat sich ebenfalls in der Schule unheimlich angestrengt. Manchmal macht ihr die deutsche Sprache noch Probleme – sagt sie -, weil sie erst mit acht Jahren nach Deutschland gekommen ist. Mir ist da bisher nichts aufgefallen. Mit Englisch hatte sie ziemliche Schwierigkeiten. Das kann man sich ja auch vorstellen. Es war schließlich die zweite Fremdsprache innerhalb kurzer Zeit für sie.

„Ich wollte so gerne eine Lehre im Hotelfach haben. Aber wenn ich überhaupt zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen wurde, haben sie immer nur nach Englisch und Französisch gefragt. Dabei kann ich außer bosnisch, serbisch und deutsch noch richtig gut türkisch und arabisch. Diese Menschen gehen doch auch in Hotels, da gibt es doch viele Reiche. Aber das hat niemanden interessiert. Mit dem, was ich kann, kriege ich einfach keine Stelle.

Jetzt hab ich ein paar Mal vom Arbeitsamt so Billigarbeiten im Lager bekommen. Da wirst du nur rumgeschubst, beschimpft und ständig auf Diebstahl kontrolliert. Jeden Abend fällst du todmüde ins Bett und das Geld reicht trotzdem nicht für das Nötigste. Das will ich einfach nicht mehr. Manchmal weiß ich einfach nicht mehr weiter. Ich hab so eine Wut auf die alle! Egal was du machst, sie lassen dich einfach nicht hochkommen.“

Fanny, die mit ihrer Schwester Fritzi seit zwei Tagen hier ist, hat einiges zu berichten:

„Wir ham von dem ganzen Scheiß auch die Nase voll. Bei uns is Schule echt das kleinste Problem. Letzte Woche ham se unsern Jugendtreff auseinander genommen. Da muss uns einer verraten haben. Bei uns wurd auch Gras gefunden und ein paar Pillen. Dann Personalien und Anzeige. Als hätten wir net schon Stress genug zu Haus. Nachts schlafen wir in einem Bett, damit keiner auf Ideen kommt. Ständig werd ich wach, weil man nie weiß, was unten abgeht. Ewig nicht mehr durchgeschlafen.

Unser ekliger Stiefvater würd krass ausrasten, wenn der uns findet. Der säuft sich jeden Tag zu und verprügelt die Mutter und manchmal auch uns. Ich war schon ein paar Mal kurz davor, ihm eine von seinen Flaschen über den Kopp zu haun. Aber Drogen – oh je – ganz schlimm!

Diesmal würd es ganz sicher uns treffen, Panik pur! Wir hatten eh vor, so schnell wie möglich da weg zu kommen. Aber wir sind erst 16 und 17. Dann haben wir uns gedacht, wenn wir mal n paar Wochen weg sind, vielleicht machen sie sich doch Sorgen und lassen uns danach in Ruh. Also sind wir gleich am nächsten Tag weg. Is voll die Erholung hier. Na ja, mal sehn, was kommt.“

Bis jetzt haben nur Mädchen geredet. Die Jungen sind heute Abend seltsam zurückhaltend. Taifun sitzt sehr nachdenklich in der Ecke. Dann rutscht er langsam näher. Er war sonst immer einer der Lautesten mit den härtesten Aussagen. Dann traut er sich. Vielleicht muss es jetzt auch einfach aus ihm heraus.

„Schule und Berufsschule ist echt zum Vergessen. Denen geht doch einer ab, wenn sie dich fertig machen können. Was für Opfer! Die ham sich echt mal Eine verdient, damit se wissen, wer hier stärker ist. Ich lass mir doch net länger einreden, dass ich en blöder Türk bin. Ich weiß genau, dass ich´s voll drauf hab.“

Auf seiner Stirn hat sich eine dicke rote Ader gebildet. Gleich explodiert er. Die meisten nicken zustimmend. Mir tut er sehr leid. Seine Augen sind so traurig und diesen Zorn kenne ich nur zu gut. Der kommt aus dem Schmerz und nicht aus den Genen. Ich möchte ihm so gerne etwas Positives sagen. Vielleicht erzähl ich erst einmal etwas von mir, damit sie akzeptieren, dass ich eine von ihnen bin. Danach habe ich das Gefühl, dass ich voll angenommen werde und wende ich mich direkt an Taifun.

„Das  Problem sind die Vorurteile bei so vielen Lehrern und auch bei anderen. Und wenn du dich mit Gewalt rächen willst, dann hast du genau die bestätigt. Dann werden alle sagen, sie  hätten ja Recht gehabt und schon immer gewusst, dass du so endest. Aber genau das willst du ja nicht.

Am härtesten kannst du sie treffen, wenn du das Gegenteil tust und beweist, wie gut du bist. Wenn du sie reden lässt und dein Ding durchziehst, lernst was du brauchst und es zu etwas bringst trotz aller Widerstände. Dann kannst du sie mit Verachtung strafen. Dann müssen sie dir zuhören. Das ist natürlich anstrengend. Aber ich bin davon überzeugt, das lohnt sich.

Also ich werde mir nicht mein Leben kaputt machen lassen. Ich werd weiter machen. Nicht mehr da, aber es gibt so viel andere Möglichkeiten. Fernkurse zum Beispiel. Daran hab ich auch schon gedacht. Da muss ich mich halt noch genau informieren. Erst einmal werde ich für  mich lernen, rauskriegen, was ich will. Dann zieh ich das durch.“

Taifun hat aufmerksam zugehört. Ab und zu wurden seine Augen zu schmalen Schlitzen. Sah nicht gerade nach Zustimmung aus. Sicher habe ich ihn nicht so schnell überzeugen können. Aber langsam reicht ja auch. Ich bemerke bei mir den harten Willen, es zu schaffen. Interessant, ich habe diese Worte auch zu mir gesprochen. Das fällt mir jetzt erst auf. Schon spannend, wie das Gehirn so funktioniert, uns auf Umwegen Dinge klarer sehen lässt. Nach einer kleinen Pause fängt Taifun wieder an zu reden.

„Hey, das mit deinem Großvater tut mir leid. Auch dass deine Eltern dich nicht verstehen. Meine verstehen mich auch nicht. Sie wollen immer nur, dass ich friedlich bin, mich anpasse und es zu etwas bringe. Aber das hat bei denen ja auch nicht geklappt. Mein Vater ist arbeitslos, der sitzt nur rum. Der hat überhaupt kein Saft mehr. Das nervt mich total. Meine Mutter geht putzen bei fremden Leuten. Dann arbeitet sie zu Hause weiter. Oft streiten sie sich, fast immer wegen mir. Ich hab schon meim Vater gehorcht, aber ich hab ihn verachtet für seine Schwäche.

Alles so depri, da hast du doch auch kein Bock mehr. Wofür lernen, wenn du dann doch keine gute Arbeit kriegst, deine Frau weint und die Kinder sich für dich schämen? Was für`n Leben! Meistens bin ich draußen, weil ich das nicht mehr sehn will. Bei meinen Kumpels bin ich wenigstens wer. Die akzeptiern mich wie ich bin. Klar machen wir viel Scheiß, aber wir tun wenigstens was. Is ja sonst wie tot.

 

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