Sophie 21

Mittwoch! Ab heute bin ich frei, kein Wandeln zwischen den Welten mehr. Ein Ende dieser Lügen, die ich doch so tief verabscheue. Heute ist der Tag, an dem ich mich auf die Anderen einlassen kann, sagt mein Kopf. Vor den Zelten ist richtig Leben, hier und da brennt ein Feuer, Leute sitzen daran, rauchen, lachen, schwatzen laut und essen mit den Fingern, eine Flasche kreist. Die Stimmung steigt, die Lautstärke von Gesprächen und hämmernder Musik auch. Vollkommene Basstöne erreichen meinen Bauch, machen ihn zu einer flatternden Membran, leeren mein Hirn aus. In diesem wunderbaren Augenblick gibt es nur die Musik. Es geht mir gut – überraschend, ja – aber es geht mir richtig gut.

Jetzt will auch mein Körper den Kontakt. Ich gehe auf zum größten Zelt und setze mich dazu. Keiner stellt Fragen, alles ist locker. Man reicht mir die Flasche, ich nehme einen Schluck. Alle lachen, ich habe wohl ziemlich heftig das Gesicht verzogen. Das ist aber auch ein starkes Zeug! Als nächstes kreist ein Joint. Nach zwei Zügen setzt eine erholsame Beruhigung all meiner Sinne ein, alles verlangsamt sich, die Bilder in meinem Kopf werden blasser. Diese Erfahrung habe ich schon öfter gemacht, allerdings bewusst niemals in der Snowboardsaison. Ich habe nämlich festgestellt, dass Gras mich auch vorsichtiger, zögerlicher macht und diese Reaktion kann ich weder im Training noch beim Rennen gebrauchen. Gerade überlege ich, wie sich das Rauchen wohl auswirkt auf Menschen, die von Natur aus schon eher gedämpft und phlegmatisch sind. Ist sicher nicht von Vorteil.  Passenderweise schwenkt die Musik nun auf Reggae um.

Irgendwann, es ist nun schon beinahe dunkel geworden, holen wir alle unsere Vorräte zusammen und essen miteinander. Da werde ich zum ersten Mal gefragt, wie ich heiße und wo ich herkomme. Ich erzähle dann ein wenig von mir, dass ich die Schule und das Leben einfach nicht mehr ertragen konnte, deshalb allen den Rücken gekehrt hatte, bis ich einen Sinn für meine Existenz gefunden hätte. Aus der Zustimmung und den Zurufen schließe ich, dass Schule und Berufsschule bei allen der hier Anwesenden verhasst ist. Sicher nicht aus denselben Gründen, aber die Auswirkungen sind gleich. Nicht, dass mich das wundert, aber ich finde das eigentlich ziemlich schlimm. Alles unsere Schuld? Sicher nicht!

Den Rest des Abends hören wir Hip Hop und Hard Rock, blödeln herum. Einige tanzen, andere torkeln zum Rhythmus. Die Stimmung wird noch angefeuert durch jede Menge Alkohol und irgendwelche Pillen. Es scheint, dass Jeder etwas mitgebracht hat. Ich schlucke alles, solange es mir bekommt. Einige wollen über das Lagerfeuer springen. Abgefahrene Idee! Es wird nach mehr Holz gesucht, damit es nicht zu einfach ist. Zwei Mädels haben Röcke an, das taugt nicht dazu. Sie ziehen sie murrend aus, das hätte doch sicher toll ausgesehen! Es wird barfuß gesprungen. Ein Teil hüpft am Feuer vorbei, ein Teil drüber und ein weiterer Teil verbringt den Rest der Nacht mit den Füßen im Wasser. Ernsthaft verletzt hat sich niemand. Wir haben jede Menge Spaß.

Als ich aufwache, steht die Sonne schon hoch am Himmel. Vor den anderen Zelten ist noch kein Lebenszeichen zu entdecken. So im Großen und Ganzen fühle ich mich wohl, aber die Temperatur ist für meinen Kopf ein kleines bisschen zu hoch. Im See springen ein paar Fische, die Vögel zwitschern fröhlich, was für ein herrlicher Tag! Ich renne in das kühle Wasser und schwimme mit voller Kraft einige Bahnen. Erfrischt und ohne Kopfschmerzen lasse ich mich nach einer halben Stunde klitschnass auf mein Handtuch fallen und von der Sonne trocknen. Erinnerungen an die unbeschwerten Sommer meiner frühen Kindheit tauchen auf. Jetzt nur nicht anfangen zu denken und alles kaputt machen!

Später – ich war wohl noch einmal eingeschlafen – ist auch das große Zelt zum Leben erwacht. Wir haben Hunger, die Reste von gestern Abend sind nicht ausreichend, wir holen Kaffee und Brötchen vom Kiosk. Dann läuft alles ab wie schon am Vortag. Sobald beunruhigende Bilder und Zweifel auftauchen, betäube ich mich mit Rauchen, Pillen Alkohol – genau wie alle hier. Auf die gleiche Weise verlaufen die nächsten Tage. Am dritten, vierten oder fünften Tag – ich habe jedes Zeitgefühl verloren – machen wir ein großes Grillfeuer. Zum ersten Mal wird Persönliches ausgetauscht und es kommt zu richtigen Gesprächen.

Aline stammt aus Holland. Sie lebt allein mit ihrer Mutter, die schon seit zwei Jahren ohne Arbeit ist und angefangen hat zu trinken. Nach einem guten Realschulabschluss hatte Aline einen Ausbildungsplatz bei einem Zahnarzt ergattert. Allerdings nur für fünf Monate.

„Mann, ich war so froh, endlich mit einer Ausbildung anfangen zu können. Ich hab mir ausgerechnet, drei Jahre und dann könnte ich von zu Hause weg. Und raus aus der Armut, eine eigene kleine Wohnung. Na ja, es kam anders. Erst war mein Zahnarzt super nett. Er hat sich auch für die Berufsschule interessiert. Und er hat mich gelobt, wie ich mit den Patienten umgehe und so. Buchhaltung hat mir halt Probleme gemacht. Da hat er mir Hilfe angeboten nach der Arbeit.

Am dritten Abend hat er angefangen, mich zu betatschen. Als ich das nicht wollte, hat er nur gelacht und immer weiter gemacht. Es war so eklig! Da hab ich ihm eine geknallt und bin raus. Am nächsten Tag hat er mir die Kündigung gegeben – weil ich die Buchhaltung nicht begreife und eine negative Arbeitsauffassung habe. Dann hat er noch gesagt, wenn ich was erzähle, würde mir sowieso keiner glauben.

Zuerst war ich einfach nur erleichtert. Ich hab mich gleich hingesetzt und haufenweise Bewerbungen geschrieben. Meine Noten waren ja ganz gut, bis auf Buchführung halt. Aber ich hab nur Absagen gekriegt. Irgendjemand hat mir dann gesagt, dass die Ärzte untereinander Erfahrungen austauschen und wenn mein Zahnarzt allen Kollegen gemailt hat, ich sei unzumutbar, dann hätte ich keine Chance. Irgendwann hatte ich echt keine Lust mehr. Aber zu Hause halt ich es nicht mehr aus. Das ist alles so gemein! Und du kannst einfach nichts dagegen tun. Ich weiß jetzt ehrlich nicht, was aus mir werden soll!“

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