Sophie 20

Zeltlager

Hier am See fühle ich mich sicher. Vor wem? Keine Ahnung, fühlt sich aber gut an. Mal sehen, wo ich mein Lager aufschlagen kann. Völlig abgelegen und einsam sollte die Stelle nicht sein, das ist mir unheimlich. Aber wo passe ich hier hin?

Ganz bewusst habe ich mich für einen Campingplatz auf der österreichischen Seite entschieden, auf dem wir mit dem Skiclub schon einmal gezeltet haben. Erstens wird mir hier kaum jemand aus dem Bekanntenkreis meiner Eltern begegnen, zweitens gibt mir der Länderwechsel das Gefühl, viel weiter entfernt zu sein von meiner alten Lebenswirklichkeit und deren Einflüssen, als dies real der Fall ist. Mit Bus und Bahn bin ich etwa eine Stunde unterwegs, das passt gerade noch. Der Platz ist gigantisch groß, hat viele unterschiedliche Bereiche, die durch dichte Bepflanzung voneinander getrennt sind. Von den meisten Stellen aus hat man einen Blick auf und über den See. Über einen schmalen Fußweg erreicht man schnell die große Liegewiese und ein Stück Strand.

Das ist hier nichts für Luxus-Camper. Eher für Menschen, die ohne Aufsicht und Platzwart ihrem ganz persönlichen Lebensstil treu bleiben und die Natur ungestört genießen wollen. Der Besitzer ist ein Harleyfahrer mit einem Herz für Jugendliche. Deshalb gibt es ein Gelände, das recht isoliert in einer kleinen Bucht ganz nah am Seeufer bei einem Kiefernwäldchen liegt, extra für uns. Dort werden die anderen Besucher nicht durch die Lautstärke unserer Musik und andere Eigenheiten gestört.

Zwischen den Bäumen sind Hängematten aufgeknüpft. Ein altes Militärzelt steht den ganzen Sommer über dort aufgebaut. Es gibt einen großen Grill, Sitzkreise aus Baumstämmen und drei Außenduschen hinter Bretterwänden, die den Kopf und die Füße freilassen. Das ist total witzig. Daneben zwei alte Klappfahrräder in einem Ständer, die so mitgenommen wirken, dass sie bestimmt keiner klaut. Aber sie sind absolut funktionstüchtig. Das ist gut, denn die übrigen Sanitäranlagen und der kleine Einkaufsladen sind ziemlich weit entfernt von dieser Stelle. Nun muss ich sie nur noch finden.

Ah, Musik hinter der Hecke, Metallica – ähnlich  Gestrickte, ich bin auf dem richtigen Weg. Ich folge den Tönen. Eine leicht abgelegene Wiese hinter einer Böschung ist von vielen jungen Menschen bevölkert. Dort fließt auch ein Bach aus dem See heraus, oder in ihn hinein, das kann ich nicht erkennen. Das ist ideal zum Kühlen der Getränke. Hunderte von Kronkorken scheinen im Sonnenlicht aufzublitzen, blinken mich an. Es scheinen sich also noch andere entschlossen zu haben, alles hinzuschmeißen. Sehr beruhigend!

Erst einmal beobachten, ganz so schnell trau ich mich an diese Kreise nicht ran. Schließlich kenne ich nicht einen Einzigen. Damit ich weniger auffällig wirke, baue ich mein Zelt in einiger Entfernung auf, wenn man dabei von aufbauen reden kann. Man wirft es einfach geschickt in die Luft und beim Aufkommen hat man eine komfortable Unterkunft.

Das Essen muss schnell in den Schatten. Ich habe mir Tomaten, Käse, Weißbrot, Salz und Gummibärchen gekauft. Das reicht für ein paar Tage. Zum Trinken habe ich Cola und Red Bull mitgebracht, das wird vorerst auch im Bach versenkt, mit einem lila Geschenkband am Flaschenhals. Mineralwasser mag ich nicht, das stille schmeckt wie eingeschlafene Füße. Der Vergleich stammt von meinem Opa und passt optimal. Schon der Gedanke daran verursacht dieses pelzige Gefühl auf meiner Zunge und den Schleimhäuten. Wasser trinke ich nur aus der Leitung oder aus Gebirgsbächen.

Auf Alkohol habe ich erst einmal verzichtet, kann ja nicht jeden Abend gasig heimkommen. Das würde Aufsehen erregen, das Letzte, was ich jetzt brauche. Die Folge davon wären nämlich Vorhaltungen, das Aufwärmen alter Vorwürfe, düstere Ausblicke auf meine Zukunft, Mahnungen zur Umkehr, Hinweise auf Reaktionen von Bekanntenkreis und Nachbarn, emotionale Ausbrüche und Erpressungsversuche, Drohungen, Forderungen – Basta! Und zwar genau in dieser Reihenfolge.

Nach dem Einräumen setze ich mich mit einem Buch vor mein Schlupfloch, habe aber überhaupt keinen Nerv zum Lesen, nichts bleibt hängen. Es erscheint mir auf einmal nicht mehr sicher, ob das hier irgendwo hinführt, ob mein Vorhaben gelingen kann. Ich befinde mich in einer Art von unruhigem, gefährlichem Zwischenuniversum, das mich lähmt. Wie während der schwülen Ruhe vor einem starken Gewitter, der Windstille vor dem Sturm, wenn kein sicherer Ort in der Nähe ist und das Ende auf einmal denkbar scheint.

Manchmal schiele ich zu der ausgelassenen Hauptgruppe, die ich gnadenlos um ihre Lebendigkeit beneide. Gerne würde ich mich auch einmal wieder so fühlen. Warum versuch ich es nicht einfach? Ach, weiß auch nicht! Vielleicht möchte ich  auch eigentlich lieber traurig sein. Mein Blick ist eher verhalten, halb sehe ich in eine leicht andere Richtung. Nur nicht aufdringlich wirken, das mag ich selber nicht und so will ich auf keinen Fall rüberkommen. Wirkung scheint hier aber reichlich egal zu sein, man beachtet mich gar nicht.

So ganz unsichtbar will ich auf Dauer sicher nicht bleiben. Aber im Moment kann ich das nicht ändern, überlasse mich meiner Melancholie, in der ich mich fast wohl und zu Hause fühle. Deshalb verbringe ich die ersten Tage hier vorwiegend mit Beobachten oder alleine in oder vor meinem Zelt. Eigentlich hatte ich geplant, meine Zeit sofort, durchgehend und ungehindert mit dem Entwurf eines Zukunftsplans zu füllen, aber das funktioniert überhaupt nicht. Ich fühle mich so entsetzlich leer und ohne Energie, muss wohl erst wieder die Akkus laden.

Es wird vorerst niemand zu Hause etwas merken. Morgens gehe ich wie üblich mit meinem Rucksack weg, gegen Abend komme ich zurück. An den Wochenenden bin ich eh meist unterwegs. Die Eltern fliegen am Mittwoch endlich auf die Malediven, danach bin ich endgültig weg. Schon ein bisschen feige, aber ich habe einfach keine Kraft mehr für diese endlosen, sinnlosen Diskussionen, die ich seit gefühlten 100 Jahren führen muss, und diese anklagenden, leidenden Blicke. Mein eigenes schlechtes Gewissen, für das ich mich verachte, lässt sich trotzdem nicht abschalten. Der Brief erscheint mir im Rückblick auch viel zu sachlich, da hätte ich ruhig auch noch ein paar freundliche Worte einfügen können. Auf der anderen Seite, wenn einem keine einfallen, dann ist da wahrscheinlich auch nichts, das erwähnenswert wäre.

Noch hat meine Flucht kein echtes Endziel, ich will im Moment gar nicht weiter grübeln. Sobald nämlich das Nachdenken und Zerpflücken der Erlebnisse, die mich zu diesem Schritt gezwungen haben, ungewollt einsetzt, schwillt auch die Wut wieder so gewaltig an, dass ich alles kaputt schlagen will. Sämtliche negativen Erfahrungen und Vorfälle der letzten Jahre, die Enttäuschungen jeder Art, der Verrat durch Lukas, der Tod meines Großvaters, das Unverständnis meiner Eltern, all das türmt sich in dunklen Bildern auf und stürzt über mir zusammen. Ich erschrecke über mich selbst, diese extremen Gefühle will ich nicht haben. Und die Anstrengungen, sie im Zaum zu halten, kosten so viel Kraft, saugen mich aus. Kontrollverlust ist unwürdig! Es macht mich alles so unendlich müde. Ich muss das später ordnen und nacheinander abarbeiten – später, nicht jetzt.

Dann kommt sie wieder, diese Lebensangst. Das Gefühl, zu nichts zu taugen. Nicht zu wissen, wofür ich auf der Welt bin und ob es überhaupt einen Grund – außer der biologischen Ursache – dafür gibt. Die Angst kommt in Wellen, Wellen, die sich höher und höher aufbauen. Auch das Gefühl gleicht dem Ertrinken. Das Wasser ist die Angst, die bei jedem Atemzug meine Lungen füllt, bis ich keine Luft mehr bekomme. Mach, dass es aufhört! Einfach sterben, jetzt auf der Stelle. Dann hört es auf – für immer! Aber ich will nicht sterben! Gib mir ein Zeichen, irgendjemand, irgendetwas, das mir beweist, dass ich für eine Aufgabe hier bin und leben soll.

Es muss mir gelingen, für einige Zeit das alles beiseite zu schieben, unbeschwerte Tage zu erleben, um wieder aufzutanken. Wenn die Gedanken sich weiter drehen, werde ich mit Sicherheit verrückt und drehe ab. Mittlerweile habe ich regelrecht Panik vor den wiederkehrenden, zerstörerischen Rückblicken und Vorschauen, rasend schnell aufblitzenden Horrorbildern, die so massiv auf mich einwirken, meinen Puls gefährlich nach oben treiben und sich so lange gegenseitig aufheben, bis ich geistig völlig orientierungslos bin. Ich will einfach nur noch vergessen – vergessen, um geistig gesund zu bleiben.

 

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