Sophie 19

Und wieder einmal hatte sich bewiesen, wie gewichtig jedes einzelne Wort sein konnte. Hätte ich nämlich nicht im allerletzten Moment “für immer“ runter geschluckt, dann hätte man bestimmt meine Eltern angerufen. Ich erschrak noch im Nachhinein bei diesem Gedanken, der mich plötzlich angesprungen hatte. So aber war es beim „Ich gehe jetzt.“, geblieben, wodurch offen war, ob ich am Montag zurück kommen würde, so dass man also von Lehrerseite gelassen bleiben durfte.

Erst einmal war Wochenende. Ich würde mein Zelt schnappen und sagen, dass ich mit Freunden am See campen wolle. Genauer würde ich mich nicht äußern. Der Bodensee war so groß, dass es schwer bis unmöglich war, mich zu finden. Ich hatte mich für einen Zeltplatz auf der österreichischen Seite entschieden. Wenn ich morgens und abends die Fähre oder den Bus nahm, wäre ich trotzdem immer rechtzeitig daheim. Das würde mir ein wenig Zeit zum Nachdenken verschaffen. Sonntag Abend käme ich nach Hause und würde Montagmorgen wie immer mit meinen Schulsachen das Haus verlassen, Dienstag könnte es genauso laufen. Mittwochmorgen war der Abflug meiner Eltern und drei Wochen ohne Versteckspiel lägen vor mir. Danach würden sie sich auf meine dauerhafte Abwesenheit einstellen müssen.

Meine Fesseln hatte ich abgestreift und war sicher nicht bereit, zurückzukehren, bevor ich herausgefunden hatte, wohin der Weg für mein weiteres, von nun an selbstbestimmtes Leben mich führen sollte. Um den richtigen Weg zu entdecken, brauchte ich Ruhe – ganz viel Ruhe. Auf jeden Fall vor den Erwachsenen in meinem Umfeld, von denen mit Ausnahme meines Großvaters keiner wirklich hilfreich gewesen war. Womöglich waren meine Eltern ganz froh darüber, mal eine Weile ohne die zwischen uns eingetretenen gewaltigen Spannungen zu leben. Dazu musste ich Ihnen allerdings die Gewissheit vermitteln, dass es sich um eine zeitlich begrenzte Abwesenheit handelte. Am besten wäre es, ihnen einen aussagefähigen Brief zu hinterlassen.

Ich hab es schließlich nur Ariane gesagt, dass ich weggehe und würde auch nur in mit ihr in Kontakt bleiben. Allerdings wollte ich ihr nicht sagen, wohn ich ging, weil ich die Hartnäckigkeit meiner Eltern kannte. Tja, ich wusste noch gar nicht so genau, wohin ich auf Dauer gehen sollte. Erst mal zelten am See, das funktioniert immer für eine Weile. Weiter denken wollte ich noch nicht. Ariane rief mich später noch einmal an und erzählte mir, ich könne für einige Zeit in Christophs Wohnung in Konstanz wohnen, für 150,00 € im Monat, wenn ich nach seinen Pflanzen und der Katze schaute. Beides wollte er nur ungern weggeben. Die Möglichkeit würde ich im Kopf behalten, wollte mich aber noch nicht festlegen.

Ihr Cousin hatte sein Praktikum abgebrochen, nachdem man ihm wieder mal ein neues für die nächsten sechs Monate in  Aussicht stellte. Er war bei Weitem kein Einzelfall. Soviel zum Thema „Fachkräftemangel“ und die durch Politik und Medien fleißig verbreitete Forderung, ausländische Fachkräfte anwerben zu müssen. Ziel kann doch nur sein, auch hier durch ein Überangebot finanziell und psychologisch immer mehr Druck auszuüben.

Christoph hatte daraufhin beschlossen, diese fortgesetzte Sklavenarbeit, die das Ergebnis von fünf Jahren Wirtschaftsstudium mit ausgezeichnetem Abschluss war, nicht mehr zu machen. Lieber ging er nach Australien, um dort ehrliche und vor allem bezahlte Arbeit als Schafscherer oder Surflehrer anzunehmen. Für ein Jahr hatte er erst mal geplant. Das Ergreifen einer solchen Alternative imponierte mir. Dort konnte er sein Surfbrett auch wieder mal nutzen.

Am Dienstagabend stand der Text für den Brief an meine Eltern fest und ich schrieb ihn noch einmal sorgfältig ab, indem ich mich bemühte, keine Fakten zu verdrehen und möglichst sachlich zu bleiben:

An meine Eltern,

zuerst einmal möchte ich Euch sagen, dass mein Entschluss gut überlegt, notwendig und unumkehrbar ist. Ich werde für einige Zeit verschwinden und mich an einem Ort aufhalten, an dem ich über meine Zukunft nachdenken kann. In dieser Zeit werde und kann ich keinen Kontakt aufnehmen. Mein Handy werde ich wegwerfen, man kann mich also auch nicht telefonisch erreichen. Für meinen Lebensunterhalt ist gesorgt, denn ich nehme mein Sparbuch mit, auf dem zurzeit über 3.000,00 € gebucht sind. Außerdem werde ich auch einen Job annehmen, um mich zu finanzieren. Schließlich werde ich in knapp drei Monaten volljährig und trage die Verantwortung für mich allein.

Meine Entscheidung hat nichts mit einem  Mann zu tun, ich bin auch keineswegs depressiv – eher ist das Gegenteil der Fall -, und ich werde völlig allein leben. Auch habe ich nicht vor, irgendwelche Dummheiten, über die Ihr vielleicht gerade jetzt nachdenkt, zu machen.

Entscheidend zu diesem Schritt beigetragen haben die Erfahrungen, die ich in den vergangenen Monaten in der Schule gemacht habe. Eure Versuche, mich ständig zu beschwichtigen und die Fixierung allein auf die Noten haben die Situation zusätzlich verschärft. Natürlich habe ich mich bemüht, ein gutes Zeugnis zu bekommen – das könnt Ihr nach den Ferien abholen und  mich ordnungsgemäß dort abmelden -, jedoch ist dies wohl fehlgeschlagen. Es war mir aber nicht so viel wert, dass ich mich und meine Ansichten verleugne und zu einer Ja-Sagerin mutiere.

Nach der Beurteilung meiner letzten Arbeiten war es mir unmöglich, ja unerträglich, diese Demontierung meines Verstandes und die ständige Missachtung meiner Fähigkeiten länger zu ertragen. Will ich nicht als Schulversagerin enden, dann muss ich für mich einen anderen, sinnvollen Weg finden, bevor mein Selbstvertrauen und meine Persönlichkeit endgültig durch fortgesetzte Dressurbestrebungen vernichtet werden. Dafür benötige ich diese Zeit für mich allein. Ich melde mich, sobald ich klar sehe und einen für mich richtigen Weg gefunden habe.

Eine letzte Bitte: sucht nicht nach mir und schaltet keine Polizei ein. Damit würdet Ihr meiner Zukunft nur Schaden zufügen.

Sophie

Nach ihrer Abreise legte ich den Brief auf den Esstisch und verließ das Haus, das für mich nie wieder dieselbe Bedeutung haben würde, auch nicht nach einer Rückkehr. Ich befand mich in einer absoluten Hochstimmung. Danach machte ich mich auf den Weg, um die kommenden Wochen durchgehend auf dem Zeltplatz zu verbringen.

Dieser für mich wegweisende Zeitabschnitt taucht nun so lebendig vor meinem geistigen Auge auf, als geschehe alles eben gerade.

 

 

 

 

 

2 Gedanken zu “Sophie 19

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