Sophie 18

Kurze Erklärung und Vorinformation: Die detaillierte Beschreibung des Aufsatztextes, ist womöglich etwas lang ausgefallen. Ich denke daran, sie zu kürzen. Andererseits sind dann evtl. die abwertenden Kommentare und Sophies abschließende Reaktion nicht mehr zu verstehen. Diese ist Beginn und Triebfeder  einer grundlegenden Sinnsuche. Ich setze sie in Klammern, damit ihr sie überlesen könnt. Muss da noch einmal ein bisschen rumprobieren. Wäre dankbar für die eine oder andere Rückmeldung dazu wie langweilig, ermüdend oder auch notwendig.

Französisch war mit 10 Punkten auch akzeptabel, aber die nächsten zwei Schulstunden nahmen mir jede Hoffnung darauf, jemals tatsächlich nach meinen Leistungen auch nur halbwegs objektiv beurteilt zu werden. In einer Doppelstunde Deutsch-Leistungskurs war Rückgabe der Arbeit: „Beschreiben Sie die Bedeutung von Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“ unter Berücksichtigung der Sekundärliteratur“. Großer Schock – ich hatte nur 7 Punkte bekommen, was einer 4- entspricht. Dann sah ich mir die Kommentare genauer an. Für mich hieß die Arbeitsanweisung „Bedeutung beschreiben“ ganz klar, dass ich diese auf der Basis meiner eigenen Eindrücke logisch belege. Das hatte ich getan. Natürlich war ich auch auf die Beurteilungen der Sekundärliteratur eingegangen, teilweise allerdings sehr kritisch.

Die Einleitung mit Inhaltsbeschreibung und historischem Bezug war noch in Ordnung.  Dann ging`s mit Rot los. Folgende Passagen wurden bemängelt:

(Die in diesem Werk allgegenwärtige Krankheit Tuberkulose, die in jener Zeit weit verbreitet war und oft zum Tode führte, wird als Verhängnis bezeichnet, was im doppelten Wortsinn zutrifft. Über den gebräuchlichen Sinn (etwas Schlimmes, Unglück) hinaus bedeutet „Verhängnis“, dass etwas über eine Person verhängt wird, ähnlich einer Bestrafung (eine Strafe verhängen), also keine aktive Beteiligung des Betroffenen beinhaltet. Folge der Erkrankung und Mittel zur Therapie ist eine – ebenfalls nicht frei gewählte – Isolation. Dennoch entsteht gerade aus dieser extremen Abgeschnittenheit von einer ja auch einengenden, auf festen Regeln aufgebauten Gesellschaft, eine große Freiheit.)

Eigene Meinung, Mutmaßung, irrelevant!

(Nach den zu jener Zeit geltenden Moralvorstellungen führten die Bewohner des Zauberbergs ein sehr ausschweifendes Leben außerhalb der Klinikroutine, was sehr anschaulich geschildert wird. Das bezieht sich nicht nur auf erotische und sexuelle Aktivitäten, sondern auch auf die Nahrungsaufnahme. Das Bewusstsein einer stark verkürzten Lebenszeit schärft alle Sinne, vertieft und beschleunigt das Erleben durch die zeitliche Beschränkung. Der Mensch will und kann ohne hemmende Ausblicke auf die Folgen für eine nicht mehr vorhandene Zukunft alles in vollen Zügen genießen – Landschaft, Essen, zwischenmenschliche Beziehungen in unterschiedlicher Ausprägung.

Etwas vereinfacht wird die Binsenwahrheit in Kommentaren erwähnt, dass die Zeit scheinbar langsamer vergeht, wenn sie ereignislos ist. Es geht in diesem Roman aber nicht um die erlebte Geschwindigkeit der Zeit, sondern um die objektive Begrenzung. Deshalb kann ich auch keine – oft behauptete – verzerrte Wahrnehmung der Zeit erkennen. Vor allem dann nicht, wenn auf den inhaltlichen Wert der Lebenszeit Bezug genommen wird. Durch die Erkrankung wird der verbleibende Lebenszeitraum der Patienten beispielsweise auf 5 Jahre beziffert. Wenn diese Zeit sehr intensiv genussvoll gelebt wird, ist die Zeit dann wirklich kürzer?)

Zu viel Spekulation – Relevanz?

(Hans Castorps Entscheidung gegen eine Selbsttötung und für das Leben wird in den meisten Auslegungen als pädagogisch richtig und sinnvoll dargestellt. Dass der Dichter dies so verstanden haben wollte, stelle ich jedoch in Frage. Schließlich geht der junge Mann nach Verlassen des Berghofs in den Krieg, in welchem er wohl stirbt.

Den in diesem Zusammenhang so oft erwähnten inhaltlichen Gegensatz zu „Tod in Venedig“ verstehe ich so, dass es viele Lebensentwürfe und Lebensentscheidungen gibt, die gleichberechtigt nebeneinander eine Existenzberechtigung haben, auch die individuelle Entscheidung, ob man seinem Leben selbst ein Ende setzt oder nicht. Abschließend möchte ich noch anmerken, dass ich den Roman als absolut tröstlich empfunden habe, weil er zeigt, dass ein kurzes Leben Freude  und Lust nicht ausschließen muss und dass wir uns nicht immer so ernst nehmen sollten.)

   Unsaubere Schlussfolgerung, nicht belegbar

(Die häufigen Verweise auf die und Vergleiche mit der Antike haben bei mir die Erkenntnis geweckt, dass die Grundbedürfnisse und Urtypen der Menschheit sich seither kaum verändert haben. Der Unterschied zu unserer Zeit liegt nur in den Formen des Ausdrucks und den Ausprägungen, die durch die Veränderungen der äußeren Einflüsse auf unser Leben entstanden, sind also rein oberflächlich.

Die Zahl 7 erscheint auffällig häufig, was aber ohne Auswirkungen auf das Geschehen und die Umstände der Patienten bleibt, also nicht als roter Faden angesehen werden kann. Nicht völlig undenkbar erscheint mir, dass Thomas Mann diese  Zahl in so vielen Situationen und verschiedenen Formen (Quersummen, Name Settembrini) in der Vorfreude darauf gewählt hat, sich die Auslegungen und Sinnsuche der Kritiker mit diebischem Vergnügen anzusehen. Ich erkenne in ihm  einen großen Geist, der die Kleinlichkeit und geistige Eingeschränktheit zutiefst verachtet hat.)

  Überflüssige Passage – Irrelevant!

Nach der abschließenden Zusammenfassung, an der wieder wenig auszusetzen war, fügte ich noch ein Fazit an, in dem ich gesondert auf die Gründe einging, die zu einer/meiner abweichenden Meinung zwangsläufig beitrugen. Diese Bezugnahme auf die Sekundärliteratur war mir sehr wichtig.

(Da es sich nach der vorherrschenden Meinung um einen Bildungsroman handelt, sollte die Zielgruppe nicht aus den Augen verloren werden. Der Roman in seiner nicht bestrittenen Bedeutsamkeit wurde sicher nicht nur für eine Generation geschrieben, da er stets allgemein relevante philosophische Ansichten und Entscheidungen stark beleuchtet. Eine philosophische Betrachtung der Weltsituation erscheint mir heute genau so wichtig wie kurz vor dem ersten Weltkrieg, denn auch wir stehen vor grundlegenden Entscheidungen zum Wohl oder zur Zerstörung unserer Welt. In einer solchen Situation ist der erhobene Zeigefinger fehl am Platz.

Die Widersprüche ergeben sich vielleicht aus dem Alter der Kommentatoren. Da gibt es unterschiedliche Prioritäten, der Tod und dessen Betrachtung haben eine andere Bedeutung. Es macht gewiss einen Unterschied, ob ein junger Mensch diesen Roman liest oder eine Person im Mittleren Alter, die Panik bekommt, die halbwüchsigen Kinder könnten zu sexueller Ausschweifung verleitet werden, eine Angst, die sich mit Vorliebe auf die Töchter bezieht.

Es ist durchaus berechtigt, zu dem Schluss zu kommen, dass es sinnvoll sein kann, sich bei einer unheilbaren Erkrankung von der Gesellschaft zu isolieren, um den die verbleibende Lebenszeit ohne die Fesseln der Moralapostel und ewigen Mahner noch mit möglichst aufregenden, erleuchtenden Erlebnissen zu füllen.)

Zu pathetisch – nicht angemessen – inhaltlich belanglos!

Abschlussbemerkung: Nach gutem Anfang leider unübersichtlich, zergliedert, oft nicht nachvollziehbar, Verzettelt in subjektiven, irrelevanten Thesen und Herleitungen. Die abwertende Kritik anerkannter Experten ist unangebracht. Daher ist Sn., im Ganzen betrachtet, dem Thema nicht gerecht geworden.

Extrem schockiert las ich mir die Kommentare mehrmals durch. Dabei konnte ich diese genauso wenig nachvollziehen wie die Lehrerin offensichtlich meine Argumentation. Zum wiederholten Male fühlte ich mich wie von einem anderen Stern abstammend. Sehr bezeichnend – vom anderen Stern! Das passte zu der gehäuften Anmerkung des Wortes „irrelevant“, bei dem ich unwillkürlich an die „Borg“ denken musste, ein Volk mit rein kollektivem Bewusstsein aus den Star-Trek-Filmen – der Name stammt übrigens von einem kastrierten Eber.

Nachdem ich alles durchdacht und meine Argumente überprüft hatte, meldete ich mich zur Abschlussdiskussion:

„Also ich finde die Benotung ungerecht. Wenn es um die Fähigkeit geht, einen Text oder eine These anschaulich, verständlich, grammatikalisch und sprachlich richtig vorzutragen und darum, ob Gliederung und Argumentation logisch aufgebaut sind, dann habe ich eine bessere Note verdient. Außerdem habe ich, wie vorgeschrieben, auf die Sekundärliteratur Bezug genommen, indem ich diese in Punkten nachvollziehbar kritisiere.“

„Erstens wissen sie, Sophie, dass es so nicht gemeint war. Sie haben mal wieder eine eigene Definition erstellt. Deshalb schlage ich vor, Sie gehen in sich und denken über meine Beanstandungen nach, anstatt selber ständig an Allem herum zu kritisieren. Sie müssen sich an die allgemein gültigen Regeln halten. Wir verlieren hier langsam die Geduld mit ihnen. Wenn sie nicht langsam lernen, sich anzupassen und die Anforderungen so zu erfüllen, wie wir das vorgesehen haben, dann werden sie es nie zu etwas bringen!“

Die Stimme meiner Lehrerin war im Laufe der Rede immer höher geworden. Das also war meine Antwort. Irgendwo hatte ich das Alles schon mal gehört. Ach ja, der Direktor hatte es zu mir gesagt, als ich das letzte Mal bei ihm antreten durfte. Er hatte dann noch spöttisch hinzugefügt, dass mir ansonsten wohl nur noch die Möglichkeit bliebe, einen erfolgreichen Mann zu heiraten, um Karriere zu machen. Er fand das wohl witzig – ich nicht. Das war einfach nur Frauen verachtend. So ein armseliger Wicht mit seinem vorsintflutlichen Gedankengut.

Minutenlang saß ich an meinem Platz und scharrte mit den Füßen. Etwas musste ich jetzt tun. Sollte ich mir in der nächsten Stunde nun auch noch anhören, wie mein Englischaufsatz über D. H. Lawrence zerrissen wurde? Ich hatte mich lange mit ihm beschäftigt und war zu dem Schluss gekommen, dass er kein Faschist war, was ich detailliert belegen konnte. Aber auch das stand im Gegensatz zu den meisten “Experten“! Nein, das würde ich sicher nicht tun. Es reichte jetzt! Endgültig!

Meine Note für die Beurteilung der 68er – Generation in Geschichte interessierte mich nun auch nicht mehr. Keiner hier hatte Interesse an meinen wahren und echten Gedanken. Und ich kann nur so denken, wie ich es eben tue.

Sicher hätte ich mein Abitur auch mit einem Notendurchschnitt von 3,5 machen können. Aber das war ungerecht und entsprach weder meinem Können noch meinen Leistungen. Mit solch einem Zeugnis brauchte ich doch nirgends vorzusprechen. Ich hatte weitaus bessere Noten verdient, verlangte mein Recht. Aber das bekam ich hier nicht. Mein Zorn über die fortgesetzte Benachteiligung war grenzenlos.

Das machte einfach keinen Sinn mehr. Ich stand auf und packte langsam zusammen. Etwas irritiert fragte die Deutschfrau, die nun nicht mehr meine Lehrerin war, was ich vorhabe. Während ich meinen Rucksack schnappte und mich der Klassentür zu bewegte, drehte ich mich noch einmal um und sagte so ruhig wie es mir in diesem einschneidenden Moment möglich war:

„Ich gehe jetzt. Meine Sprache ist zu kompliziert für die Anderen, meine Genauigkeit zu anstrengend. Dann leckt mich doch! Das war hoffentlich knapp und unkompliziert genug.“

Alle starrten mich an, es war völlig still. Beim Hinausgehen blickte ich der Lehrerin zum letzten Mal fest in die Augen und verabschiedete mich mit den Worten:

„Denken ist irrelevant! Sie werden assimiliert! Widerstand ist zwecklos!“

Danach verließ ich schnellstens das Schulgebäude. Innerlich völlig aufgelöst setzte ich mich auf eine Bank am Park. Als die anstrengende, erzwungene Selbstkontrolle langsam nachließ, begann ich zu zittern. Ein Lebensabschnitt war zu Ende gegangen, für einen neuen musste ich scharf nachdenken und war auf mich allein gestellt. Denn eins war klar, meine Eltern durften erst einmal nichts davon erfahren.

3 Gedanken zu “Sophie 18

  1. Guten Morgen Caro.
    Ich würde den Aufsatz nur grob anreissen aber zum Verständniss die Kommentare der Lehrerin mit rein nehmen. Damit ihre Wut und die Benotung deutlich wird. Ist sonst zu langatmig.
    LG, Nati

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank für deine Rückmeldung. Beim Lesen mit Abstand habe ich ja auch diese Zweifel bekommen.
      Über deinen Vorschlag habe ich auch schon nachgedacht. Es soll auf keinen Fall wie eine Darstellung wirken und die Geschichte nicht ins Stolpern bringen. Nur die Lehrerkommentare zu lassen ürde aber bedeuten, dass der Bezug fehlt. Solche Anmerkungen könnten durchaus auch berechtigt neben einem Aufsatz stehen. Noch mehr zu kürzen wäre auch eine Möglichkeit, aber das entspräche nicht mehr der Sophie, die ich zeigen will. Ich teste das mal aus. Vielleicht müssen die Leser das auch gar nicht alles wissen, um einen Eindruck der Person zu bekommen.

      Gefällt 1 Person

      1. Obwohl es ja letztendlich der Grund ist warum sie die Schule verlässt.
        Es brachte das Fass zum Überlaufen.
        Ich würde vielleicht das Thema des Aufsatzes mit den Kommentaren der Lehrerin nehmen.

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