Sophie 17

Das Wochenende nach dem Anruf gehörte den Mädels. So war es verabredet. Zuerst ging ich nur hin, um Nachfragen zu verhindern. Selbst gegenüber meinen Freundinnen, mit denen ich früher immer alles geteilt hatte, konnte ich unmöglich zugeben, dass ich mich so sehr hatte täuschen lassen. Ich war der einsamste Mensch auf dieser Erde. Ein Gefühlswirrwarr aus Versagen, Blamage und dem Wunsch zur Selbstzerstörung war letztendlich übrig geblieben vom großen Traum, gemeinsam zu wachsen und sich dem Rest der Welt entgegen zu stämmen. Unmöglich, das einfach auszusprechen. Wie konnte ein logisch denkender Geist überhaupt in solch eine Situation geraten? All diese Gedanken quälten mich auf dem Weg zu unserem Treffen und zweimal wäre ich fast wieder umgekehrt.
In der ersten Stunde empfand ich die Situation noch als sehr beklemmend und war eigentlich nur der Beobachter einer fröhlichen Mädchenrunde. Aber plötzlich hatte sich etwas verändert. Ich konnte förmlich zusehen, wie ich mich in die Sophie zurück verwandelte, die ich früher einmal gekannt hatte. Als ich wieder ganz bei mir war, rückte ich mit der Wahrheit raus.
Nachdem ich meine ganze Geschichte losgeworden war, herrschte erst einmal betroffenes Schweigen. Dann bekam ich ganz viel Mitleid. Dieses Gefühl, von dem ich gar nicht gewusst hatte, wie sehr es mir fehlte. Tränen liefen – Tränen der Trauer und noch mehr Tränen der Erleichterung. Ich wurde in den Arm genommen und gedrückt – was ja für gewöhnlich nicht so mein Ding ist -, und es tat mir unendlich gut.
Irgendwie hatten die Mädels schon länger geahnt, dass bei mir so manches nicht mehr im Lot war. Auch mein Rückzug von den gemeinsamen Unternehmungen war ihnen verdächtig erschienen. Am meisten Sorgen hatte sich Ariane gemacht, der ich fortwährend ausgewichen war. Aber dass ich so krass unter Einfluss gestanden hatte, war ihnen nicht klar gewesen. So was ging ja gar nicht, waren sich alle einig. Sie bestätigten mich absolut in meiner Entscheidung, die Beziehung zu beenden und jeden Kontakt in Zukunft zu verweigern. Dann machten wir zusammen einen Schnitt und erklärten diese Episode für beendet. Alles auf Anfang.
Jetzt musste ein Drink her. Wir mixten zusammen, was das Zeug hielt und wurden immer alberner. Es war herrlich. Ich hatte meine Freundinnen zurück, ich hatte mein Leben wieder! Der Abend endete erst am nächsten Morgen und ich hatte nicht einen Moment an Lukas gedacht. Der Mann war endgültig Geschichte – auch in meiner Seele. Kein Schmerzgedächtnis, kein Bedauern mehr. Auch das verabredete Treffen ängstigte mich nicht.  Zudem rückten die ersehnten Sommerferien immer näher. Zeit zum Durchatmen, Zeit zum Genießen – ohne Zensur und Zensuren, ohne Verpflichtungen.

Starker Abgang
Nachdem ich mit all meinen Sinnen wieder bei mir war, hatte ich die feste Absicht, mich auf den Rest des Schuljahres zu konzentrieren. So viel zur Theorie. Am System der Unterrichtsvorgänge hatte sich ja nichts geändert. Mein Widerspruchsgeist war neu erwacht und ich war weniger denn je bereit, mich kleinmachen zu lassen. Als daraufhin versucht wurde, durch Ignorieren – ich wurde einfach nicht drangenommen – oder Zurechtweisungen meine Beiträge abzuwürgen bzw. deren kritischen Inhalt lächerlich zu machen, wurde ich wieder wütend.
Noch unterdrückte ich diese Regungen. Ich gab mir so viel Mühe – hatte ich ja schon ausgeführt – komplizierte Zusammenhänge detailliert zu schildern. Das tat ich doch nicht für mich, ich wusste es ja schon! Da hatte ich eine solche abwertende Behandlung einfach nicht verdient. Wenn dann gesagt wurde: „Hier spricht die Expertin!“ oder auch: „Möchten wir mal wieder unsere Überlegenheit zeigen?“ – „Müssen wir mal wieder unsere überragende Intelligenz zur Schau stellen!“ – „Das haben andere, größere Geister lange vorher herausgefunden!“, bevor ich überhaupt zu Ende gesprochen hatte, dann kam bei den Zuhörern natürlich nichts mehr an. Alles umsonst. Trotz Klugheit, Durchblick und der Bereitschaft, dich mitzuteilen, wirst du solange als Depp behandelt, bis du dich schließlich erst auch so fühlst, später dann auch demgemäß benimmst.
Es konnte dann schon mal passieren, dass ich reagierte und sagte:
„Ich kann ja auch nichts dafür, dass ich nicht so dumm bin, Halbwahrheiten oder Fehler in Ihrem Unterricht nicht zu bemerken. Eigentlich müssten Sie doch froh darüber sein. Schließlich wollen Sie uns ja alles richtig beibringen, vermute ich.“
Neuerlicher Eintrag, Termin beim Direktor, Brief an die Eltern. Wenn ich mich nicht einfügen könne – einfügen in falsche oder fehlerhafte Informationen? – dann müsse “man“ über eine tageweise Beurlaubung vom Unterricht nachdenken. Das käme natürlich auch in meine Schulakte. Nach dieser Aussage dachte ich zum ersten Mal darüber nach, mich vielleicht selber zu “beurlauben“.
Aber es waren ja nur noch ein paar Wochen bis zu den Sommerferien. Ich wollte mir nicht noch mehr schaden, also würde ich jetzt die letzten Arbeiten so gut wie möglich schreiben, um ein einigermaßen anständiges Zeugnis zu bekommen. Ich lernte viel, vor allem für Mathematik, paukte französische Vokabeln und fühlte mich gut vorbereitet.
Was haben die eigentlich immer alle für ein Problem? Dieser Gedanke ging mir oft durch den Kopf, wenn ich mal wieder zum Schweigen verdammt wurde, bevor ich noch zu Ende geredet hatte. Mir fielen schon immer Widersprüche oder Fehler auf und dann musste ich das auch sagen. Es ging doch schließlich um die Wahrheit.                          Meine Grundschullehrerin hat mich darin immer bestätigt und gefördert. Sie war daran interessiert, auf Fehler aufmerksam gemacht zu werden, hat das nie als böse Absicht oder als überheblich angesehen. Im Gegenteil, sie schien eher stolz auf mich zu sein, hielt mich für sehr begabt, die besten Noten hatte ich auch.
Ich glaube, sie hat verstanden, dass bei mir diese verschiedenen Gedanken einfach auftauchen und von mir gründlich durchgedacht werden müssen. Weil ich ohne das zu keinem Ergebnis kommen kann. Jedes Gebäude sieht von den unterschiedlichen Seiten her anders aus. Das Gesamtbild kann ich nur erfassen, wenn ich alle ansehe und in meinem Kopf zusammenbringe – Geometrie liegt mir absolut, da sehe ich alles genau, nur mit der Zahlenmathematik habe ich seit der 10. Probleme. Wenn ich nur aus einer Perspektive schaue, kann ich mir den Rest nur ungefähr denken. Das ist für mich unbefriedigend bis unerträglich. So ist das auch bei geistigen Gebäuden.
Man muss doch in der Lage sein, Kritik und Selbstkritik an einem Standpunkt zuzulassen. Jeder hat schließlich die Möglichkeit, sich zu hinterfragen und dann zu einem Schluss zu kommen. Entweder ich sehe die Kritik als berechtigt an, dann muss ich umdenken, was mich persönlich weiter bringt. Oder ich erkenne sie als nicht zutreffend, dann kann ich entsprechend argumentieren. Das ist doch eigentlich nicht viel komplizierter als eine Frage zu beantworten. Dafür muss ich die Maschine doch auch anwerfen.                                                                                                                                          Aber diese innerlich hohlen Herr und Frau Dr. Professor-Typen mit unordentlichem Eigenleben sind in ihrem Denken und Selbstverständnis so eingleisig, dass es weh tut. Vielleicht kommt es ja automatisch, dass bei zu kompliziertem Privatleben die geistigen Vorgänge so vereinfacht werden, dass wenigstens diese noch überschaubar sind. Und wenn man sich ein wenig komplexer und hochgebildet darstellen möchte, hat man alle möglichen Zitate zur Hand und natürlich jede Menge Sekundärliteratur zum leichten Umformulieren. Das nennt man dann Bildung. Und so lange man sich schön in den eigenen Kreisen mit denselben Spielregeln bewegt, fällt das auch niemandem auf, nicht mal einem selbst.
Eigentlich könnte man das als sehr traurig bezeichnen. Da es aber immer so weitergegeben wird, bezeichne ich es lieber als gefährlich, weil diese geistigen Einschränkungen das Handeln beeinflussen und damit dem Gleichgewicht sowie dem Wohl aller Menschen auf unserem Planeten letztendlich schaden. Außerdem werden dadurch diejenigen Menschen, die keine Zitate auswendig gelernt haben und in einer einfachen Sprache die ganz normalen Wahrheiten aussprechen, als dumm gekennzeichnet, wodurch ihre Worte überhört werden und ihnen permanent Unrecht getan wird. Nicht missverstehen bitte: Nicht jeder, der einfache Worte benutzt, ist klug, vorausschauend, ein großer Seher. Auch hier muss man zuhören, nachdenken, differenzieren. Aber das kann anstrengend sein.
Anfang Juni, es waren noch zehn Tage bis zu den Zeugnissen. Die Stimmung war kaum noch auszuhalten für mich – in der Schule und zu Hause. Ich fühlte mich ständig kritischen, misstrauischen Blicken ausgesetzt. Ein gutes Zeugnis hatte ich versprochen – wollte ich ja auch selber. Aber es kostete mich so viel Energie, die nötige Selbstdisziplin aufzubringen, meine Gedanken runter zu schlucken. Manchmal erstickte ich fast daran, nur noch Kopf- und Magenschmerzen, Tag für Tag. Donnerstag und Freitag kriegten wir noch Arbeiten zurück, ich hoffte auf ein annehmbares Ergebnis. Ab dem folgenden Mittwoch würden meine Eltern erst mal im Urlaub sein, damit war auf der Schiene wenigstens erst mal Ruhe. Sie flogen immer vor den Ferien, seit ich nicht mehr mitkam, weil es dann viel günstiger ist. War mir eh recht.
Die Arbeiten in Physik und Mathematik waren gut (12 und 11 Punkte) bewertet, also hatte ich mich in beiden Fächern um eine Note verbessert. Der Dämpfer kam am Freitag. Englisch, Französisch, Geschichte und Deutsch standen noch aus.
Irgendjemand im Universum schien sehr daran interessiert, dass ich nicht zu hoch fliegen konnte.

 

 

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