Sophie 16

Nach diesem Gespräch war ich total am Ende, fiel sofort wie tot in mein Bett und wurde erst richtig wach, nachdem der Wecker zum fünften Mal geklingelt hatte.
Als Lukas mich am nächsten Tag von der Schule abholte, waren wir uns noch etwas fremd. Wir sprachen alles noch mal durch – zum letzten Mal – und nahmen uns vor, es nun endgültig zu vergessen. Der Abend und die beginnende Nacht waren wirklich unfassbar schön. Alles war wieder gut, so schien es. Wir beschlossen, in den Osterferien zum Surfen nach Gran Canaria zu fliegen, nur 245,- € für eine Woche. Das konnte ich von meinem Sparbuch bezahlen. Meine Eltern hätten bestimmt nichts dagegen, ich wurde ja bald achtzehn. Jetzt würde es sich auch auszahlen, dass sie Lukas schon kennengelernt hatten.
Ein paar weitere herrliche Wochenenden folgten, ein warmes mit nächtlichem Baden im noch sehr kalten See, eher kühle mit klaren Nächten zum Sterne gucken und ein weiteres, an denen wir in der Morgendämmerung auf Hochsitze kletterten, um Wild zu beobachten. Und die Osterferien rückten immer näher. Das Board hatte ich schon in meinem Zimmer stehen. Ich hatte es von Arianes Cousin Christoph leihen können, der gerade mal wieder einen stressigen Praktikumsplatz hatte und wahnsinnig viel Zeit investieren musste, um endlich mal eine Festanstellung zu bekommen. Da blieb kein Tag für Freizeitaktivitäten. Schon ganz schön traurig.
Eine Woche vor Ostern wurde plötzlich mein Opa krank und sollte sich einer komplizierten Herzoperation unterziehen. Damit hatten sich meine Surfpläne erledigt. Ich würde sicher nicht wegfahren, während mein Großvater in Lebensgefahr schwebte. Als ich Lukas das erzählte, spürte ich hinter Mitleid und Bedauern gleich wieder erhebliche Verärgerung. Aber nein, es sei ja völlig klar, dass ein Urlaub unter diesen Umständen nicht möglich sei, beruhigte er mich auf meine erregte Nachfrage. Aber ich fühlte mich verunsichert. Da war es wieder, dieses ungebetene, ungeliebte Misstrauen. Eine SMS von Lukas am nächsten Abend, dass er nun mit ein paar Kumpels fahren würde, schon am Flughafen sei und ich nicht auf seinen Anruf warten solle, ich hätte ja jetzt sowieso keine Zeit für ihn, machte mich noch hellhöriger.
Den Rest der Woche beherrschte die Sorge um den Kranken unsere Familie. Nach der Operation, bei der es zu Komplikationen gekommen war, bezeichneten die Ärzte den Zustand meines Opas als stabil. Im Gegensatz zu meinen Eltern beruhigte mich diese Aussage nicht. Was bedeutet schon stabil, doch nur, dass sich gerade nichts verändert. Stabil auf welchem Niveau – kurz vor dem Tod oder leicht verbessert? Wie war die Perspektive?
Als ich den Chefarzt danach fragte, reagierte der ziemlich patzig und verweigerte mir jede Auskunft – Arztgeheimnis, na klar! Meine Eltern weigerten sich nachzufragen und verboten mir jede weitere Einmischung. Ihr Argument war, dass Opa einen engagierten Chefarzt brauche und keinen, der verärgert sei.
„Hallo, das ist ja wohl das Mindeste, dass ein Arzt engagiert ist, dazu hat er einen Eid geschworen! Sonst kann er seinen Kittel ja gleich in die Tonne treten. Ich bleibe jedenfalls hier und beobachte alles. Hört mir eigentlich noch jemand zu? Nein? Na ja, wie immer halt. Führ ich halt Selbstgespräche.“
Durch die ganze Aufregung und das Handyverbot im Krankenhaus fiel mir erst nach zwei Tagen auf, dass Lukas sich kein einziges Mal gemeldet hatte. Ein leiser Verdacht meldete sich, wurde zunehmend aufdringlicher. Meine Telefonate kamen nicht durch, das Handy war offensichtlich ausgeschaltet. Am vierten Tag hielt ich es nicht mehr aus und rief seinen Freund Jens an, der sicher zu den „Kumpels“ gehörte. Ich hasste mich dafür, in eine so unwürdige Situation gedrängt zu sein und Lukas hinterher zu spionieren.
Jens war gleich am Apparat und ja, er sei auch mitgeflogen zum Surfen. Der Wind sei fantastisch – was mich so gar nicht interessierte. Also Lukas sei gerade “draußen“ und er wolle auch gleich wieder aufs Brett. Er würde ihm sagen, dass er mich anrufen solle. Als ich gerade auflegen wollte, hörte ich eine weibliche Stimme rufen:
„Lucki, komm jetzt, wir wollen doch los!“
Ich schmiss das Handy aufs Bett, als hätte ich mir daran die Finger verbrannt. „Ingrid!“ schoss es durch meinen Kopf. Niemand außer mir durfte ihn Lucki nennen und das auch nur in ganz intimen Momenten – verdammt!
Ich konnte ihn mir förmlich vorstellen, wie er angewurzelt dastand, den Zeigefinger auf den Lippen, und ganz blass geworden war. Nicht noch einmal diese Demütigung. So viel waren seine Worte also wert, so wenig war ich offensichtlich wert! Mir wurde schlecht. Was hatte ich jetzt wieder falsch gemacht? Als ich mich aus meiner Erstarrung gelöst hatte, liefen mir heiße Tränen über das Gesicht. Ich hatte gar nichts falsch gemacht – ich nicht, dachte ich trotzig. Dann war es, als sei jedes Gefühl für Lukas abgestorben, gerade wie mit der Schere abgeschnitten. Ich wurde ganz ruhig.
Jetzt musste ich ert einmal wieder ins Krankenhaus. Das war wichtiger als alles andere. Gerade als ich das Haus verlassen wollte, um zum Bus zu laufen, klingelte mein Telefon – Lukas! Ich drückte ihn weg. Was hätte ich auch sagen sollen – es gab nichts mehr zu sagen. Eigentlich war ich nur noch genervt. Der Bus kam. Noch drei Mal drückte ich seinen Anruf weg, dann ging ich doch dran. Er klang bemüht fröhlich:
„Hallo, ich komme gerade von draußen, bin ständig am Surfen. Man muss die Zeit ja nutzen. Mein Handy nehm ich an den Strand nicht mit und dann war plötzlich der Akku leer und…“
„War das Ingrid?“
Keine Antwort. Ich musste wohl etwas lauter werden.
„War das Ingrid?“
Die anderen Leute im Bus sahen mich sehr interessiert an – egal.
„Wer?“
„Die Stimme, die dich gerufen hat, Lucki hat sie gerufen, du erinnerst dich?“
„Ja, ach das. Sie wollte so gerne mitkommen, aber es ist nichts passiert. Das glaubst du mir doch? Du bist doch meine liebste Sophie! Übermorgen bin ich wieder zurück. Dann komme ich gleich zu dir. Ich freue mich so auf dich!“
Mir blieb fast die Spucke weg.
„Nein Lukas, ich glaube dir gar nichts mehr und du wirst nicht kommen. Lösch meine Nummer!“
Dann legte ich auf. Das Telefon schwieg.
Der Zustand meines Großvaters verschlechterte sich täglich. Dann war Opa, mein Opa, tot. Es dauerte, bis ich das richtig begriff. Nun hatte ich niemanden mehr, der mich verstand, der sich meine Probleme anhörte, niemanden, der Rat wusste. Ich würde also in Zukunft mit all meinen Schwierigkeiten alleine klar kommen müssen. Was ich dafür benötigte, war eine klare Linie, von der aus es vorwärts gehen sollte.
Dazu war es nötig, erst einmal alle Angelegenheiten im Schwebezustand abzuarbeiten. Wenn man die Schule nicht dazu rechnete, weil sich das ja auf natürliche Weise erledigte, gab es da im Moment nur eine Sache – ein abschließendes, klärendes Gespräch mit Lukas, der von Zeit zu Zeit immer noch versuchte, Kontakt zu mir aufzunehmen. Dadurch wurde alles immer wieder neu aufgewühlt. Zuerst aber musste ich selbst verstehen, was da eigentlich geschehen war, damit ich nie wieder in eine solche Falle tappen konnte. Wenn diese Form die einzige Art von wahrer Liebe sein sollte, so wollte ich mich in Zukunft lieber davon fernhalten.
Anstatt gestärkt zu werden durch Liebe, um sich mit vereinten Kräften den Problemen des Lebens entgegen zu stellen, war ich schwach und gleichgültig geworden. Aus Angst, Fehler zu machen und dafür mit Nichtachtung bestraft zu werden, war ich unglaublich vorsichtig geworden. Hatte sämtliche Vorlieben, die zu Verärgerung führen konnten, abgelegt und verdrängt. Was mir vorher wichtig gewesen war, drang nicht mehr zu mir vor. Viel zu beschäftigt war ich damit, auf Anrufe zu warten, mich schuldig zu fühlen und mir Sorgen zu machen, Lukas könne mich nicht mehr mögen. Dazu noch dieses zerstörerische Misstrauen, das mich erfasst hatte. Das war keine Liebe mehr, das war zu krankhafter Abhängigkeit geworden, die mich immer kleiner machte.
Meinen Biss hatte ich verloren, was jedem aufgefallen war außer mir. Mit dem Abstand, den ich jetzt hatte, erkannte ich, dass ich durch meine Konzentration auf Lukas kein Interesse mehr hatte, Dinge zu hinterfragen oder kontroverse Diskussionen zu führen. So wirkte ich wesentlich pflegeleichter und weniger widerspenstig. Das kommentierten meine Lehrer so, dass ich nun wohl doch auf dem Weg zum Erwachsenwerden sei. So weit war es also mit mir gekommen.
Aber damit war nun Schluss, das Thema „Lukas“ würde beendet werden. Das schadete mir nur. Und ich hatte keine Schuld, außer dass ich mir das hatte zu lange einreden lassen. Mein Vertrauen war verloren, die Luft war raus, die Basis unserer Beziehung reine Illusion. Nur hatte ich überhaupt keine Lust, ihn anzurufen. Aber schließlich habe ich es ja dann doch getan.
Vor diesem Anruf lagen jedoch erst einmal zwei lange, lange Nächte, in denen ich den Anfangszeiten unserer Beziehung bitterlich hinterher weinte. Erneut wurde alles aufgewühlt, was ich schon vergessen geglaubt hatte. Denn sobald der Zorn verebbt war, überwältigte mich der Schmerz über den Verrat und die fortgesetzte Manipulation meines Willens. Dazu kam noch der Zweifel, ob ich jemals wieder würde vertrauen können, sei ein Anfang auch noch so leidenschaftlich. Ich hatte schließlich gesehen, was trotz höchsten Glücks zu Beginn einer Beziehung später daraus werden konnte. Das wollte ich nicht noch einmal erleben. Als Schutz sah ich für mich nur den Entschluss, ganz auf diese Form von Zwischenmenschlichkeit zu verzichten.
Die kommenden zwei Schultage bis zum geplanten Anruf Freitag Mittag waren eine einzige Qual. Ich war unausgeschlafen, todtraurig und musste mich irrsinnig anstrengen, um dem Unterricht zu folgen. Die meisten Inhalte erschienen mir noch unbrauchbarer als gewöhnlich. Außerdem beherrschte ich mich eisern, damit mich nur niemand fragte, wie es mir nun gehe. Ich musste das erst einmal für mich verarbeiten. Überdies schämte ich mich.

 

2 Gedanken zu “Sophie 16

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