Sophie 15

Seine Stimme klang rau und hart:
„Ich habe nicht damit gerechnet, dass du mich so schnell satt hast. Läuft das jetzt auf Trennung raus oder wie soll ich das verstehen?“
„Um Gottes Willen nein!“ reagierte ich bestürzt, „Wie kommst du nur auf so eine Idee? Ich möchte nur gerne auch mal wieder Zeit mit meinen Freundinnen verbringen – ohne Jungs – nur wir allein.“
„Na ja, ich habe dir ja nichts zu verbieten, aber ich registriere das schon genau. So solltest du mit mir nicht umgehen. Ich dachte, du hättest dich für mich entschieden und wir verbringen unsere Zukunft zusammen. Und jetzt schließt du mich einfach aus. Da muss ich doch denken, dass du auch noch andere Geheimnisse vor mir hast. Kannst du dir eigentlich vorstellen, wie sehr mich das verletzt? Also wenn dir wirklich so viel an mir liegt, wie du gesagt hast, wenn du unseren gemeinsamen Traum und mich noch ernst nimmst, dann musst du dein Verhalten überdenken. So kann man keine ernsthafte Beziehung führen!“
„Ouh, ouh, ouh, das ist jetzt aber hart. Ich lieb dich und steh absolut zu dir. Aber eine Beziehung ist doch kein Gefängnis!“
„So siehst du das also, ich verstehe.“
Aufgelegt – aufgelegt, bevor ich noch irgendetwas sagen konnte. Ich war sauer – ich fühlte mich im Recht! Lukas rief am nächsten Abend nicht an, auch nicht am übernächsten, auch am dritten Tag nicht! Alarm! Ich war unsicher, fühlte mich nicht mehr im Recht, vermisste unsere Gespräche. Aber ich hatte – noch – meinen Stolz und änderte meine Pläne nicht.
Wir hatten so ein fröhliches Wochenende. Alle schliefen bei Ariane, deren Eltern mal wieder unterwegs waren. Es war laut und lustig. Wir alberten und blödelten herum, sprangen mitten in der Nacht nackt in den Pool und ich vergaß den Stress mit Lukas. Erst am Sonntag, als ich längst wieder zu Hause war, meldete sich mein schlechtes Gewissen. Vielleicht waren die Regeln bei einer Fernbeziehung wirklich anders, vielleicht hätte ich Lukas fragen müssen, anstatt ihn vor vollendete Tatsachen zu stellen. Am Nachmittag hoffte ich noch, alles würde sich von selbst regeln. Je später es wurde, desto weniger Lust hatte ich auf weitere Mädelsabende. Das war es doch nicht wert, dass ich dafür meine Liebe aufs Spiel setzte, oder?
Es pochte und arbeitete in meinem Kopf. Ich dachte darüber nach, ob es wirklich die notwendige Konsequenz einer funktionierenden Beziehung war, dass sie einen so einengte, keinen Freiraum mehr zuließ. Gleich darauf fand ich mich ungerecht und undankbar. Konnte ich nicht versuchen, ein wenig auf Lukas zuzugehen und einfach glücklich sein? Das hatte ich doch eigentlich gewollt, also musste ich auch etwas dafür tun.
Um 22.00 Uhr konnte ich nicht mehr warten, ich wählte Lukas` Nummer. Es meldete sich eine Frauenstimme! War ich richtig bei Lukas? Er sei gerade duschen, sie sei Ingrid, ob sie etwas ausrichten könne? Ich legte auf. Das war doch nicht möglich! Die hatte sie doch nicht mehr alle, wie dreist! Wenn diese Ingrid aber gar nichts von ihr, Sophie, wusste? Dann hatte er sie nicht mehr alle. Toll, was sollte ich jetzt tun? Eigentlich wollte ich heulen, verbot es mir aber im nächsten Augenblick.
Zitternd rief ich zehn Minuten später noch einmal an, wollte jetzt wissen, was Sache ist. Am liebsten hätte ich natürlich gehört, dass das ein dummer Zufall gewesen war. Jetzt war Lukas am Apparat. Bevor ich ein Wort sagen konnte, ging er sofort zum Angriff über:
„Eigentlich bist du schuld, dass es so weit gekommen ist. Darüber solltest du sauer sein.“
„Was soll das heißen, wie weit ist es denn gekommen? Kannst du mir das bitte mal erklären?“
„So weit, wie du sowieso schon denkst. Das war doch klar!“
„Dass du mich betrügst, weil du dich mal über mich geärgert hast, war klar? Was ist mit dem gegenseitigen Vertrauen? Ich glaub`s ja nicht! Die Verantwortung willst du mir also zuschieben. Und jetzt? Glaubst du, ich nehm das einfach so hin? Ich bin so enttäuscht von dir!“
Meine Stimme war immer leiser geworden, dann war sie ganz weg. Ich hatte einen dicken Kloß im Hals. Das musste doch ein böser Traum sein. Am anderen Ende der Leitung tat sich was, Lukas schwenkte um:
„Es tut mir so leid, ich wollte dich einfach verletzen. Aber das hat nichts mit meiner Liebe zu dir zu tun. Ich fühlte mich ja auch hintergangen, war total einsam und unglücklich. Du weißt, dass ich nicht gut allein sein kann, du darfst mich nicht noch mal in eine solche Situation bringen. Dann wird so was nie wieder passieren, glaub mir doch! Hilf mir jetzt bitte. Eigentlich wollte ich einfach nur die Zeit rumkriegen, bis ich dich wiedersehe.“
Er klang ganz erbärmlich, ein bisschen bedauerte ich ihn auch, aber ich war trotzdem sehr wütend.
„Ich werde dich ganz bestimmt nie wieder in eine solche Situation bringen. Dein Verhalten kann ich dir nicht verzeihen. Ich glaube, ich will dich nicht wiedersehen.“
Das stimmte gar nicht, ich fing an zu weinen, Lukas hörte ich ebenfalls schluchzen.
„Aber ich hab dir doch gesagt, dass es mir leid tut. Ich schwöre dir, es kommt nicht mehr vor. Was muss ich denn machen, damit du mir glaubst, an uns glaubst? Alles was du verlangst, tue ich. Damit du vergessen kannst, uns noch eine Chance gibst. Ich war so blöd, das weiß ich jetzt. Aber jeder hat doch eine zweite Chance verdient! Sophie, bitte – lass es uns versuchen! Ich will doch nur dich! Gib uns nicht auf. Wir können noch so viele gute Zeiten haben“
Ich glaube, das war genau das, was ich hören wollte. In diesem Moment glaubte ich ihm, glaubte ohne Einschränkung. Er hatte einen Fehler gemacht, aber er bereute ihn so sehr. Und wir hatten doch so viel Schönes zusammen erlebt! Das wollte ich zurück haben.
„Ich werde versuchen es zu vergessen, dir wieder zu vertrauen. Aber du musst mir versprechen, jetzt immer ehrlich zu mir zu sein – vorher, nicht hinterher.“
„Du kannst ja schon wieder einen Scherz machen“
„Das war kein Scherz, das war bitterernst. Ich will mit dir zusammen sein, nur mit dir. Aber nicht um jeden Preis. Also versprich es mir!“
„Alles, alles, ich schwöre! Ach Sophie! Ich schwänze morgen die Uni und komme zu dir, O.K.?“
„O.K., also bis morgen.“

5 Gedanken zu “Sophie 15

  1. Oh ha, wo stammt das denn her? Leider ist das tatsächlich in vielen Liebesbeziehungen Realität, gerade bei jungen Menschen. Doch niemals kann solch eine Beziehung funktionieren, niemals bestand haben, nicht mehr in der heutigen Zeit. Vielleicht unter einer einzigen Bedingung, dass jeder für sich bei sich selbst genau hinschaut, sich als wertvoll ansieht und liebt, ohne den anderen zu brauchen. Hier fast ein Bettler dem anderen Bettler in die Tasche… 🙂

    Liebe Grüße Nicole

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s