Sophie 14

Zurück zu Lukas. Ein wilder Kerl, er ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ab und zu blickte ich mich zu der Gruppe der jungen Männer um. Dabei traf mich blitzartig sein breites Lachen. Also beobachtete er mich auch. Ich bemerkte, dass alle Mädels ihn anhimmelten, aber er schien nur mich zu sehen. Das tat mir gut, ich genoss es. Manchmal konnte ich seinen Blick auf meinem Hinterkopf fühlen. Ein bisher unbekanntes, aber angenehmes Gefühl aufsteigender Hitze breitete sich in meinem Körper aus. Ich hätte gern seine Nähe gesucht, aber ein leiser Warnruf, wie ein Signal bei aufkommender Gefahr, hielt mich davon ab.
Auch mein Stolz sorgte dafür, dass ich den ganzen Vormittag über ganz bewusst den Abstand zwischen uns beibehielt. Genau so viel, dass er mich gerade noch sehen konnte, wenn er es denn wollte. Ich war so aufgeregt und leicht überdreht.
Dann begannen die einzelnen Wettbewerbe, was äußerste Konzentration erforderte. Alle anderen Eindrücke mussten ausgeschaltet werden. Drei Stunden später waren die Rennen beendet und die Sieger standen fest. Lukas war der beste beim Parallelslalom, ich hatte einen dritten Platz ergattert. So landeten wir bei der Siegerehrung beide auf dem Stockerl, er ganz oben, ich rechts außen – nacheinander natürlich. Ich freute mich, als er mir zujubelte, obwohl er mit seinen lauten Pfiffen etwas übertrieb.
Bei den anschließenden Musik-Acts standen wir plötzlich dicht nebeneinander. Blitz und Donner – Magen im Schleudergang! So fühlte es sich an, als sich unsere Schultern kurz berührten. Ich wunderte mich darüber, dass solch ein leichter Körperkontakt überhaupt durch die dicke Bekleidung hindurch spürbar war, aber nur kurz. Er sah mich mit einem offenen Blick an, zeigte wieder sein beeindruckendes Wolfsgebiss. Dann packte er mich bei den Schultern und schob mich langsam vor sich her. „Sophie, ich bin Lukas und wir gehen jetzt zusammen zum Essen“, waren seine Worte und ich ließ mich ohne zu zögern, aber ein wenig zittrig leiten. Meine Mädels blickten erstaunt und winkten mir dann lachend zu. „Hau schon ab und amüsier dich“, hieß das wohl.
Wir redeten mehr als wir aßen, der Appetit war trotz des anstrengenden Tages nur gering. Jeder schilderte sein bisheriges Leben in einem Schnelldurchlauf. Daraus entwickelte sich schnell ein Gefühl von Vertrautheit und großen Erwartungen.
Ich wusste also nun, dass Lukas in den Schweizer Alpen aufgewachsen war, 24 Jahre alt war, keine Geschwister hatte, eine Zwergenschule besucht hatte, die im Winter am besten mit Schlitten oder auf Skiern zu erreichen war. Überhaupt war er immer gerne zur Schule gegangen. Darum beneidete ich ihn richtig. Seit zwei Jahren lebte und studierte er in Freiburg Sport und Anglistik, konkrete Pläne für die Zukunft hatte er noch nicht. Am liebsten würde er nur professionell Snowboard fahren. Er sah seiner Zukunft ohne Sorgen entgegen nach dem Motto: „Irgendwas geht immer.“ Seine Unbeschwertheit faszinierte mich, seine Nähe fühlte sich gut an, ich war plötzlich eine andere, eine leichtere Sophie, die ich so noch nicht kannte, die ich aber viel lieber mochte. Ob ich das in diesen Worten dachte, glaube ich nicht, aber im Rückblick kann ich es nicht besser beschreiben.
Es hielt uns dann nicht länger auf den Plätzen. Lukas schnappte sich seinen Rucksack, zog mich an der Hand nach draußen. Wir rannten durch die Dunkelheit weit von den Häusern weg auf einen Hügel. Je länger wir uns dort bewegten, umso heller wurde es. Ein halber Mond wühlte sich aus einer dicken Wolke heraus, der Sternenhimmel strahlte uns an. Das habe er mir zeigen wollen, sagte Lukas, während er ein großes Fernglas aus dem Rucksack zog.
Lukas war ein richtiger Sterngucker. Er zeigte und erklärte mir voller Begeisterung alle Sternbilder, von denen ich nur den großen und den kleinen Wagen kannte, wobei ich mich heute nur noch an die Kassiopeia erinnern kann. Sie war eine Königin aus der griechischen Mythologie, ziemlich eigensinnig und streitbar, die sich schöner fand als die Nymphen, wodurch sie deren Vater, den Meeresgott Poseidon, in Wut brachte und an den Himmel verbannt wurde. Diese Geschichte gefiel mir. Ich entdeckte einen Sternenkindergarten, den Lukas Andromedanebel nannte. Bald, so sagte er, wolle er mit mir zusammen nach Namibia fliegen. Nirgends sei der Sternenhimmel so klar wie dort. Dann erzählte er noch viel von den einzelnen Planeten, die man mit bloßem Auge erkannte. Das konnte ich schon nicht mehr richtig aufnehmen.
Irgendwann riss die Erklärungsschnur, er umarmte und küsste mich stürmisch. Ich küsste zurück, schließlich lagen wir im Schnee. Meine Gedanken waren völlig ausgeschaltet, der Wunsch nach mehr wurde stärker. Aber erst einmal fror ich ganz schön. „Mir ist so kalt“, flüsterte ich. Lukas lachte: „Ja, das ist der Hauch des Todes. Jetzt dauert`s nicht mehr lang.“
Im nächsten Moment hatte er mich hochgerissen und trug mich ein Stück. Es wurde ernst. Wohin sollten wir gehen? Unsere Vierbettzimmer waren keine Option. Aber auch dazu fiel ihm etwas ein. Schließlich befanden wir uns im Keller, wo alle Skier, Boards und die Skianzüge aufbewahrt wurden. Diese wurden für uns Unterlage und Decke. Dort verbrachten wir die Nacht, schliefen miteinander und ich fühlte mich fiebrig, schamlos, unersättlich, so voller Leidenschaft, gleichzeitig aber sicher und aufgehoben wie nie. Alles, einfach alles fühlte sich richtig an. Am frühen Morgen verabschiedeten wir uns bis zum Frühstück und schlichen uns in unsere Mannschaftszimmer. Die andern Mädels wurden natürlich sofort wach. Wie ausgehungert stürzten sie sich auf mich, ich sollte sofort alles erzählen. Und ich berichtete ausführlich von all den Dingen, die ich laut aussprechen konnte.
Noch eineinhalb verrückte Tage folgten, dann war das Wochenende vorüber. Ich war glücklich. Wir sahen uns danach an jedem freien Tag, die kommenden Wochenenden verbrachten wir gemeinsam auf der Piste. An den anderen Abenden telefonierten wir lange miteinander. Mit jedem Treffen fühlte ich mich Lukas stärker verbunden. Die Schulzeiten waren viel erträglicher geworden, die negativen Bewertungen der üblichen Lehrer trafen mich nicht mehr. Ich hatte jemanden, der mich und meine Eigenheiten zu schätzen wusste. Für diese Erfahrung, die sich anfühlte, als stecke ich in einer eisernen Rüstung, war ich sehr dankbar.
Manchmal fantasierten wir über eine gemeinsame Zukunft und ja – ich konnte mir das durchaus vorstellen. Schließlich war ich total verliebt und wollte eh keinen Tag ohne Lukas sein. Das Wichtigste war gegenseitiges Vertrauen, in diesem Punkt waren wir uns einig, dachte ich jedenfalls. Und ich vertraute bedingungslos. Als es langsam Frühling wurde – sehr früh in diesem Jahr – und die Wintersaison durch Schneemangel fast zu Ende war, besuchte Lukas mich eben zu Hause. Er wohnte dann bei einem Kumpel in einem Nachbarort, wo wir uns ganz ungestört treffen konnten. Die Zeiten
nach Mitternacht verbrachte ich zu Hause, schon um unangenehmen Fragen meiner Eltern auszuweichen.
Eigentlich wollte ich die ganze Sache vor ihnen geheim halten, obwohl Lukas sie gerne kennengelernt hätte. Deshalb sollte er auch um die Ecke in seinem Auto warten, wenn er mich abholte. Aber an einem Samstagnachmittag stand er plötzlich mit einem großen Blumenstrauß vor der Tür. Er stellte sich vor als der Freund, den Sophie unterschlagen wollte, obwohl er doch so grauslich gar nicht sei. Meine Mutter musste lachen und bat ihn herein, ich fand es furchtbar peinlich. Nach etwa einer halben Stunde und einer Art Informationsveranstaltung konnten wir dann endlich gehen.
Meiner Mutter hatte Lukas gut gefallen, das konnte man deutlich sehen. Mein Vater war höflich, gab sich aber sehr zurückhaltend. Mir gefiel Beides nicht und ich machte Lukas Vorwürfe, weil er mich einfach überrumpelt hatte. Aber er schmetterte alles ab, lachte nur und meinte, es sei völlig normal gelaufen und doch auch sehr lustig gewesen. Ich sei viel zu empfindlich, was meine Eltern betraf. Da war sicher was dran und ich war auch schon wieder versöhnt, konnte ihm nie lange böse sein. Erstens weil er so völlig unbekümmert und frei von berechnenden Gedanken schien, zweitens weil ich jeden Streit zwischen uns für Lebenszeitverschwendung hielt – damals.
Nach über zwei Monaten der gemeinsamen Einigelung hatte ich das Bedürfnis, mal wieder etwas mit meinen Mädels allein zu unternehmen. Als ich Lukas am Dienstag von diesen Plänen für das kommende Wochenende erzählte, war ich von seiner Reaktion vollkommen überrascht, fast schockiert.

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