Sophie 13

Schlusspunkte
Und dann rückte der Tag näher, an dem es mir endgültig reichte, in dieser Lehranstalt meine Lebenszeit zu verschwenden und seelisch und geistig immer weniger zu werden. Es kamen zu diesem Zeitpunkt mehrere Dinge zusammen: Mein geliebter lebensfroher Opa, mit dem ich über alles hatte reden können, der mich immer wieder aufgebaut und meinen Widerspruchsgeist unterstützt hatte, war ganz plötzlich gestorben. Das war ein wirklich harter Schlag für mich.
Auch die endgültige Trennung von meinem Freund Lukas, die schon länger in den Startlöchern stand, setzte mir zu. Höchstwahrscheinlich hatte der Tod meines Großvaters mir bewusst gemacht, dass das Leben jeden Tag vorbei sein kann, man wirklich keine Zeit zu verlieren hat und sich rechtzeitig von Ballast befreien sollte.
Genau das würde ich tun. Ich verabredete ein Treffen für den Freitagabend und warnte Lukas schon vor. Wir hatten schon länger nicht mehr miteinander gesprochen. Aufgrund unerfreulicher Ereignisse hatte ich den Kontakt seit Wochen verweigert. Irgendwie ging ich deshalb auch davon aus, dass er genau wie ich vom definitiven Aus unserer Beziehung überzeugt war. So kann man sich täuschen!
Lukas hatte sich gut vorbereitet, um den erahnten Schritt zu verhindern. Er kam mit Blumen, wollte mich küssen, was ich aber abwehrte. Als hätte er das gar nicht bemerkt, erzählte er mir strahlend von “unserem“ gemeinsamen Urlaub in Griechenland, für den er bereits die Route festgelegt und die besten Strände zum Surfen herausgefunden hatte. Er redete ohne Punkt und Komma. Mein versteinertes Gesicht schien ihn nicht im Geringsten zu interessieren oder aus der Fassung zu bringen. Die Szene erschien mir völlig absurd.
Ungeduldig mit dem Fuß wippend wartete ich auf den Moment, an dem ihm die Luft ausginge. Endlich war er still. Eines hatte er erreicht. Ich fühlte mich schlecht und war nach dem Redeschwall meilenweit von der Sachlichkeit in meiner Vorstellung entfernt. Ich musste mich schon ein wenig überwinden, ihm meinen Entschluss mitzuteilen. Aber ich hatte an dessen Richtigkeit keinerlei Zweifel. Als nach einem kurzen Nachdenken darüber, wie der Schnitt zu vollziehen sei, Empörung über sein ignorantes Verhalten in mir aufstieg, ging dann alles ganz schnell.
„Lukas, ich will unsere Beziehung beenden. Das funktioniert nicht mehr, nicht für mich. Es tut mir leid, wenn du das nicht so empfunden hast. Anders wäre es mir lieber. Aber mein Entschluss steht fest, versuch jetzt bitte nichts mehr!“, sagte ich mit bewusst fester Stimme. Dennoch startete Lukas noch einen Versuch:
„Aber wir könnten doch in Ruhe noch einmal über alles
reden. Vielleicht finden wir noch eine Einigung.“
„Nein Lukas. Wir sprechen hier nicht über einen Vertrag. Wir reden über eine Beziehung, die zu Ende ist. Den wahren Grund kennst du.“
„Aber du hast doch gesagt, du verstehst mich! Du wolltest versuchen, damit klarzukommen.“
„Hab ich ja versucht. Aber ich habe meine Leidensfähigkeit überschätzt. Es gibt keine Diskussion. Akzeptier das bitte!“
„Aber lass uns doch…“
„Keine Diskussion!“
Meine Stimme wurde schärfer.
„Darf ich dich mal anrufen?“
„Nein, ich brauche jetzt meine Ruhe!“
„Können wir nicht Freunde bleiben?“
„Nein! Das will ich nicht! Freunde, denen ich nicht vertrauen kann, brauche ich nicht.“
Ohne auf weitere Einwände zu warten, drehte ich mich um und ging. Im Nachhinein war ich erstaunt und auch etwas erschrocken über meine Härte. Aber ein Schnitt ist ein Schnitt – vorbei ist vorbei. Wozu dann noch viele Worte machen, die doch zu keiner anderen Entscheidung führen? Zwei Querstraßen weiter setzte endlich die erwartete Erleichterung ein. Ich lief singend nach Hause.
In der folgenden Nacht setzte tiefe Traurigkeit ein über das, was ich verloren hatte. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass es eine Illusion gewesen war. Ich fühlte mich leer, entsetzlich allein und weinte mich in den Schlaf.

Lukas
Ihr wisst ja noch gar nichts über Lukas und mich – außer dass unsere Geschichte ein Ende hatte. Sie hatte aber auch einen Anfang, einen sehr schönen Anfang. Diese Episode – ich wünschte, ich hätte einen anderen Ausdruck dafür – hat mir so richtig klar gemacht, wie schnell auch ich fremdgesteuert werden kann und bereit bin, mich selbst zu verleugnen, um an einer Situation festzuhalten, die ich so nicht gewollt habe. Davon will ich jetzt erzählen:

Lukas begegnete mir zum ersten Mal an einem Dezember-Wochenende bei einem Snowboard-Wettbewerb in Sölden. Ich bin eine sehr gute Snowboardfahrerin und an den Wochenenden im Winter und während der Weihnachtsferien auf der Piste, seit ich 13 Jahre alt bin. An diesem Wochenende war viel Neuschnee vorhanden, die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel, wir hatten drei tolle Tage vor uns, die Snowbardzicke – Verzeihung: Snowboardkönigin – Elisabeth war verhindert und die Stimmung in der Gruppe war großartig.
Wir trafen gerade die letzten Vorbereitungen für das erste Rennen, als ich ein mitreißendes Männerlachen hörte. Als ich mich umdrehte, sah ich einen fantastisch aussehenden Jungen mit dunklen Haaren, dunklen Augen und einem weißen Wolfsgebiss auf einem Schneehaufen stehen und Reden halten. Verstehen konnte ich nichts, aber es musste sehr komisch sein, denn alle bogen sich vor Lachen. Ich muss gestehen, er gefiel mir  von Anfang an. Sein lässiges, selbstbewusstes Auftreten, der provozierende Blick, dazu noch eine athletische, durchtrainierte Figur – dieses Gesamtbild prägte sich mir tief ein. Plötzlich war da ein Mischgefühl von gewaltiger Aufregung und zugleich absoluter innerer Ruhe – sehr angenehm.
Eigentlich hatte ich bis zu diesem Tag kein großes Interesse an einer Liebesgeschichte. Bisher hatte ich immer Wert darauf gelegt, mit den Jungen freundschaftlich umzugehen, das war viel lustiger und verhinderte Komplikationen. Vieles, was ich dabei erfuhr, bestätigte mich darin, keine engere Beziehung einzugehen. Es war klar, dass man dabei nur verlieren konnte. Als Freund konnte man jedem von ihnen blind vertrauen. In einer Beziehung aber sahen sie alle nur ein Machtspiel, in dem jeder unbedingt die Oberhand gewinnen wollte. „Wenn die Mädels dich erst mal am Haken haben,“, da waren sie sich einig, „dann nehmen sie dich in Haft, da hast du keinen eigenen Willen mehr und dein Geld ist auch bald weg.“ Es kann natürlich auch am Alter der Jungen gelegen haben, aber diese Einstellung fand ich ziemlich abstoßend.
Also Sex hatte ich schon einmal zuvor – aber nur einmal. Es war nicht die Offenbarung, eher das Gegenteil. Wir feierten einen wilden Geburtstag bei einer Freundin zu Hause mit viel Alkohol. Die Eltern waren verreist, was meine Eltern allerdings nicht wussten. Ich war 16, durfte zum ersten Mal lange weg. Irgendwann landete ich mit einem ganz niedlichen und auch sehr betrunkenen Jungen in einem Gästezimmer. Laute Musik dröhnte durch das Haus bis zu dem Zimmer. Wir waren sehr ausgelassen.
Es geschah dann eigentlich mehr aus Neugier als aus Verlangen, jedenfalls kann ich das für mich sagen. Es war nicht schön, eher anstrengend und bemüht. Wir verhedderten uns in den weggezerrten Kleidungsstücken. Das heftige Keuchen des Jungen störte mich, das war mir alles zu eng, zu nah. Als es vorüber war, fühlte ich mich erleichtert. Der zweite Gedanke war, dass ich mir das hätte sparen können. Ich richtete meine Kleidung, blickte auf meine Uhr, es war Zeit zu gehen. Der Junge war eingeschlafen. Sicher konnte er sich am nächsten Tag an nichts erinnern. Hoffentlich hatte ich auch so viel Glück, dachte ich noch beim Hinausgehen.
Hatte ich nicht. Das war kein One-Night-Stand, das war ein ausgewachsener Fehltritt gewesen, für den ich mich schämte. Der Kater von diesem Erlebnis dauerte länger an als der vom Alkohol. Es fühlte sich nicht gut an. Man darf niemanden so nah an sich heranlassen, wenn keine echten Gefühle im Spiel sind, so viel wusste ich jetzt. Das würde mir nicht noch einmal passieren. Abgehakt, Lehre draus gezogen, vergessen.

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