Sophie 12

– Die hoch gebildete Deutschfrau mit Doktortitel – sie erging sich in Vorträgen über Ehre, Treue, Verantwortung und Größe der Romantik. Aber so oft es sich anbot, machte sie abfällige Bemerkungen über ihren Mann. Dabei versorgte sie uns mit Informationen, die wir gar nicht haben wollten. Kam ein neuer Referendar an die Schule, so flatterte und flötete sie frisch parfümiert durch die Korridore, drängte sich auf in einer Art, die an Eindeutigkeit nicht zu überbieten war. Dadurch wurde alles, was sie uns vermitteln wollte, für mich unglaubwürdig.
– Der Französischlehrer – äußerlich lässiger Ökotyp mit Gesundheitssandalen und wenig Hang zur Körperpflege. Stets zu einem lockeren Spruch aufgelegt schwärmte er vom “savoir vivre“ und der Leichtigkeit des Seins. Auf den ersten Blick ein sympathischer Mann, stimmt`s? Seine Aussprache war jedoch so grauenhaft, dass man bald kein Französisch mehr hören mochte, jedenfalls nicht seins. Diese vergleichsweise kleine Schwäche wäre aber noch hinnehmbar gewesen.
Sein wahres Gesicht jedoch, das sich in der Öffentlichkeit zeigte, deckte alles andere als eine einzige Inszenierung auf. Seinen eigenen Sohn behandelte er wie den letzten Dreck. Bei einem sommerlichen Flohmarkt musste ich das entsetzt erkennen: Zusammen mit diesem Sohn, vielleicht elf Jahre alt, hatte unser Lehrer einen Tisch mit altem Spielzeug, Büchern und Spielen aufgebaut. Ich konnte erkennen, dass der Junge sich von manchen dieser Gegenstände kaum trennen konnte. Heimlich und mit Tränen in den Augen versuchte er, einige Dinge wieder in seinen Rucksack zu packen. Der Vater bemerkte es und gab dem Jungen eine Ohrfeige.
„Hier habe ich das Sagen! Und ich sage, das brauchst du nicht mehr!“, schrie er den Jungen an.
Reichlich verstört lief ich weiter. Dieser Vorfall ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich hatte die Lust verloren, etwas zu kaufen. Hätte ich nicht etwas sagen müssen? Aber was? Als ich auf dem Rückweg wieder in der Nähe dieses Standes war – ich wäre ihm gerne ganz ausgewichen – hörte ich den Alten brüllen:
„Du Depp! Dafür hättest du das Doppelte kriegen können! Ich hab dir doch gezeigt, wie das geht! Kapierst du denn gar nichts? Das Eis ist jetzt gestrichen.“
Nun hielt mich nichts mehr. Ich pflanzte mich vor dem Stand auf und zischte meinen Lehrer an: „Für mich sind Sie gestorben! Wie kann man so unmenschlich mit dem eigenen Kind umgehen? Ihr Sohn kann einem nur leidtun.“
Als ich meinen Eltern davon erzählte, waren sie außer sich. Nicht etwa, weil dieser Mann so gemein gewesen war! Nein, sie waren entsetzt darüber, dass ich mich “mal wieder“ eingemischt hatte in Dinge, die mich nichts angingen. Auf die Frage hin: „Dann sagt mir doch mal, was uns überhaupt etwas angeht. Was muss passieren, damit man sich einmischen darf?“, wurde ich auf mein Zimmer geschickt. Am nächsten Tag erzählte ich allen Mitschülern und Freunden davon.
– Unser Bio-Mann erfüllte so manches Klischee eines Studienrates im mittleren Alter. Salbungsvoll lief er stets ein paar Schritte hinter dem Direktor her und biederte sich an, um von ihm geliebt zu werden. Das Gleiche versuchte er auch – leider meistens mit Erfolg – bei den Schülerinnen. Da er ein sehr schöner Mann mit wallenden schwarzen Haaren war, meist einen auf Menschenfreund machte und zum Vertrauenslehrer gewählt worden war, konnte er bei den meisten Mädchen punkten. Außerdem hatte sich herausgestellt, dass man als Mädchen ihn nur ein wenig bewundern musste, um eine gute Note zu bekommen. Bei den Jungen glich er das dann wieder aus, die behandelte er eher schlecht.
Bald stellte sich heraus, dass er ein bisschen zu viel Menschenfreund gewesen war. Vielleicht hatte er den Begriff auch missverstanden. Jedenfalls tauchten Gerüchte auf, er habe mit zwei Schülerinnen ein Verhältnis gehabt. Er war aber verheiratet und hatte drei Kinder. Eines der beiden Mädchen – Skandal in der Kleinstadt – hatte eine ganze Nacht weinend und rufend vor seinem Haus gesessen und war schließlich von ihren Eltern abgeholt und in eine Klinik gebracht worden. Der Lehrer behauptete, das Mädchen habe sich auf Grund einer Schwärmerei völlig absurde Hoffnungen gemacht. Er habe diese Gefühle weder erwidert noch begünstigt.
Nun bin ich nicht blöd und weiß schon, dass es solche Schwärmereien gibt, bei denen sehr junge Menschen auch schon mal übergriffig werden. Ich weiß auch, dass es Erpressungen von Lehrern gibt, indem mit unwahren Behauptungen bzgl. sexueller Belästigung gedroht wird für bessere Noten. Das ist gar nicht mal so selten. Aber es gibt eben auch echte Opfer solcher Menschen. Dieser Mann ging mit seinen Bemerkungen und Blicken bei einigen schon so weit, dass es für den Zuschauer peinlich war. Bei Unterrichtsversuchen, deren Durchführung man längst beherrschte, wollte er trotzdem ständig mit Hand anlegen und kam einem unangenehm nah. „Damit keine Fehler passieren.“ Na klar! Und immer, auch außerhalb der Stunden, suchte er die Nähe der weiblichen Schülerschaft und sonnte sich in deren Bewunderung.
Und dieses Mädchen war erst fünfzehn Jahre alt! Zehn Jahre später wäre es ihr sicher möglich gewesen, dieses Verhalten als Minderwertigkeitskomplex oder Midlife-Crisis einzustufen und innerlich auf Abstand zu gehen. Aber doch nicht mit fünfzehn. Da hätte wirklich er, der weitaus Ältere und Erfahrenere, den Stecker ziehen müssen. Vielleicht auch mit den Eltern sprechen sollen. Auch auf die Gefahr hin, dass sich die Gefühle darauf hin ins Gegenteil verkehrten. Aber dieser Verantwortung ist er nicht gerecht geworden. Lieber hat er diese fast noch kindliche Liebe für die Steigerung seines eigenen Selbstwertgefühls ausgenutzt. Wie weit es nun wirklich ging, weiß ich nicht. Also wer ist in dieser Angelegenheit der Schuldige und hätte die Konsequenzen ziehen müssen für sein Verhalten?
Letzten Endes ging das Mädchen von der Schule ab, verbrachte einige Zeit in der Psychiatrie, zog später mit ihren Eltern weg. Der Bio-Mann blieb an der Schule. Als Beamter konnte man ihn eh nicht entlassen, also wäre er höchstens strafversetzt worden, um dann auf einem anderen Gymnasium so weiter zu machen. Ich hatte zumindest zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, er habe aus dieser Sache etwas gelernt.
Das sind nur ein paar Ereignisse, die es eigentlich unmöglich machen, vor einer dieser Personen Respekt zu haben und von ihr irgendetwas anzunehmen.

 

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