Sophie 11

Auch die Beurteilung meiner Aufsätze und Interpretationen konnte ich oft nicht nachvollziehen. Natürlich wollte ich dafür eine Erklärung – die stand mir schließlich auch zu! Ein Aufsatz hatte die vorgegebene Überschrift: “Ein kleiner Klaps kann nicht schaden – oder?“ Es war mir schon klar, worauf die erwünschte Argumentation hinaus laufen sollte. Aber so einfach erschien mir der Sachverhalt nicht und ich bin noch jetzt davon überzeugt, man muss hier stark differenzieren, kann nicht einfach verurteilen. Ich begann also die Einleitung wie folgt:
Bei der Beurteilung dieser Behauptung gilt erst einmal festzustellen, was noch ein kleiner Klaps ist, wo er landet, wie alt das Kind ist, mit welcher Absicht er ausgeführt wird und welchen Schaden das Kind davonträgt. Des Weiteren ist zu berücksichtigen, wie der Ausführende sich danach fühlt.
Dann fuhr ich fort:
Nach meinem Ermessen kann von einem kleinen Klaps nur dann gesprochen werden, wenn die Berührung zwar als Rüge wahrgenommen wird, aber nicht weh tut. Bei einem kleinen Kind kann solch ein Klaps auf die Hand sinnvoll sein, um eine Verletzung zu verhindern, wenn es zum Beispiel kurz davor steht, auf eine heiße Herdplatte zu fassen. Dann richtet er sicher keinen seelischen Schaden an. Ein Schlag ins Gesicht dagegen ist immer zu verurteilen, weil das als eine ungeheure Demütigung empfunden wird.
Fühlt der Erwachsene sich gut nach einem Klaps, so finde ich das bedenklich. Dann nämlich hat er sich am Kind lediglich abreagiert für etwas, das mit diesem selbst und dessen Verhalten eigentlich gar nichts zu tun hat. Das spürt ein Kind genau und es wird darüber verstört sein. Wenn er sich allerdings schlecht fühlt, sich Vorwürfe macht und das eigene Verhalten als grundsätzlich falsch erkennt, so kann er mit dem Kind, ganz gleich wie alt es ist, darüber reden, wie es zu der Handlung kam und sich dafür entschuldigen, was für das Verständnis sehr wichtig ist.
Den restlichen Text lasse ich weg, der ist nicht mehr so wichtig und wurde auch nicht sonderlich kommentiert. Er beschäftigte sich in der Hauptsache mit der Aussage, dass man eigentlich grundsätzlich Kinder überhaupt nicht schlagen sollte, dass es gesetzlich verboten ist sowie mit der Geschichte der Prügelstrafe und deren Folgen für die Kinder und deren späteres Verhalten ihren eigenen Kindern gegenüber.
Die Einleitung wurde durchgestrichen – „am Thema vorbei“ – völliges Unverständnis meinerseits. Das Gleiche beim größten Teil des ersten Abschnittes im Hauptteil. Letzter Satz zweiter Absatz: „schlechter Stil – Satz zu lang.“ Großes Fragezeichen neben dem ganzen Absatz. Note 3-.
Bei meiner Nachfrage wurde ich darüber belehrt, dass es darum gegangen sei, sich entweder dafür oder dagegen zu entscheiden und dementsprechend zu argumentieren – kein sowohl als auch, das sei einfach falsch. Das Fragezeichen bedeute, dass sie nicht wisse, wie ich zu einer solchen Einschätzung käme, etwas Negatives könne nicht zugleich positiv sein und sie würde sich gerne mal mit meiner Mutter über meine Erziehung unterhalten. Aber weniger negativ könne es sich auswirken, gab ich zu bedenken. Darauf erhielt ich keine Antwort.
Dann versuchte ich noch zu erklären, dass ein Satz, in dem sich alles aufeinander beziehe, zwangsläufig so lang sein müsse. Man könne die fortlaufenden Gedankengänge nicht einfach durch einen Punkt unterbrechen, das vermindere die Wirkung. Ich bemerkte, wie sie schon wieder ungeduldig wurde, schwieg frustriert und ließ es dabei bewenden. In der Pause las ich mir alles noch einmal durch und kam zu dem Schluss, dass es mir unmöglich wäre, meine Gedanken anders zu lenken oder auszudrücken. Allerdings war ich im Zweifel, ob das vielleicht an einer Art Unvermögen meinerseits liegen könnte.
Bei Interpretationen wurde uns immer wieder das Lesen der Sekundärliteratur angeraten. Gelesen habe ich die auch, oft mit großem Interesse. Gelegentlich jedoch hatte ich in Bezug auf den Inhalt eines Buches eine völlig andere Wahrnehmung, fand andere Dinge wichtig und beurteilte einige Vorgänge und Handlungen völlig gegensätzlich.
Man sollte nun meinen, Lehrer wären begeistert, wenn einer ihrer Schüler neue Feststellungen macht und diese genau herleitet und beschreibt. Weit gefehlt – die Sekundärliteratur ist beinahe ein Dogma innerhalb der Lehrerschaft. Es ist lediglich gestattet, so man eine sehr gute Note haben möchte, das Gleiche in eigenen Worten ein wenig abgewandelt nachzubeten, evtl. noch einige Zitate einzufügen. Für mich ist das aber keine Interpretation eines Buchtextes, sondern lediglich ein Beweis dafür, dass man den Inhalt des Sekundärwerkes verstanden hat. So wird man zur Hochstapelei und zum geschickten Abschreiben erzogen – wenn man es denn zulässt – und zur Vorspiegelung einer irrealenPersönlichkeit. Und man wird dafür auch noch belohnt – so lange, bis man gar nicht mehr weiß, wer man eigentlich ist. Aber die Noten stimmen! Bravo!
Die Missachtung meiner schriftlichen Arbeiten ging nicht spurlos an mir vorüber. So war ich ständig zerrissen zwischen der Wahrnehmung: “Ich kann alles, ich bin genial“ und dem niederschmetternden Gegenteil: “Ich bin völlig unfähig und kann gar nichts!“ Diese beiden Empfindungen kämpften erbittert gegeneinander, ohne dass eine von ihnen gewinnen konnte. Das fühlte sich gar nicht gesund an, war teilweise ungeheuer anstrengend und erfüllte mich in vielen Nächten mit ungeheurer Traurigkeit.
Ich habe in dieser ganzen Zeit auf dem Gymnasium nur zwei Lehrer erlebt, die an den Schülern wirklich interessiert waren und diese für ihr Fach begeistern konnten. Und diese beiden lösten bei den Kollegen nichts als Neid aus und waren ziemlich isoliert. Einer davon war ein Mathelehrer, der mich zwar sehr für das Fach Mathematik an sich begeistern konnte, mein mathematisches Vorstellungsvermögen aber dennoch nicht über meine eigenen Grenzen hinaus steigern konnte. Aber ich bemühte mich nach Kräften und mochte den Unterricht. Dann war da noch die Musiklehrerin, die uns so viele unterschiedliche Musikstile mit ihrem Enthusiasmus nahebrachte, dass Musik bald zu unserem heimlichen Hauptfach wurde. Für Chor und Schulorchester existierte sogar eine Warteliste.
Bestimmte Typen verursachten mir dagegen regelrecht Übelkeit:

3 Gedanken zu “Sophie 11

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