Sophie 9

Ich wurde älter und wollte diskutieren über meine Meinungen, forderte Erklärung und Aufklärung. So viele drängende Fragen hatten sich aufgehäuft und ließen mir keine Ruhe. „Immer dagegen!“, wetterte mein Vater oft genervt und strafte mich mit Nichtachtung, bei heftigeren Auseinandersetzungen auch mit gemeinen Verboten. Damit war das Thema für ihn erledigt. Mutter sendete Blitze in meine Richtung, weil ich die Stimmung verdarb. Sie zelebrierte Harmonie, während ich an meinen unausgesprochenen, abgewürgten Wahrheiten zu ersticken drohte, meine Fragen ohne jede Antwort blieben.
In meinem Kopf herrschte Nacht für Nacht ein fürchterlicher Tumult, ein unbarmherziger Kampf sich widersprechender Gedanken. Manche blitzten auf für einen kurzen Moment, schienen die Lösung zu sein, verschwanden aber sofort wieder und ließen sich nicht zurückholen. Für Stunden saß, lag oder kauerte ich dann regungslos, um mich zu erinnern, suchte nach Fetzen und Inhalten, den Blick ganz nach innen gekehrt. Nur selten gelang es mir. Die Verzweiflung, vielleicht den einzig wahren Gedanken verloren zu haben, zehrte an meinen Kräften. Nichts ließ sich unter „erledigt“ abheften, nichts ließ sich eindeutig ordnen, ich drehte mich im Kreis. Gefangen in einem Labyrinth, aus dem ich ohne Anhaltspunkte unmöglich den Ausgang finden konnte. Zu viel – alles zu viel!
Ich weiß nicht, inwieweit meine Mutter oder mein Vater diese innere Zerrissenheit bemerkten. Ist auch nicht wichtig. Denn selbst wenn, löste das bei ihnen nicht den Willen aus, mir auf irgendeine Weise beizustehen. Sie wollten nur, dass es anders wäre, problemlos wie bei den unauffälligen Kindern der Nachbarn. Als ich für einige Zeit resignierte und völlig verstummte, waren sie erleichtert statt besorgt. Endlich herrschte wieder Harmonie!
Wenn meinen Eltern ihr ständiges unter der Decke halten zu anstrengend wurde und fürchterliche Streitereien die Nacht zerrissen, flüchteten sie – Mutter meist auf eine Insel, wo sie sich zu finden hoffte, während Vater mit den “Jungs“ die verloren Zeit versuchte nachzuholen. Ungefähr zwölf war ich, als sie einfach voraussetzten, ich müsse das verkraften können. Ich jedoch fühlte mich einfach nur böswillig im Stich gelassen. Warum war es ihnen nicht möglich, die paar Jahre, bis ich wirklich eigenständig sein würde, für mich da zu sein, wenn ich sie brauchte?
Schließlich hat kein Kind entschieden, zur Welt zu kommen, sondern die Eltern haben das verursacht. Also kann man doch auch verlangen, dass sie sich für eine überschaubare Zeit der Verantwortung zu stellen, auch wenn nicht alles ist, wie sie sich das vorgestellt haben. Aber nein, stattdessen überfrachten sie uns mit ihren früheren Enttäuschungen, hohen Erwartungen und überzogenen Forderungen – das alles natürlich zu unserem Besten.

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