Sophie 8

Verunsicherungen
Ja, es gab da mal dieses fröhliche kleine Kind. Damals, vor einer gefühlten Ewigkeit, als es noch genügte, wenn es Sommer war, die Sonne schon morgens heiß vom Himmel brannte und ich den ganzen Tag im Freien und, was mir am liebsten war, am See herumstreunen konnte. Damals, als es ausreichte, wenn im Winter der Schnee in dicken Flocken aus den Wolken fiel und ich mit Schlitten und Skiern die Hügel und Berge hinunter sausen durfte. Damals, als die Nikolausstiefel prall gefüllt waren und unter dem leuchtenden Weihnachtsbaum viele bunte Päckchen auf das Auspacken warteten.
Aber auch zu dieser Zeit hatten sich schon Zweifel und viele Ängste in der Seele angesammelt. Verlustängste, drohendes Unheil, Gefühle der Hilflosigkeit und allgegenwärtiger Gefahr beherrschten die Nächte, wuchsen sich aus zu fürchterlichen Albträumen.
Was ist geschehen mit diesem kleinen Mädchen? Es hat immer genug zu essen gehabt, seine Kleider waren sauber. Das Haus war groß und gemütlich, dem Kinderzimmer fehlte es an nichts. Im Garten gab es ein Baumhaus und gleich hinter dem Gartentor breitete sich eine aufregende Wildnis aus mit Wiesen, Bach, Feldern, einem kleinen Wäldchen und einem Dickicht, das nur Kinder betreten konnten, um sich dort Höhlen zu bauen. Für schulisches und vorschulisches Lernen war alles Erdenkliche getan worden, die Freizeiten verliefen sinnvoll organisiert. Ach ja, und für die “richtigen“ Freunde war gesorgt worden.
Offensichtlich hat das aber nicht genügt, um es zu einem fröhlichen großen Menschen zu machen. Seltsam, nicht wahr? Vermutlich sind diese Dinge ja gar nicht das Wesentliche für eine gesunde Entwicklung. Für meine Person kann ich jedenfalls berichten, dass mein Vertrauen erheblich beschädigt wurde und brutale Ängste einsetzten, als die Erwachsenen begannen, “sich selbst zu suchen“. Viele Dinge drangen sicher aus Unaufmerksamkeit, Gedankenlosigkeit oder auch Unterschätzung des kindlichen Verstandes an mein Ohr – macht das für mich einen Unterschied?
Ich erinnere mich noch genau an das erste Mal, als ich meine Mutter zu einer Freundin sagen hörte:
„Gut, dass du Zeit hattest, ich muss mal wieder mit einem Menschen reden. Wenn ich immer nur mit dem Kind zusammen bin, fällt mir langsam die Decke auf den Kopf. Manchmal habe ich das Gefühl, mein Leben ist vorbei.“
Der Stich in mein kleines Herz ist nicht zu beschreiben, jede Ohrfeige wäre gnädiger gewesen. Ich konnte doch nicht daran schuld sein, dass meiner Mama die Decke auf den Kopf fällt und sie stirbt. Stellt es Euch einfach bildlich vor, dann versteht Ihr.
Die Antwort der Freundin war ebenso eindringlich:
„Du musst dich einfach jetzt um dich kümmern, fahr doch an den Wochenenden einfach mal alleine weg, damit du frei durchatmen kannst und wieder zu dir kommst.“
Hey, so eine Doofe, und wer kümmerte sich dann um mich? Außerdem war Mama doch bei sich, wo denn auch sonst?
Papa hatte doch auch keine Zeit um auf mich zu schauen. Er musste ja, so hatte ich gehört, unbedingt den Stress von der Arbeit in verschiedenen Sportvereinen loswerden. Arbeiten musste er auch immer sehr lange, weil er es zu etwas bringen wollte und “Kinder viel Geld kosten.“ Deswegen sprachen wohl auch die Erwachsenen davon, sich Kinder “anzuschaffen.“ Ich bekam zum ersten Mal das Gefühl, dass Kinder etwas sehr, sehr Belastendes sind – dummerweise war ich eins.
Später kam noch die Sache mit Radio und Fernsehen dazu. Auch auf diesem Gebiet gab es eine Superplanung, an welchen Tagen ich wie viele Minuten von welcher pädagogisch wertvollen Sendung sehen durfte. Grundsätzlich nicht verkehrt, wäre nicht etwas Anderes völlig übersehen worden: Nachrichten! Auch meine Eltern sahen nicht viel fern, aber die Nachrichten waren ihnen sehr wichtig. Möglichst auf verschiedenen Kanälen aus unterschiedlichen Blickwinkeln, vervollständigt durch “Expertenaussagen“, Augenzeugenberichte und zugehörige Diskussionen.
Hier sah ich Krieg, Blut, Explosionen, tote, verstümmelte und verhungernde Kinder, hörte von Katastrophen, Zusammenbruch, Vernichtung, schrecklichen Krankheiten, die sich auf der ganzen Welt ausbreiten würden. Sicher verstand ich nicht alles, aber an das verstörende Gefühl erinnere ich mich genau.
Das passte so gar nicht zu der heilen Welt mit Christkind, Zahn- und Schnullerfee und manch anderen drolligen Gesellen, von denen ich vorgelesen bekam. Es gab sogar Eltern, die ihre Kinder totprügelten oder Mütter, die ihre Babys vom Balkon warfen oder in der Gefriertruhe einsperrten. Wenn so etwas wirklich geschehen konnte, dann war alles möglich. Leider sprach niemand mit mir darüber, höchstwahrscheinlich bemerkten sie mich nicht einmal, während sie sich auf die Sendungen konzentrierten. Und wenn ich nachfragte, wurde ich entweder überhört oder bekam Erklärungen wie: „Das ist alles nur gespielt, das hat nichts mit uns zu tun.“ Oder: „Später. Das verstehst du noch nicht.“ Genau das war doch mein Problem – ich verstand es nicht! Dadurch waren meine Kopfbilder erst recht außer Kontrolle.
Ich bekam das Gefühl, ich würde belogen, denn schließlich wusste ich ja jetzt, dass keineswegs die meisten Menschen leise redeten, sich nicht stritten und immer vernünftig über alles sprachen. Gut, dass das sowieso nicht richtig gelang, hatte ich schon bemerkt. Zum Schluss hieß es meistens doch: „Das wird jetzt so gemacht, basta!“ Manchmal fühlte sich auch einer der Erwachsenen durch ein Gespräch tödlich beleidigt trotz der samtweichen, leisen Worte und rastete dann völlig aus. Der war dann in den Erklärungswelten meiner Eltern ein bisschen krank. Dabei hatten sie wohl völlig ausgeblendet, welch ein Geschrei oft zwischen ihnen beiden herrschte, wenn sie dachten, ich schliefe.
Ohnehin glaubte ich das nicht. Ich fand es völlig normal wütend zu werden, wenn immer nur um alles drum rum geredet wurde. Man haut nicht, schreit nicht, zerstört keine Dinge. All das kam mir nun schon etwas lächerlich vor, weil es ja offensichtlich doch getan wurde. Das Schlimmste aber war in all meiner Angst und Sorge das Bewusstsein, dass meine Eltern mir in schlimmen Situationen nicht wirklich würden helfen können. Sie waren nicht mehr meine Helden. Erstens weil sie nicht ehrlich waren, zweitens weil sie ständig alles total verdrehten, nur um nicht handeln zu müssen. Womöglich konnten sie es auch gar nicht, weil sie schwach waren. Für sie war immer alles völlig in Ordnung, oder vielleicht gaben sie das auch nur vor, während mir meine Eindrücke von der wahren Welt sehr bedrohlich erschienen.
Meine Fragen dazu wurden ebenso meist belächelt und verniedlichend beantwortet. So war irgendwann klar, ich würde selbst stark sein müssen, um mich den Gefahren der Welt stellen zu können. Da ich aber noch klein und schwach war und daher nicht genau wusste, wie ich das eigentlich anstellen sollte, fühlte ich mich ziemlich hilflos. Natürlich war über dieser Angstschicht auch noch ein anderes, fröhliches, albernes, wissbegieriges Kind, aber die ersten Zweifel waren gesät, Furcht und Ungewissheit ließen sie stetig wachsen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s