Sophie 7

Mir geht es nicht gut, als ich in meinem Zimmer ankomme. Deprimiert lass ich mich auf mein Bett fallen. Schon bereue ich es wieder, mich erneut, wenn auch mit klarer Abgrenzung, auf die angepasste Gesellschaft eingelassen zu haben. Die Gedanken kreisen unkontrolliert in meinem Kopf, bauschen sich auf, bilden dicke Knoten. Ich hatte das doch alles mit so viel Mühe geordnet.
Warum kann etwas, das logisch durchgeplant war, nicht einfach funktionieren? Das habe ich mir einfacher vorgestellt. Klare Ansagen, an die sich alle halten, und es läuft. Dachte ich. Bedeutet das nun auch, dass der ganze Lebensplan, der auf wahrhaft schmerzliche Weise entstanden ist, nichts taugt? Macht ein fehlerhaftes Teil zwangsläufig das Ganze unbrauchbar? Nicht wieder dieses Gefühl der Verwirrung, nicht noch einmal diese Verzweiflung, mit der ich ganz allein bin.
Langsam, unaufhaltsam, meldet sich nun das schlechte Gewissen, so wie es das von jeher tat, wenn ich ganz ehrlich zu meinen Eltern war. Sie haben diesen verwundeten, enttäuschten Blick ja so gut drauf. Ganz tief brennt er sich in dein Inneres ein. Alles in mir wehrt sich dagegen, eingesaugt zu werden in den Kreisel aus 17 Jahren Schuldgefühlen bei gleichzeitiger Lähmung von Gedanken und Handlungsunfähigkeit. Ich will lieb sein, ich will lieb sein, ich soll lieb sein, ich muss lieb sein – ich will nicht mehr lieb sein, nie wieder! Ihr habt mich enttäuscht – nicht umgekehrt! Ihr macht meinen Kopf kaputt, ich halte das einfach nicht aus!
Also schlafen kann ich jetzt nicht, lernen funktioniert auch nicht in diesem Zustand. Mich überkommt eine furchtbare Angst, ich könne alles wieder verlieren, was ich mir so mühsam erkämpft habe. Es fühlt sich an, als würden meine sämtlichen Erkenntnisse
gleichzeitig verblassen und schrumpfen. Der Puls rast, mir ist heiß, die altbekannte Übelkeit meldet sich zurück.
Hastig reiße ich das Fenster weit auf. Anschließend beginne ich damit, die Möbel umzustellen. Es soll hier nicht mehr so aussehen, wie all die vergangenen Jahre. Bilder und Poster kommen ab. Alles, was mich an meine frühere Existenz erinnert, wird aus den Regalen geräumt. Diese Dinge entsprechen mir nicht mehr. Ich muss mich davon befreien. Langsam komme ich zur Ruhe. Im Zimmer herrscht nun kühle Sachlichkeit. Endlich werden auch meine Erinnerungen und Gedanken wieder klar und einigermaßen zeitlich gegliedert.
Diese innere Ablehnung meiner Eltern ist bei mir ja nicht ganz plötzlich entstanden. Sie hat sich im Laufe der Jahre entwickelt durch die Erfahrungen und Beobachtungen, die ich gemacht habe. Ich erinnere mich sehr wohl an eine Zeit, als ich bedingungslos vertraute und zu ihnen aufschaute. Damals waren sie alles für mich. Und heute? Heute möchte ich nicht im Ansatz so werden wie sie. Niemals ein so oberflächliches, verlogenes, etabliertes Leben führen. Diese Wandlung habe ich als großen inneren Verlust erlebt, den ich den beiden extrem übel nehme. Aber am besten beginne ich von vorn.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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