Sophie 6

Alte Muster
Als ich drei Stunden später ziemlich abgehetzt und mit schlechtem Gewissen das Haus betrete, in dem ich nun wieder vorübergehend wohne, herrscht eine angespannte Stimmung. Meine Mutter streckt den Kopf aus der Küche und fragt vorwurfsvoll:
„Warum kommst du so spät?“,
und bevor ich mich entschuldigen kann, knurrt mein Vater aus dem Hintergrund:
„Wir essen um sechs, das weißt du genau. Wenn es hier nach mir ginge, würdest du hungrig ins Bett gehen!“
Na dann eben keine Entschuldigung.
„Ihr könnt essen, wann ihr wollt. Das ist doch nicht abhängig von mir. Oder habt ihr die letzten Monate auf Essen verzichtet?“
Ich will am liebsten ganz schnell in meinem Zimmer verschwinden und stürme die Treppe hoch, aber die Stimme meiner Mutter ruft mich zurück:
„Komm, lass uns reden!“
Ja, vielleicht sollten wir das wirklich tun, wir müssen schließlich noch eine Weile miteinander auskommen und ständiger Streit kostet mich zu viel Kraft. Also setzte ich mich zu ihr in die Küche.
„Ich hab mir so gewünscht, dass alles wieder gut wird, jetzt, wo du zurück bist. Aber du bist immer kurz vorm Explodieren, das versteh ich nicht. Hoffentlich ist diese Phase bald vorbei, damit hier wieder Ruhe einkehrt. Kannst du denn nicht ein bisschen Rücksicht nehmen? Komm, iss was und beruhige dich.“
Aufseufzend schiebt sie mir einen Teller Spaghetti herüber. Schon wieder dieses Wort! Ich bin in keiner Phase: mein Leben, meine Anforderungen haben sich grundsätzlich gewandelt, denke ich, während ich esse. Und Rücksicht nehmen auf die elterlichen Gefühle, die ja nicht die meinen sind, eher in krassem Gegensatz zu diesen stehen, fällt mir einfach schwer, solange ich noch diesen Zorn in mir habe. Ihre geballte Erwartung, alles schnell wieder vergessen zu können, stresst mich.
Das Essen verschafft mir etwas Zeit. Ich muss mir gut überlegen, was ich antworte. Wenn die Worte einfach so aus mir heraus rollen, wird es immer zu verletzend. Irgendwann ist jeder noch so große Teller leer.
„Eigentlich ist doch alles gut soweit.“, beginne ich. „Schau mal, ich hab doch ganz klar gesagt, wie ich mir das hier wieder vorstellen kann. Wie eine WG eben. Mein Zimmer, meine Wäsche mache ich auf jeden Fall selber. Für mein Essen könnte ich auch alleine sorgen. Mit der Schule das werde ich auch selbst regeln. Ich habe wirklich alles gut vorbereitet. Eigentlich könntest du deine ewige Sorge jetzt mal abschalten. Ansonsten arbeite ich für meine Nachprüfung, mach mein Abi so schnell wie möglich. Danach ziehe ich aus, gehe meinen Weg. Was weiter wird, ergibt sich schon. Wenn das so funktioniert, gibt`s auch keine Spannungen mehr.“
Meine Mutter runzelt kaum merklich die Stirn. Da kommt noch was, sie will jetzt mehr.
„Du stellst dir das alles so einfach vor. Das ergibt sich, von wegen ergibt sich! Da musst du schon auch selber was tun. Studieren, wenn du schon Abitur hast. Man muss ja auch genug Geld verdienen, um sich was aufzubauen, eine Familie zu gründen und so. Es kann ja wohl nicht sein, dass du noch gar keinen Plan hast? Zeit genug zum Nachdenken hast du dir ja schließlich genommen!“ endet sie.
„Erst einmal muss ich für mich wissen, was sich überhaupt lohnt, aufgebaut zu werden. Es muss was sein, was diese Dreckswelt verändert und was ich vor mir selbst verantworten kann! Einen ungefähren Plan hab ich sehr wohl! Karriere werde ich jedenfalls nie machen, das kann ich dir gleich sagen und ob ich jemals eine Familie gründe, steht auch nicht fest. Jetzt fehlt ja wohl nur noch der Spruch von „Enkelkindern“. Ich will auf keinen Fall so leben wir du und fast alle, die ich im Laufe der Zeit so kennenlernen durfte.“  Besser halte ich jetzt den Mund, ich rede mich schon wieder in Rage. Langsam stehe ich auf, räume den Teller in die Spülmaschine, mache mich zum Rückzug bereit. Kopfschüttelnd schaut mir meine Mutter zu.
„Du warst immer so ein fröhliches Kind. Und du hast es doch auch gut gehabt, bist immer von uns beschützt und unterstützt worden. Schlechtes hast du doch gar nicht erleben müssen. Was hat dich nur so verändert? Wir haben doch auch immer darauf geachtet, dass du die richtigen Freunde hattest. Ich verstehe das einfach nicht.“
„Ich weiß.“, antworte ich noch im Hinausgehen. „Gute Nacht.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s