Sophie 4

Gegen den Wind
„Dieses sage ich Euch zum Trost: Gottes Wege sind unergründlich. Aber in allem liegt ein göttlicher Sinn, auch wenn wir (dummen, kleinen Menschen?) ihn oft nicht sehen und verstehen können.“ Dieser verlogene, allgegenwärtige Satz auf Beerdigungen reißt mich aus meinen Gedanken. Das ist mein Stichwort. Ich werde jetzt gehen, das halte ich nicht aus, ich kriege keine Luft mehr, mir wird schlecht.
Noch in der Drehung bemerke ich den Blick meiner Mutter und wende mich noch einmal um. Sie hat die Brauen hochgezogen, ihre Lippen sind ganz schmal geworden. Sie schüttelt den Kopf, nickt kurz in Richtung der Menschenmenge. „Ich gehe!“, flüstere ich nur. Als sie darauf hin Schultern und Hände kurz hilflos anhebt, tut sie mir irgendwie leid. „Kein Stress! Ich komme nach Hause.“, füge ich deshalb noch schnell leise hinzu und hoffe, dass sie das beruhigt.
Endlich bin ich raus aus dieser unerträglichen Situation. Erst einmal tief durchatmen. Ich laufe vorbei an sauberen Bungalows und Einfamilienhäusern unserer Kleinstadt am Bodensee mit gepflegten Vorgärten, auf die viel Mühe verwendet wurde. Die wohl ausdrücken sollen, dass auch drinnen alles in bester Ordnung sei.
Es ist einer dieser trüben Tage, an denen ein Teil der Dunkelheit hängen bleibt. In vielen Fenstern ist schon Licht, in einigen Gärten blinken Lämpchen durch die letzten Schneereste. In den Räumen bewegen sich Gestalten, was mir zeigt, es sind Menschen dort. Aber das warme Gefühl meiner Kindheit will sich nicht einstellen. Das mag daran liegen, dass ich mittlerweile Schein und Sein voneinander trennen kann. Ich habe Unordnung, Gewalt und viel Leid hinter den Fassaden von Häusern und Menschen entdeckt.
Als ich klein war, fand ich diesen Anblick schön und beruhigend für mein schon immer aufgewühltes Temperament, fühlte mich sicher. Manchmal vermisse ich diesen Zustand. Wenige Schritte noch, dann bin ich auf dem freien Feld, spüre scharfen Gegenwind, warte darauf, dass mein Hirn wieder leer gepustet wird. Meine Füße werden jetzt langsamer, die Gedanken rennen weiter.
Armer, bedauernswerter Gott – ich hoffe für ihn, dass er nur eine Projektion ist! Für alles, was schiefläuft, wird er verantwortlich gemacht. Und schon muss sich niemand mehr Gedanken machen über eine eigene Verantwortlichkeit. Wie praktisch! So kann man sich gemütlich im eigenen Leben einrichten, wenn doch eh nichts zu ändern ist. Was für ein Gottesbild ist das auch? Wie kann ein Sinn liegen in sadistischem Auswurf von Schicksalsschlägen, Gewalt, Kriegen usw.? Na ja, ich glaube ja sowieso, dass Menschen selbst schuld sind an dem Unheil, das sie verursachen. Eigentlich logisch – oder? Diese Vorstellung eines uralten Überpapas, der auf der Wolke sitzt und straft und nur aus dieser Angst heraus seine Bedeutung erhält, die brauche ich nicht. Ein Vater reicht doch wohl vollauf! Mir jedenfalls! Für die Kirchen ist es natürlich praktisch, dieses Verständnis aufrecht zu erhalten. Inklusiv Himmel und Hölle können sie so ihre Macht festigen und ständig erweitern.
Wie hat man es bloß geschafft, so vielen Erwachsenen das freie Denken abzugewöhnen? Wo sind die Helden, wo die Vorbilder geblieben? Woran sollte ich mich orientieren? Es gibt wirklich keinen Menschen in meinem Umfeld, dem ich nacheifern möchte. Bei näherer Betrachtung entwickelt sich stets nur ein Gedanke: “So will ich nie werden!“ Aber ich habe ja jetzt einen Plan für mein Leben, schriftlich, sozusagen als Gerüst zum Nachschlagen.
Ob ich das alles so schaffen werde, weiß ich nicht. Einreihen in das Heer der Gleichgeschalteten werde ich mich jedenfalls nicht mehr. Wie sehr der Wille zur Selbstbestimmung auf harten Widerstand trifft, habe ich am eigenen Leib erfahren. Gerade muss ich wieder an diesen Satz denken, den schon meine Großeltern gerne zitierten: “Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.“ Stimmt schon, aber wie und was wir dort lernen, ist doch meistens für das Leben nicht brauchbar. Viel eher vernichtet das System oft genug die Chancen kluger Köpfe auf eine gute Zukunft.
Vor allem geschieht das dann, wenn es unerwünscht ist, selber zu denken. Wenn die besten Noten an diejenigen verteilt werden, die alles nachplappern und hübsch auswendig lernen. Trittst du heraus aus der Reihe und hast eigene, andere Ideen, dann wirst du gnadenlos fertig gemacht und als Querulant und Störer abgekanzelt. Und wehe dir, du bist auf einem Gebiet weiter oder intelligenter als deine Lehrer, dann beginnen diese Machtkämpfe, die nur ein Ziel haben: dich klein zu kriegen.
Du bekommst ihre ganze geballte Überheblichkeit zu spüren. Deine Beiträge werden so lange ins Lächerliche gezogen, bis du endlich selber glaubst, dass du eine Null bist. Zu diesem Zweck werden mit Vorliebe auch die Eltern einbezogen mittels kleiner Zettel mit dem beängstigenden Kurztext: „Wir bitten um ein Gespräch.“ Wie oft habe ich die mit nach Hause gebracht!
Auch spitze, halblaute Bemerkungen bei der Rückgabe von nicht so gut bewerteten Arbeiten werden gezielt eingesetzt, um dich vor gesammelter Mannschaft bloß zu stellen. Sehr motivierend! Dazu kommt noch, dass deine Mitschüler den Respekt vor dir verlieren durch solche Manöver und sauer sind, weil ein gereizter Lehrer die ganze Klasse nervt. Genau so hab ich`s mehrfach erlebt.
Nach jahrelangem wachsendem Zorn, Bauchschmerzen und Morgenübelkeit konnte ich meine dunkle Seite nur noch mit äußerster Selbstdisziplin unterdrücken. Allzu hell werd ich das jetzt nicht beleuchten. Ich bin froh, dass ich diesen Zustand hinter mir habe und mich nicht mehr vor mir selbst fürchten muss. Wer Ähnliches erfahren hat, weiß vermutlich, welche Phantasien ich da entwickelt habe, um Schmerz und Zorn zu loszuwerden, die Gewalt meiner Peiniger mit Gegengewalt zu beantworten. Sie sollten fühlen, was ich fühlte – sollten begreifen, vielleicht sogar bedauern, was sie mir antaten.
Es braucht schon eine Menge, um einen friedlichen Menschen zu solchen Vorstellungen zu bringen. Doch je weiter sich diese entwickelten, desto mehr überkamen mich Zweifel. So war ich nicht, wollte ich nicht sein.                                                                                           Ja sicher, es ging um meine Menschenwürde, die in der Schule fortwährend verletzt wurde. Aber kann man durch Unrecht sich sein Recht erstreiten? Hat man dadurch nicht sogar sein eigenes Recht verwirkt? Will ich wirklich eine weitere Steigerung von Gewalt, denn das wäre unzweifelhaft die Folge? Man musste das Rad doch stoppen und nicht immer weiter drehen. Plötzlich fand ich mich widerlich, erkannte meine Gedanken als völlig verirrt, und verbannte diese in die hinterste Ecke meines Gedächtnisses.
Aber der seelische Schmerz blieb mir erhalten und musste irgendwie bewältigt werden. Ich entdeckte, dass ich ihn durch körperlichen Scherz unterdrücken konnte. Eine Zeit lang wandte ich die Methode erfolgreich an, indem ich mich mit Messern, Scheren oder kantigen Steinen verletzte. Das übertönte nicht nur, sondern härtete mich auch ab, sodass ich mit den Zuständen und dem Verhalten mir gegenüber, das sich ja nicht verändert hatte, besser umgehen konnte.

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