Sophie 3

Ellen
Warum ich so ein finsteres Gesicht mache? Hallo! Vielleicht weil ich hier am offenen Grab einer früheren Freundin stehe und es in mir finster ist? Weil alle Erwachsenen so tun, als sei dies hier ein gesellschaftliches Ereignis? Sogar neu eingekleidet haben sich die meisten, stellen angestrengt Betroffenheit zur Schau.
Haben sie nicht gestern noch getönt, wie störrisch und unverschämt dieses Mädchen war? Wie ordinär und leichtfertig es sein Leben geführt hatte? Schon zu Lebzeiten hätte es ja den Eltern immer nur Kummer und Blamagen bereitet. Und jetzt noch diese Undankbarkeit – sich einfach umzubringen! Schon bemerkenswert dieser untrügerische Durchblick der scheinheiligen Gesellschaft. Wie sie sich selbst solch ein tragisches Geschehen so zurecht basteln, dass Selbstzweifel oder der Gedanke an eigenes Versagen gar nicht erst aufkommen kann.
Sobald ich meinen Blick hebe, kocht der Zorn in mir hoch. Ich will die alle nicht sehen! Aber gehen kann ich jetzt nicht mehr, denn irgendwie fühle ich mich verpflichtet, Ellen hier zu verabschieden. Schuldgefühle habe ich auch. Je genauer ich mich erinnere, desto klarer wird mir, an einem Punkt habe ich sie genauso abgeschrieben wie viele andere hier.
Keiner der Anwesenden scheint sich zu fragen, wie es so weit kommen konnte, dass Ellen das Leben zu schwer wurde, um noch einen anderen Weg zu finden. Jedes Mitgefühl gilt den Eltern. Dabei hat dieser Vater, der jetzt gerade in Selbstmitleid zerfließt, seine Tochter in der letzten Zeit wie Dreck behandelt, während die Mutter immer nur wegsah. Auch depressive Verstimmungen rechtfertigen es nicht, sein Kind im Stich zu lassen. Vor Jahren noch war Ellen ein völlig anderer Mensch gewesen, fröhlich, voller Träume und Tatendrang, eine gute Schülerin.
So ungefähr im Alter von 14 Jahren musste es ein Ereignis gegeben haben, das Ellen von ihrem vorherigen Leben abgeschnitten hatte. Mir fiel das zum ersten Mal auf, nachdem ihre Mutter für mehrere Wochen zur Kur gefahren war. Ellen blieb in dieser Zeit allein mit dem Vater, der für seine Grobheit und Brutalität bekannt war. Es hatte öfter schon Gerüchte im Ort gegeben, er würde seine Frau schlagen. Aber das war vielleicht nur das übliche Geschwätz der Gelangweilten ohne jegliche Beweise und konnte genauso gut nicht stimmen.
Offensichtlich jedoch war in der mutterlosen Zeit etwas geschehen, das Ellens Selbstbild stark beschädigt hatte, denn sie fing an, sich auffallend zu verändern. Immer öfter kam sie zu spät zum Unterricht oder fehlte völlig, machte kaum noch ihre Hausaufgaben. Schlechte Klassenarbeiten blieben natürlich nicht aus. Auf die Ermahnungen der Lehrer reagierte Ellen nur mit Schulterzucken. Wir anderen verstanden das nicht, stellten ihr aber auch keine Fragen.
Ihre Art zu sprechen – falls sie überhaupt noch etwas sagte – hatte sich ebenfalls seltsam gewandelt. Ihre Worte klangen so nachlässig dahin genuschelt, kaum öffnete sie den Mund dabei, als wolle sie jedes Wort mit den Zähnen hindern, nach außen zu dringen. War doch einmal etwas verständlich, so hörte ich meist sehr abfällige Bemerkungen über alles und jeden, wozu Ellen entweder unglücklich ins Leere blickte oder aber in hysterisches Lachen ausbrach. Ich weiß nicht, was ich schrecklicher fand.
Irgendwie wirkte dieses Verhalten auch abstoßend auf mich. Und erst ihre Kleidung! Grau, lang, weit, zugeknöpft und oft auch nicht ganz sauber. Wie einen Panzer aus Stoffen hatte sie mehrere Lagen über sich gestülpt – auf eine äußerst unattraktive Art. Die Haare schien Ellen sich auch nicht mehr zu waschen!
Je klarer ich meine Rolle als bloßer Beobachter wahrnehme, desto schlechter fühle ich mich. Wir (ich) hätten mit ihr reden müssen, war doch allen klar, dass da etwas ganz schön schief lief. Stattdessen machte ich den Fehler, meinen Eltern davon zu erzählen und sie zu fragen, ob man nicht etwas unternehmen müsse, vielleicht das Jugendamt informieren über diese Verwahrlosung. Sicher sei Ellen Schlimmes zugestoßen. Die beiden blickten sich vielsagend an: „Nein, nein, da mischen wir uns nicht ein, das geht uns nichts an! Mit so was kann man in Teufels Küche kommen. Solche Verdächtigungen können ganz üble Folgen haben. Das ist sicher nur so eine Phase. Und jetzt lassen wir das Thema!“
Bei diesem einen Vorstoß ist es dann geblieben. Es war auch klar, dass es hier nichts zu diskutieren gab. Wütend und resigniert stürmte ich aus dem Zimmer und verkniff es mir gerade noch, die Tür zu knallen. Sonst hätte es nämlich doch noch Diskussionen gegeben und zwar von der total banalen Sorte, die ich in diesem Moment weniger denn je hätte ertragen können.
An den Tuscheleien hinter vorgehaltener Hand hatte sich meine Mutter schließlich auch beteiligt, das hatte ich ja öfter schon mitgekriegt. Aber jetzt war es auf einmal nur eine „Phase“! Also lagen die Vorkommnisse doch nicht so im Dunkeln, dass man sie nicht hätte beleuchten können. Daran bestand jedoch offensichtlich kein Interesse. Leugnung und Verdrängung – das bewährte Rezept. Wie lange darf man schweigen, um keine Schwierigkeiten zu bekommen? Fängt nicht selbst das größte Unglück im Kleinen an? Hatte ich mich nicht auch aus der Verantwortung gestohlen?
Nach der 10. war Ellen dann von der Schule abgegangen und aus meinem Blickfeld verschwunden. Als ich sie ein paar Monate später zufällig wiedersah, hatte sie erneut eine erstaunliche äußere Wandlung durchgemacht. Die Haare blond gefärbt, stark geschminkt, auf hochhackigen Schuhen, den Körper in einen bemerkenswert kurzen, engen Schlauch gezwängt, erschreckte sie mich noch mehr als vorher. Ein knappes ablehnendes „Hallo!“, das mich bewusst auf Abstand hielt, dann ein abruptes Abwenden sind alles, woran ich mich bei unserer letzten Begegnung erinnern kann.

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