Sophie 2

„Also erst einmal hoffe ich, ihr habt Euch nicht allzu viele Gedanken gemacht. Wie in meinem Brief stand, war ich erst einige Zeit auf einem Zeltplatz. Danach bin ich sozusagen als Untermieter in die Wohnung von Arianes Cousin Christoph gezogen. Der ist gerade in Australien. Also alles ganz ordentlich. Dort hab ich viel gelesen, gelernt und nachgedacht. Das hat mir eine Menge gebracht. Außerdem hab ich in einem Café als Bedienung gearbeitet. Diese Zeit hat mir gezeigt, dass ich sehr gut alleine für mich sorgen kann.
Das möchte ich auch hier so beibehalten: um mein Essen, meine Wäsche und das Zimmer kümmere ich mich selbst. Ich bin nun zurückgekommen, um mein Abi zu machen und auf Ellens Beerdigung zu gehen. Auch das kann ich eigenständig regeln. Danach werde ich ausziehen und mir irgendwo ein kleines Zimmer suchen.
Und dann wollte ich noch fragen, ob ihr mein Zeugnis abgeholt und mich von der Schule abgemeldet habt?“
Lange Pause, meine Mutter sprach zuerst.
„Natürlich haben wir uns Sorgen gemacht, was denkst du denn? Du hättest dich ruhig einmal zwischendurch melden können, damit wir wissen, wo du bist. Ich wusste schon gar nicht mehr, was ich den Leuten erzählen soll. Und ich weiß auch nicht, warum du alles so kompliziert machst. Du isst natürlich mit uns. Ich kann das nicht leiden, wenn jemand anders in meiner Küche rummacht. Das mit deinem Zeugnis haben wir erledigt. Das war ganz schön peinlich für uns. Aber du bist wenigstens versetzt.“
Mein Vater ergriff nun das Wort. Ihm schien das alles ziemlich lästig zu sein. Außerdem war er wohl ziemlich enttäuscht von mir und meinem Verhalten.
„Also du willst über dein Leben selbst bestimmen. Wir werden ja sehen, wie weit du damit kommst. Gut, dass du wenigstens dein Abitur machen willst. Dann gehst du am besten morgen gleich zu deinem Direktor und klärst, wie das noch klappen
kann. Du wirst dich für dein Verhalten entschuldigen müssen. Egal, wie du das findest, du bist hier nicht zu Besuch und wir sind auch kein Hotel. Das heißt, du musst dich einfügen, solange du bei uns lebst. Du kannst nicht unser ganzes Leben auf den Kopf stellen.“
Mutter wieder:
„Und wenn die Nachbarn dich fragen, du warst im Schüleraustausch.“
Auch wenn sich alles in mir dagegen wehrte, das würde ich tun, um meine Ruhe zu haben. Sie hatten mir schon wieder ganz schöne Grenzen gezogen, das musste ich für ein reibungsloses Miteinander wohl erst einmal so hinnehmen. Zum Teil verstand ich sie auch, weshalb ich dazu keinen Kommentar abgab. Aber es passte mir nicht, weil es ein ungeliebter Rückschritt war. Zum Thema Schule gab es doch noch etwas zu sagen.
„In diese Schule gehe ich nicht wieder zurück. Ich werde versuchen, noch Unterlagen für ein externes Abi in diesem Jahr zu bekommen. So viel wie ich gelernt habe, kann ich das schaffen. Was diese Angelegenheit betrifft, möchte ich nicht kontrolliert werden, ich muss mich ganz auf meine Aufgaben konzentrieren können. Sobald es wichtige Informationen gibt, bekommt ihr die natürlich von mir.
Wenn ihr meine Unabhängigkeit in diesem Punkt nicht akzeptieren könnt, sollte ich vielleicht lieber nach einer Alternative suchen und nicht hierbleiben. Ich will einfach keine Streitereien und Diskussionen mehr.“
Meine Mutter hatte schon wieder das große “P“ für Panik auf der Stirn. Was sollen denn die Leute sagen? Nach dem Abi ausziehen ist normal, aber vorher geht gar nicht. Sie beeilte sich zu sagen:
„Oh Gott, nein. Du bleibst natürlich auf jeden Fall hier, bis du dein Abitur geschafft hast. Was das Lernen betrifft, lassen wir dich ganz in Ruhe. Halt dich einfach an die Regeln, dann gibt es schon keine Diskussionen.“
„Ja gut. Ich mein ja bloß, falls das Zusammenleben für beide Seiten zu nervig wird, dann macht es keinen Sinn.“
Natürlich gab es doch Fragen. Wie weit ich denn wäre mit dem Lernen, Ermahnungen, nicht immer nachts zu üben und vielleicht besser ohne Musik, Kritik an meiner Kleidung. Am unerfreulichsten waren Besuche von Nachbarn oder Bekannten, zu
denen ich dazu gerufen wurde, um von meinem “Schüleraustausch“ zu erzählen. Meine Mutter meinte, es sei einfach zu auffällig, wenn ich mich gar nicht blicken ließe. So sonderte ich höflich, aber möglichst knapp meinen Text ab und verschwand gleich wieder in meinem Zimmer. Noch nie hatte ich so viel am Stück gelogen. Das widersprach völlig meinen Grundsätzen. Aber weder wollte ich meine Eltern öffentlich bloßstellen, noch hatte ich Lust im Falle einer Richtigstellung länger als nötig mit diesen Leuten reden zu müssen. Ich nahm diese Einschränkungen hin bzw. beteiligte mich sogar daran, weil mir das als das kleinere Übel erschien, fühlte mich aber nicht wohl dabei.
Viel hat die klare Ansage bei meiner Rückkehr also nicht gebracht. Sicher flüstern sich meine Eltern abends in ihrem Zimmer hoffnungsvoll zu, das sei doch sicher nur so eine „Phase“ mit der Selbstbestimmung. Besonders glücklich sind sie mit mir zurzeit bestimmt nicht, aber für ihr Glück bin ich als Kind auch nicht zuständig. Dafür müssen sie sich andere Inhalte suchen, die sie selbst beeinflussen können.

Vielleicht sollte ich mich jetzt einmal vorstellen: Ich heiße Sophie, bin mittlerweile 18 Jahre alt und habe im vergangenen Sommer völlig frustriert die Schule geschmissen und bin von zu Hause abgehauen. Mein Leben war mir unerträglich geworden. Die ständige Einschränkung meines Verstandes sowie die verzweifelten Fragen, welchen Sinn ich meiner Zukunft geben könnte, trieben mich zu diesem Schritt. Und ich bereue ihn keine Sekunde. Nun bin ich zurück, weil eine Klassenkameradin morgen beerdigt wird.

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