Nachtrag – dann denkt/spricht Sophie

Also – erst wollte ich ja ruhige, glückliche und besinnliche Teile weglassen, weil diese mit der Gesellschaftskritik nichts zu tun haben. Mach ich aber nun doch nicht. Im Buch sind sie aus gutem Grund auch vorhanden, um ein umfassendes Bild von Sophie zu zeichnen – die Erlebnisse sind vorwiegend fiktiv, das Wissen darum erwächst aus Erfahrung. Um mit der Welt und den Verhältnissen den Kampf auszufechten, braucht es eben auch ein Auftanken und Innehalten in schönen Momenten. Außerdem bedeutet das Sehen von Missständen ja nicht, dass man ausschließlich das Negative zur Kenntnis nimmt. Meine Lebensfreude und Fröhlichkeit verhindern jedenfalls nicht, dass ich Dinge anprangere und bekämpfe. Außerdem versucht das Buch, ein Plädoyer für Bildung und Wissen zu sein.

Los geht`s:

Unser Wissen ist unsere Macht –
unser Nichtwissen ist die Macht der Anderen!

Vorwort
Unsere Welt ist unzweifelhaft in einem Besorgnis erregenden Zustand. Tatsache ist auch, dass viele Jugendliche, die ich im persönlichen Umgang eigentlich immer als angenehm erlebt habe, zutiefst verunsichert und misstrauisch sind. Es fehlt oft an Perspektiven und somit an Motivation. Die Gesellschaft ist durch Komasaufen, das Konsumieren von zum Teil heftigen Drogen und einen Anstieg der Gewalt zu Recht alarmiert. Diese Probleme sind keine modische Zeiterscheinung, sondern eine Reaktion. Nur das Verändern der wahren Ursachen wird auf Dauer zu einer positiven Entwicklung führen.
Dieses Buch ist entstanden nach jahrelangen Beobachtungen und Gesprächen mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus dem Kreis meiner Kinder und deren Freunden, weiteren Verwandten sowie Schülern und ehemaligen Schülern. Auch eigene Erfahrungen habe ich verarbeitet. Der Entschluss zu einer Verarbeitung in schriftlicher Form entstand aus der traurigen und verstörenden Erkenntnis, welch fatale Wandlungen oft Unbedachtheit, erlebte Gewalt und Ungerechtigkeit, fehlende Wertschätzung, fortgesetzt empfundene Demütigung und Sprachlosigkeit zur Folge haben.
Gesehen habe ich diese bei einer Vielzahl von jungen Menschen, in deren saubere, fröhliche und wahrhafte Gesichter ich noch einige Jahre zuvor geblickt hatte. Und ich weigere mich, diese Entwicklung als zwangsläufig und unabänderlich anzusehen. Ja, bei manchen ist vielleicht alles zu spät – aber warum ist das so? Einige mögen sagen, so ist das Leben. Ich aber halte es mit den Worten von Sophie: „Wenigstens einmal darüber nachzudenken könnte sich vielleicht lohnen!“
Da dieses Buch aus der Sicht der achtzehnjährigen Sophie geschrieben wurde, sind versöhnliche Worte kaum zu finden. Kinder und Jugendliche wollen keine Kompromisse. Wer sich auf die Schilderung und Gedanken der Hauptperson einlässt, wird manches Mal beim Lesen betroffen innehalten. Die Gespräche und Schilderungen im Kapitel “Zeltlager“ beleuchten Kämpfe und Seelenzustände vieler junger Erwachsener.
Der Roman bietet aber vor allem die Chance, einzutauchen in Leben und Sinnsuche eines jungen Menschen, Verarbeitung und Bewältigung von Krisen und nicht zuletzt zu selbstkritischem Hinterfragen der eigenen Werte und Rückschau auf persönliche Träume.
Wobei es unerheblich ist, dass der Ich-Erzähler ein Mädchen ist. Im Kapitel „Tagebuch“ werden Lebenswirklichkeiten mit den Mitteln der Logik aufgeschlüsselt und in Frage gestellt. Alles betrifft ebenso das männliche Geschlecht, da die meisten Aussagen die gesamte Menschheit im Blick haben.
Jugendlichen will er Mut machen, nicht zu resignieren, sondern das Leben anzupacken und sich Wissen anzueignen, um stärker zu werden, sich hörbar wehren zu können, die richtigen Entscheidungen zu treffen und ein möglichst unabhängiges, selbstbestimmtes Leben zu führen.
Zum Abschluss noch ein paar erklärende Worte zu der Gestaltung der Zeltlager-Gespräche: Ganz bewusst habe ich mich für Dialoge in ihrer tatsächlichen Form mit all ihren Besonderheiten entschieden. Dies geschah aus Gründen der Wahrhaftigkeit und nicht, um Personen oder Gruppen herabzusetzen – eher im Gegenteil! Oft schien mir genau in diesen Formen des Sprechens eine eigentümliche Genauigkeit der Schilderung und Eindrücklichkeit der Gefühlslage zu liegen.

Heimkehr
Ich hätte nicht hierher kommen sollen, hab mich mal wieder bequatschen lassen. Erst vor einer Woche bin ich mit meinem neuen, starken Selbstbewusstsein zu meiner – nicht „in meine“ – Familie zurückgekehrt, aber unfassbar schnell bin ich wieder im Spinnennetz dieser ewigen Eltern-Kind-Sache gelandet. Zwar kann ich mich am Rand halten, aber es kostet gnadenlos viel Energie, diese anhänglichen, klebrigen Fäden los zu werden. Und es wird fleißig weiter gesponnen!
Aber ich widerstehe tapfer allen Versuchen, mich wieder “auf Kurs“ zu bringen. So nennen es meine Eltern, wenn ich mich unauffällig genug verhalte, dass es keine Diskussionen gibt, alles Unerfreuliche sorgsam ausgeblendet werden kann. Wie auch immer sie es angehen wollen, die Uhr kann nicht zurück gestellt werden. Die Veränderungen haben bereits stattgefunden, man kann sie nicht durch Leugnung ungeschehen machen. Wir sind keine Einheit, schon lange nicht mehr. Es ist aber dennoch möglich, anständig zusammen in einem Haus zu leben. Zumindest war das meine Hoffnung, wenn auch mit Zweifeln vermischt, als ich meinen Entschluss zur Heimkehr fasste.
Schon als ich nach meinem Handy griff, um meine Eltern von meiner Rückkehr zu unterrichten, befiel mich Unwohlsein. Eine Art unguter Vorahnung, dass meine Entscheidung eventuell übereilt gewesen sein könnte. Der Gedanke, es könne zu einer Wiederholung all jener Abläufe kommen, die in der Vergangenheit für so viele zerstörerische Stürme in meinem Kopf gesorgt hatten, beunruhigte mich. Zitternd wählte ich dennoch die Nummer, machte mir aber gleichzeitig bewusst, dass ich den Versuch, denn das war es schließlich, jederzeit abbrechen konnte, sobald dadurch Schaden entstehen würde. Mein Vater meldete sich am Ende der Leitung. Das war gut, denn er neigte nicht dazu, allzu viele Worte machen. Es reichte eine kurze Textinformation, dass ich heute noch heimkäme und dann alles erklären würde. Wir legten gleichzeitig auf. Mein Herzschlag normalisierte sich langsam.
Vier Stunden später stand ich dann vor der Haustür. Ein abwandlungsfähiger Textentwurf im Kopf für die notwendige Aussprache gab mir die Sicherheit, dass zumindest der Auftakt gelingen würde. Meine Mutter öffnete, begrüßte mich freundlich und musterte mich misstrauisch. Offensichtlich suchte sie nach Zeichen der Verwahrlosung. Ich musste lachen. Im Wohnzimmer saß mein Vater in seinem Lesesessel, schaute kurz auf und faltete sorgfältig seine Zeitung zusammen. Ein kurzes “Hallo!“, dann tranken wir Kaffee zusammen. Es war wohl an mir, das Gespräch zu beginnen.
Ich hatte mir meine Formulierungen sorgfältig überlegt. Klar, ehrlich, aber nicht so fordernd, frei von Ablehnung, einsichtig, keine langen Pausen. Jeder Einwurf meiner Eltern würde mich aus dem Konzept bringen.

Ein Gedanke zu “Nachtrag – dann denkt/spricht Sophie

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