Wenn die Seele wieder atmet

  • Ich will jetzt aufwachen aus diesem Albtraum. Es soll alles wieder sein wir vorher!
  • Was genau soll wie früher sein?
  • Verdammt, ich will meinen Mann zurück! Jetzt, sofort! Ich kann so nicht weiterleben. Ich krieg keine Luft mehr.
  • Du musst auch beim Heulen atmen. Nase putzen würde auch helfen. Den Mann,  den du davongejagt hast, der dich betrogen, überwacht und demontiert hat? Bis du vor lauter Angst nicht mehr aus dem Haus bist? Den willst du also zurück?
  • Nein, den anderen!
  • Ach, die Illusion. Die sich eingeschleimt hat, bis du abhängig warst und er mit seinen Gemeinheiten loslegen konnte.
  • Ja den. Lieber mach ich mir was vor, als hier allein zu sein. Einsam sterben werd ich, so wie er es gesagt hat.
  • Du bist nicht allein, du hast Freunde. Die werden dich alle unterstützen, jetzt wo der Typ weg ist. Er hat sie alle wegebissen, bis du isoliert warst in deinem Ehegfängnis.
  • Meinst du wirklich?
  • Na klar. Einer Illusion braucht man nicht hinterher zu trauern. Die hat einem auch nichts zu sagen. Alles nur Seifenblasen. Er würde triumphieren, könnte er dich so sehen. Wenn du das wirklich willst, ruf ihn an. Freu dich auf sein hämische Grinsen und neue Gemeinheiten.
  • Also, ich weiß nicht mehr…
  • Erinnere dich doch mal an die Zeiten vor ihm. Als du fröhlich warst, stark, noch selbst etwas erreichen wolltest, mit uns gereist bist, viel unternommen hast.
  • Das ist alles so weit weg. So als wär das gar nicht ich gewesen.
  • Sind das schöne Bilder, die du siehst, oder war es eine schlechte Zeit?
  • Ach ja, das war toll. Frei und die Welt stand offen. Aber das kann man nicht zurück holen.
  • Stimmt, aber du kannst von vorn anfangen. Selbst entscheiden, frei sein, niemandem mehr Rechenschaft ablegen als dir selbst. Dein Käfig ist jetzt offen und du traust dich trotzdem nicht raus.  Da ist nichts mehr, was dir Angst machen könnte. Du musst nur den ersten Schritt machen. Dann kann deine Seele wieder atmen. Alles andere ergibt sich dann.

Lange Pause, schniefen, seufzen. Ein Gesicht erhellt sich. Noch sind die Lippen fest zusammengepresst. Doch der Blick aus den verquollenen Augen ist fast schon wieder ein bisschen frech.

  •  Was hab ich da bloß aus mir machen lassen? Dieser Idiot! Soll sich doch ne Puppe kaufen! Ja, ich bin frei. Wie lange hab ich mich nicht mehr so gefühlt. Ein bisschen Angst hab ich aber doch. Ich schaff das, wenn ihr mir helft.
  • Machen wir. Ich hab vorsorglich für morgen schon mal alle zusammen getrommelt. Heute Nacht bleib ich hier. Schlafen oder noch ein Schluck Rotwein?
  • Rotwein! Lassen wir den Geist aus der Flasche. Auf die Seele, die wieder atmet.

 

7 Gedanken zu “Wenn die Seele wieder atmet

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