Fiktiver Protestbrief – wegen Verweigerung eines Visums

Sehr geehrter Herr Präsident,

ich bin Ärztin, 40 Jahre alt und habe mich auf eine Forschungsstelle an einer Klinik in Boston beworben. Die Stelle wurde mir zugesprochen, mein Visumsantrag jedoch wurde abgelehnt. Einer  Bitte auf Begründung wurde nicht entsprochen. Mir wurde gesagt, ich habe kein Recht darauf. Ein Antrag auf Akteneinsicht, welche Daten über meine Person gespeichert wurden, wurde ebenfalls abgelehnt. Das akzeptiere ich nicht.

Es kann nicht sein, dass ich, ohne es zu ahnen, ausspioniert werde und Informationen gefiltert, gespeichert und interpretiert werden, bis aus mir eine unzumutbare Person wird, die mit meiner wahren Identität nichts mehr gemein hat. Zu einer solchen Deformation hat niemand – und ich meine niemand! – das Recht.

Als freier Mensch bestimme im Grundsatz ich allein darüber, welche Informationen über mein Leben verfügbar sind und für wen, es sei denn, es handele sich um kriminelle Tätigkeiten. Wenn aber der von Ihnen regierte Staat der Meinung ist, er müsse zu jedem Zeitpunkt alles über meine Person wissen, so stimme ich dem nur unter folgenden Bedingungen zu: Ich erfahre ebenfalls zu jedem Zeitpunkt alles über Sie und Ihre Institutionen. Weiterhin verlange ich eindeutige und ausführliche Erklärungen, zu welchem Zweck jedwede Informationen über mich gesammelt werden. Gleiches gilt im Übrigen für alle Menschen. Wenn jeder alles weiß, es also gar keine Geheimnisse gibt, herrscht wieder ein Gleichgewicht. Sollte sich auf Dauer nichts an den Praktiken ändern, so kann ich nur Jedem den Rat geben, das System mit so vielen Informationen zu füttern, bis eine Sichtung der Daten unmöglich wird.

Als nächstes möchte ich Ihnen auf freiwilliger Basis noch einige Einblicke in meine Lebensführung und meine Ansichten geben, damit Sie nicht auf die Interpretationen Ihrer Behörden angewiesen sind und selbst entscheiden können, ob Sie mir weiterhin die Einreise in die USA verweigern wollen, was ich dann dementsprechend werten werde:

Ich denke, ich bin ein absoluter Menschenfreund mit Zivilcourage. Aus diesem Grund wehre ich mich gegen jede Form der Diskriminierung und habe keine Angst, mich unbeliebt zu machen. Obwohl ich keiner Religion angehöre, bin ich für freie Ausübung jeden Glaubens und informiere mich darüber. Zum Beispiel besitze ich drei deutsche Übersetzungen des Korans, um nicht durch Fehlinterpretationen ein falsches Bild zu erhalten.

Ich kaufe keine Fertigprodukte, hole mein weniges Fleisch beim Erzeuger und ziehe möglichst Gemüse und Kräuter selbst, weil ich wissen will, was in meiner Nahrung enthalten ist. Da versteht es sich von selbst, dass ich auch aktiv gegen Massentierhaltung, genmanipulierten Anbau und das Freihandelsabkommen eintrete.

Jede Form der Manipulation ist mir zuwider und die Schlagwörter „Innere Sicherheit“, „Bedrohte Arbeitsplätze“ und „Liberalisierung der Märkte“ erzeugen bei mir Brechreiz, da sie hauptsächlich dazu dienen, Angst zu verbreiten und berechtigte Forderungen der Bürger zu verhindern. Nachrichten hinterfrage ich kritisch und versuche, den Anteil der Fakten von dem der Meinungsmache abzukoppeln, weil ich mir meine Meinung selber bilde.

Ich finde es wichtig, dass jedes Kind so gut gebildet wird, dass es selber denken lernt, um über seine Handlungen als Erwachsener eigenständig zu entscheiden. Dazu gehören auch der freie Zugang zu allen Informationen und Fakten und die Fähigkeit, diese objektiv zu betrachten, um die Konsequenzen von Handlungen und Entscheidungen für sich selbst frei und unabhängig einschätzen zu können.

Die vermehrte Verbreitung gekaufter Studien als Wissenschaft getarnt zum Zweck der Fehlinformation und politischen Willensbildung auf falscher Grundlage halte ich für einen Skandal.

An meinen freien Tagen engagiere ich mich in einem Jugendzentrum und bemerke die zunehmende Tendenz, freie Entfaltung der Persönlichkeit zu verhindern. Schlimmer noch, durch überbordende unnötige Gesetze und Zensur in vielen Bereichen  werden Jugendliche und  junge Erwachsene für jeden Schritt abseits der gewünschten Normen, die oft gar nicht wünschenswert sind, kriminalisiert und für ihre Zukunft abgestempelt. Eine Zensur bei volljährigen Menschen, in welchem Bereich auch immer, steht nach meiner Überzeugung den Politikern, die sich gerne für den Staat halten, aber in Wahrheit unsere Interessen vertreten sollen, nicht zu. Denn der Staat sind wir Bürger und wir bestimmen selbst, bei Kenntnis aller tatsächlichen Konsequenzen (s. Abschnitt Bildung), was wir lesen, welche Filme wir sehen, welche Spiele wir spielen, ob und was wir rauchen, ob wir uns für oder gegen Alkohol entscheiden und ob wir unser Leben an einem gewissen Punkt beenden. Das alles auf der Basis von Anstand, Moral und humanistischen Werten und unter der Maßgabe, dass durch das eigene Verhalten kein anderer körperlich oder seelisch verletzt wird, kurz gesagt mit Respekt vor jedem Leben.

Macht und Radius von Banken und Börsen müssen meines Erachtens eine massive Einschränkung erfahren, Rating-Agenturen als zerstörerische manipulative Kunstgebilde sollen abgeschafft werden, Spekulationen, insbesondere auf Nahrungsmittel, haben zu unterbleiben, weil diese Kräfte sowohl einzeln als auch in Kombination der Weltbevölkerung schaden. Auch dafür engagiere ich mich mit Nachdruck, weil ich das Elend so vieler Menschen nicht ausblenden will, es durchaus gemildert werden könnte und niemand sich aussuchen konnte, wo er geboren wurde. Dem Wohl aller Menschen müssen wirtschaftliche Entscheidungen dienen und nicht der isolierten Betrachtung einzelner privilegierter Staaten und Konzerne.

Die ständigen Warnungen vor terroristischen Anschlägen erscheinen mir mehr Selbstzweck als Realität zu sein. Nach meinen Informationen sind in Ihrem Land weit mehr Menschen pro Jahr durch „unsachgemäßen“ Waffengebrauch ums Leben gekommen als durch Ereignisse, die man dem internationalen Terror zurechnen kann. Hier fehlt mir die Verhältnismäßigkeit.

Zum Schluss noch ein paar Banalitäten mit großen Auswirkungen:         Ich bin gegen Wahlkampf als Werbeveranstaltung, politische Korrektheit, die Unsitte, für alles Hitlisten zu erstellen, Durchleuchtung auf Flughäfen, meinen Fingerabdruck auf Dokumenten, Überwachung in allen Lebensbereichen, die Unterdrückung/Deckelung völlig normaler menschlicher Ausdrucksformen, vor allem bei Kindern, und gegen das Coachen des Menschen, bis von seiner Persönlichkeit nichts mehr übrig ist und statt Sein nur noch Schein bleibt. Und es stresst mich, dass, wenn ich im Garten eine Zigarette rauche, mich die Leute ansehen, als hätte ich gerade den Hund vergiftet.   

Ich will keine Signale aussenden, ich will Zeichen setzen und wahrhaftig sein.

Man kann wohl sagen, dass ich mich bemühe, ein guter Mensch zu sein. Wenn ich durch diesen Umstand für Ihr Land eine Bedrohung darstelle, dann hat Ihr Land mich nicht verdient.

Hochachtungsvoll

Linda S.

Linda hat nie eine Antwort erhalten. Ein Visum für die USA hat

7 Gedanken zu “Fiktiver Protestbrief – wegen Verweigerung eines Visums

  1. Oh-ooooh….. auch wenn ich Frau S. und ihr Anliegen nachempfinden kann, kann ich ebenso gut verstehen, dass auf diesen Brief keine AW kam…
    Das ist schon für den DurchschnittsAmi viel zu viel Text, vom Präsidenten mal ganz zu schweigen, denn seinen Grips halte ich persönlich für noch unterdurchschnittlicher. Davon ab signalisiert Frau S. durch ihre Form des Ausdrucks rebellische Adern, die in diesem Land nicht gewollt sind! Mit ihrem letzten Satz stampft sie nochmal kräftig auf – auch das ist keine gute Form, sondern eher kindliches Verhalten, schade.
    Das hätte man besser machen können. :-\

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    1. Das wurde geschrieben, als Obama noch Präsident war und ist Teil einer Geschichte aus einem Roman, den ich gerade überarbeite.
      Ich finde ja die klare, unmissverständliche Art immer am besten. Wenn das Visum eh gestorben ist und aus genannten Gründen ein Land nicht mehr für einen infrage kommt, dann kann man ruhig sein wahres Ich zeigen. Vor allem, wenn es in krassem Gegensatz zu den Vorgängen in jenem Land steht und man diese für sich nicht akzeptiert. Der letzte Satz sagt ja im Grunde, dass man sich dafür zu schade ist. Ja, Linda begehrt auf gegen Ungerechtigkeiten und staatliche Fehlleistungen.
      Man hätte es besser machen können, wenn man noch Wert auf ein Visum gelegt hätte und bereit wäre, sich diesem Verfahren zu unterwerfen. Aber wäre es dann noch ehrlich gewesen?

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      1. Vergiss meinen Kommentar – erstens hatte ich das ‚fiktiv‘ überlesen, zweitens war ich bei Trump und drittens ja, wenn man eh kein Visum mehr haben will, ist es so? mehr als korrekt formuliert!
        Beim nächsten Beitrag lese ich aufmerksamer, versprochen! 🙂

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