Ein schlechter Charakter

Sie habe einen schlechten Charakter, tauge nicht viel, sagte man. Mannstoll sei sie, verlogen, diebisch. Keine guten Voraussetzungen für ein Leben in einem Dorf kurz vor dem zweiten Weltkrieg. Schon gar nicht, um einen guten Mann zu finden. Jeder wusste hier Bescheid, sah sie abschätzig an. So eine heiratet man nicht, man vergnügt sich höchstens mal mit ihr. Auch die Aussichten der Schwestern auf eine gute Partie hatten sich stark verringert, also wanden diese sich ab.

Ganz plötzlich habe sie sich so verändert. Die Abstammung konnte es nicht sein, schließlich kam sie aus einer guten, angesehenen Familie. Für die das alles sehr peinlich war. So suchte der Vater für die völlig aus der Art geschlagenen Tochter eine Anstellung möglichst weit fort bei einem befreundeten Geschäftspartner. Ihre Zeugnisse waren immer sehr gut gewesen. Flink und kräftig war sie auch, scheute keine Arbeit. Also kehrte sie dem Dorf unter heißen Tränen den Rücken. Damals war sie 16 Jahre alt. Der Mutter brach das Herz, aber was konnte sie schon machen unter diesen Umständen?

Warum hatte niemand beachtet, dass ihr zuerst ihr Lachen und die Lebensfreude abhanden gekommen waren? Dass sie immer stiller geworden war. Warum hatte niemand den Zeitpunkt dieser Veränderung zur Kenntnis genommen, sich darüber gewundert? Es hatte just begonnen, als sie nach Beendigung der Schule für die Erntezeit bei den verwandten Großbauern während der Erntezeit aushalf. 14 Jahre war sie damals gewesen.

Auch das war eine gute, einflussreiche Familie gewesen, die Ursprungsfamilie der Mutter. Bewirtschaftet wurde der Hof vom Bauern samt Frau und Kindern sowie dem unverheirateten älteren Cousin. In der Küche herrschten eine verwitwete und eine unverheiratete Tante. Das Leben der Bauern war arbeitsreich und es blieb keine Zeit für Probleme oder Aussprachen. Dann gab es noch die unausgesprochene Regel, dass über gewisse Dinge niemals geredet wurde.

Nach zwei Monaten brachte der Unverheiratete sie zurück und begründete es damit, dass sie eine Kette entwendet habe. Ein Schock für die Eltern. Die Mutter glaubte es zuerst nicht, doch als sie auf ihre Fragen keine Antwort bekam, zweifelte auch sie an der Tochter. Danach zeigte sich all das, was auf den schlechten Charakter schließen ließ.

Nach einem Jahr in der Fremde begann sie, der Mutter zu schreiben. Kurze Briefe, alles gut. In einem späteren Brief entschuldigte sie sich für den Kummer, den sie verursacht habe und kündigte an, dass sie sich mit einem verwundeten Soldaten, einem Weinbauern, verheiraten werde. Sie brauche aber noch ihr Einverständnis. Ob sie dann einmal wieder heimkommen dürfe. Lange grübelte die Mutter über den Inhalt des Schreibens. Da stimmte etwas nicht. Die Worte klangen so traurig und es war keine Vorfreude auf die Hochzeit darin. Nun wollte sie genau wissen, was damals geschehen war. Der Mann war im Krieg, der einzige Sohn in Russland gefallen. Sie wollte nicht auch noch die Tochter für immer verlieren.

An einem Tag, als die Bauern auf einer Viehauktion waren, besorgte sie das Haus und besuchte die allein verbliebenen Tanten. Ihnen zeigte sie den Brief und fragte sie auf den Kopf zu, was sie wüssten. Weinend gestand eine der beiden, dass sie ein paar mal gesehen habe, dass der Cousin sich in das Zimmer des Mädchens geschlichen habe. Aber sie habe nicht gewagt, etwas zu sagen. Und es habe auch niemand aus der Familie geglaubt, dass das Mädchen etwas gestohlen habe. Er hatte sie nur lossein wollen. Sie seien erst nur froh gewesen, das Problem aus dem Haus zu haben.

Nun war der Mutter alles klar. Wie sehr hatten sie der Tochter Unrecht getan, wie musste sie gelitten haben. Ansprechen würde sie den Cousin und ihm das Nötige dazu sagen, aber allein sollte er zur Rede gestellt werden. Danach wollte die Mutter nie wieder ein einziges Wort mit ihm reden. Ignorieren würde sie ihn vor aller Augen und jeder wüsste insgehein, weshalb. Andere Mittel standen zu jener Zeit nicht zur Verfügung. Öffentlich auszusprechen, dass ihre Tochter vergewaltigt worden war, würde alles wieder aufrühren. Nicht gut bei der allgemeinen Beurteilung, dass immer die Mädchen schuld seien, sie die alten Männer verführt hätten.

Nachdem sie diesen Entschluss gefasst hatte, schrieb die Mutter an die Tochter zurück. Sie wisse nun, dass man ihr bitter Unrecht getan habe und sie werde dafür sorgen , dass niemand mehr jemals schlecht über ihr Kind reden würde. Zu der Heirat bekundete die Mutter ihr Eiverständnis. Danach solle das Paar zu einem langen Besuch kommen, falls die Kriegswirren es zuließen und es werde ein großes Fest ihr zu Ehren gefeiert. Eingeladen würden alle Verwandten, nur der schlechte Mensch nicht. Den Schwestern würde sie sagen, dass sich herausgestellt habe, dass der Diebstahl der Kette eine Lüge gewesen war, mehr jedoch nicht. Dafür seien sie noch zu jung.

So geschah es und ein Mädchen namens Lisa bekam die beste Patentante, die man sich wünschen konnte. Erst als Erwachsene sollte sie von dem frühen Elend ihrer Tante erfahren.

 

Ein Gedanke zu “Ein schlechter Charakter

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s