Wenig eigenes

Mir fällt auf, dass ich zurzeit mehr teile als sebst verfasse. Aber wenn nun andere Blogger sich gerade viel besser ausdrücken und darstellen als ich es vermag, dann ist es wohl schon richtig so.

Mein Hirn ist grad ein Kreisel.  Seit Wochen führe ich mehrmals täglich beinahe das identische Gespräch, mal Aug in Aug, mal am Telefon. Bis mein Ohr sich so heiß und feucht anfühlt, als würde es bluten. Mal kurz nachdem von ihr zu Hause eingetroffen bin, mal mitten in der Nacht. Fortschreitende Verwirrung meiner Mutter ist die Ursache sowie ihre Selbstwahrnehmung, dass es nichts Wichtigeres auf diesem Erdenrund gibt als ihre Person und alles  hinter ihren Bedürfnissen zurüchzutreten hat.

So erkläre ich ihr fast täglich, dass ich nicht bei ihr einziehen werde, weil ich auch ein Recht darauf habe, Zeit mit meinem Mann zu verbringen, was in der Regel Tränen und Unverständnis zur Folge hat.

Folgende Dialoge wiederholen sich auch in unregelmäßigem Rhythmus:

  • Die (wechselnde Namen) hat mir frische Kreppel/Kuchen mitgebracht. Gut, dass es Menschen gibt, die sich kümmern.
  • Die Kreppel/den Kuchen hab ich dir doch gebacken und heute gebracht.
  • Ach, diese Kreppel/diesen Kuchen esse ich eigentlich nicht gerne.

 

–  Ich habe gar nichts mehr zu essen, bring mir mal was.

– Mach doch mal den Kühlschrank auf, der ist ganz voll. ich erkläre dir, was alles da ist. Ich war doch heute Mittag bei dir und habe dir Essen warm gemacht.

– Und ich habe solche Schmerzen. Was ich alles aushalten muss.

– Dann nimm nochmal deine Tropfen, die stehen auf dem Tisch.

– Die Diakonie kommt nie. Ich kriege  meine Medikamente nicht. Ich muss jetzt da hochklettern.

– Bitte tu das nicht. Die Diakonie kommt morgens und abends und gibt dir deine Medikamente. Wir haben doch einen Vertrag. Das hast du sicher nur vergessen. Alles gut.

  •   Heute Nacht war die Polizei/Feuerwehr/Notarzt mit Sirene an der Tür. Ich musste halbnackt raus an die Tür. Habe gesagt, ich brauche nichts. Dann waren sie weg.
  • Das hast du sicher nur geträumt. Wir sind vernetzt mit allen und wenn irgendetwas passiert, werden wir zuerst angerufen.
  • Meinst du wirklich?
  • Ja, so war es ganz sicher.

Und so weiter und so fort. Vielleicht werde ich ja wieder klarer, wenn die Schule wegfällt.

 

 

15 Gedanken zu “Wenig eigenes

  1. Meine Liebe
    Du bist eine von seeeehr vielen … die irgendwann noch vor der Mutter im Krankenhaus oder in der Klapse landen

    …. wenn das so weitergeht … und auf Dauer kann das so nicht weitergehen … alleine in ihrer Wohnung sollte sie jetzt schon nicht mehr sein

    Such einen Heimplatz, bring sie da unter und such dir selbst Hilfe … Kirchen bieten oft Gruppen oder Unterstützung an … Caritas …

    Knallhart ?
    Das Leben.

    Alles Liebe ❣❣❣

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    1. Das hab ich jetzt gebraucht. Also ernsthaft. Genau das merke ich zunehmend – wie ich schwächer, müder und anfälliger werde. Meine Cousine hat mir das auch schon recht deutlich gesagt, ebenso mein Mann. Ein Altenheim hab ich mir schon angesehen, einfach um zu fühlen, wie es sein könnte. Es gibt Zimmer ins Grüne und man kann Möbel mitbringen. Sehr schön dort. Vielleicht erstmal einen Aufenthalt in Verhinderungspflege ausprobieren. Weil ich wirklich mal mind. 4 Wochen vollkommene Ruhe brauche. Bisher sagt sie aber, sie geht nicht aus dem Haus. Es ist für mich eine schwierige Entscheidung, weil ich ihr schon wünschen würde, sie könnte in ihrem Haus sterben. Aber mein Entschluss reift – um meinetwillen.

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  2. Liebe Caroline,
    du bist hier und das alleine zählt.
    Du verfolgst die anderen Blogs weiter und schaffst es noch, den einen oder anderen Beitrag, von dem du selber sagst, dass du es gerade selbst nicht besser ausdrücken kannst, mit uns zu teilen. Ein feiner Zug, wie ich finde, das machen auch nicht alle…
    Aber dich macht das eben aus. Obgleich du gerade sehr eingespannt bist, findest du Raum und Zeit hier zu sein, wahrzunehmen und weiterzugeben! Dankeschön, zum einen, dass du uns an anderen Blogs teilhaben lässt, die wir vielleicht noch nicht kannten und Danke, dass ich dich hier wieder finden kann mit deiner besonderen Gabe, Dinge – besonders unangenehme oft – hier zu thematisieren und uns zugänglich zu machen.
    Ich melde mich heute als treue Leserin zurück.
    Herzliche Grüße von Barbara

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      1. Ja, die Barbara, die du bei ihren täglichen Fragen begleitet hast, und die dir noch zwei Bücher- Rückmeldungen „schuldig“ ist… es ist viel passiert seitdem, knüpfen wir gerne wieder an.
        Ja, ich bin wieder zurück.

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  3. Ich schätze dich für deine Worte. Hört sich wirklich gut an, doch Dankbarkeit war ihr stets ein Fremdwort. Das entdecke ich erst jetzt manchmal an ihr.
    Was ich tue, tue ich aus Anstand und Pflichtgefühl, sehr oft auch Mitgefühl. Ich schildere vor allem diese Dialoge, um zu beschreiben, wie sie auf Dauer auch mein Hirn verdrehen. Ohne Vorwurf, jedoch mit einer gewissen Bestürzung, hat mir der spontane Kreppel-Dialog mal wieder die Grundeinstellung meiner Mutter mir gegenüber in aller Klarheit vor Augen geführt. Sobald etwas von mir kommt, mag sie es nicht, ist es nichts wert.
    Allgemein stark belastend und auch äußerst ungerecht empfinde ich die Situation bestimmt, weil ich über neun Jahre schon unsere Tochter gepflegt habe, woran mich fortlaufend erinnert fühle (und ich das aus reiner Liebe getan habe), kein Helfersyndrom habe und auch nicht gebraucht werden will. Daraus ziehe ich keine Darseinsberechtigung und bilde mir auch keinen Mehrwert. Ich bin einfach – und am liebsten ich selbst.

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  4. Liebe Caro, nicht viele Menschen kümmern sich so um ihre Eltern so wie Du. Es ist sicherlich sehr anstrengend für Dich, aber auch für Deine Mutter, die unter ihrer zunehmenden Verwirrtheit leidet. Deine Mutter ist bestimmt sehr dankbar für alles, was Du für sie tust, leider hat sie vergessen, wie man das ausdrückt. Siehs mal so. Liebe Grüße Hedwig

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    1. Zu schnell abgeschickt, sorry.
      Und zu deiner Situation: Durch solche oder ähnliche Tunnel muss wohl jeder mehr oder weniger mal durch, bei mir sieht es gerade auch alles andere als rosig aus, was die Oldies anbelangt. Ich wünsche dir viel Kraft und Energie, durch diese problematische Phase zu kommen – alles Gute für dich/euch! LG Bea

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