Die Virtuosin

Heute fiel mir eine Begebenheit in der Vorweihnachtszeit wieder ein, bei der meine Lieblingscousine eine Hauptrolle spielt. Ich traf sie am Nachmittag und fand sie zwischen Tannenbaum, Kisten voll Weihnachtsschmuck und Staubsauger vor. Dazu meinte sie, sie habe so gar keine Lust auf Weihnachten. Das fand ich sehr lustig und wir hatten schließlich eine Menge Spaß bei Erinnerungen an vergangene Weihnachten. An eine Begebenheit denke ich immer wieder gern.

Damals hatte sie seit kurzem Gitarrenunterricht und empfing mich mit dem umgehängten Instrument strahlend auf der Treppe. Sie muss so ungefähr neun gewesen sein, ich ein paar Jahre älter. Also sie könne schon ganz prima spielen und ich solle nach dem Essen mit ihr in die Stube kommen. Sie wollte spielen und ich sollte dazu singen. An Weihnachten könnten wir dann zusammen auftreten.

Gesagt, getan. Nach dem Abendessen verschwanden wir in der guten Stube. Meine Cousine setzte sich elegant auf die Seitenlehne eines Sessels und nahm ihre Gitarre gekonnt in die Hand. Das erste Lied sollte nach ihrem Willen „Stille Nacht, heilige Nacht“ sein. Sie begann zu spielen, ich zu singen.

Nach drei Anschlägen hörte sie auf und rief:

„Halt, halt! Nicht so schnell!“

„Das darf aber nicht noch langsamer.“

„Doch, sonst komm ich nicht hinterher. Also nochmal von vorn. Konzentrier dich.“

Wir begannen von vorn. Nach den ersten Tönen wieder eine Unterbrechung, Suchen der richtigen Finger auf den Saiten.

„Warte doch auf mich! Du kannst doch nicht einfach weitersingen!“

„Wir können aber nicht nach jedem Griff eine Minute Pause machen.“

„Das wird schon. Ich muss mich einspielen. Weiter jetzt.“

In dieser Manier ging es fort mit unserer Probe. Nach einer halben Stunde und einer knapp zuende gebrachten Strophe gaben wir auf. Ich entschuldigte mich bei ihr für meine Ungeduld und brach in lautes Lachen aus, das nicht mehr enden wollte.

Der große Auftritt fiel ins Wasser, nur weil ich einen Lachkoller bekommen hatte. Sonst wäre es sicher ganz prima geworden. Diese Überzeugung haben wir uns gegenseitig heute noch einmal herzlich lachend bestätigt.

 

3 Gedanken zu “Die Virtuosin

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