Das letzte Weihnachtsfest

Wer lange genug bei mir liest, der hat natürlich gemerkt, dass Lena sehr viel mit mir zu tun hat- hier die Erinnerungen an ihr letztes Weihnachten, bevor sie in die verhasste Kleinstadt gezwungen wird:

Das letzte Weihnachtsfest

In den folgenden zwei Tagen war erst einmal ungezügeltes Schlittenfahren angesagt. Lena musste die Gedanken an den bevorstehenden Umzug abschütteln. Als sie den anderen Dorfkindern von der Besichtigung erzählte, verzogen diese angewidert die Gesichter. Dort wollten sie auch nicht wohnen müssen. Sie erntete jede Menge Mitleid. Die Sache mit Polizeistation und dem Polizeiauto fanden sie aber schon toll.

Am dritten Tag waren die schwarzen Schnürschuhe verschwunden. Oma sagte etwas von aufgerissener Sohle und dass Opa das reparieren müsse. Also zog Lena widerspruchslos die Gummistiefel an. Denn die Zeit der großen Geheimnisse hatte begonnen. Geheimnisse, die man nicht ergründen wollte, waren sie doch mit großen Erwartungen und Vorfreude auf kommende Überraschungen verbunden. Der Großvater saß im Winter oft in seiner Werkstatt bei der Scheune, um Gerätschaften für die Feldarbeit im Frühjahr zu reparieren oder zu überholen. Für gewöhnlich freute er sich, wenn eines seiner Enkelkinder ihm dabei Gesellschaft leistete. Vor Weihnachten jedoch war diese Tür verschlossen, so wie einige andere im Haus ebenfalls. Speisekammer und gute Stube konnten von den Kindern in der letzten Woche vor dem Heiligen Abend auch nicht mehr betreten werden.

Es gab an allen Ecken und Enden viel Arbeit, bevor das Fest in Ruhe gefeiert werden konnte, aber das schien allen Freude zu bereiten. Onkel Hans hatte bereits im Frühsommer an den Wochenenden damit begonnen, über den Stallungen einen Anbau zu errichten. Er sollte ein richtiges Bad, ein Schlafzimmer und eine Bar für die Feiern der jungen Leute enthalten. Bisher war die Toilette ein Holzhaus im hinteren Hof gewesen, gebadet wurde in Zinkwannen. Im Sommer auf dem Hof, im Winter in der Küche.  Täglich wurde nun fleißig tapeziert, installiert und gefliest. Kurz vor  dem großen Tag waren die Arbeiten beendet. Im kommenden Jahr sollte das alte Bauernhaus vollständig umgebaut und modernisiert werden. Während dieser Zeit sollte im Anbau gewohnt werden.

Währenddessen bereiteten die Frauen im Haupthaus Pasteten vor, backten Kuchen und Brote. Im Räucherofen warteten Rote Wurst und Schinken auf ihre Vollendung, im Keller hingen an Holzstangen aufgehängt die fertigen zum Antrocknen. Überall roch es herrlich nach Weihnachten. An den beiden letzten Tagen galt es die Holzböden zu schrubben und zu bohnern, das Festtagsgeschirr abzuwaschen, Besteck und Kerzenhalter auf Hochglanz zu bringen. Außerdem mussten sämtliche Wäschereste zusammengetragen, gewaschen und gebügelt werden, denn zwischen den Jahren durfte keine Wäsche gemacht werden. Das brachte Unglück. Wie das gebracht wurde und warum, konnte Lena niemand sagen. Das sei eben so, bekam sie zur Antwort. Glaubte sie aber nicht. Wieder einmal musste sie dumm bleiben oder es eines Tages selbst herausfinden.

Den Morgen des Heiligen Abends beherrschte eine freudig gedämpfte Stimmung, so als habe es auch im Haus geschneit. Aller Unmut, jeder Ärger des Jahres war unter einer dicken Decke verborgen. Es wurde noch einmal durchgeputzt und zu Mittag gab es eine schnelle Suppe mit Brot. Am Nachmittag, als es langsam dämmerte, wurden zum letzten Mal die Kerzen am Adventskranz angezündet und es gab die ersten Plätzchen zum Kaffee. Die Kirchenglocken läuteten zum Kirchgang. Es waren nur wenige Schritte den Kirchhof hinauf zu der kleinen Fachwerkkirche. Lena war sehr feierlich zumute. Ganz still saß sie auf der Holzbank neben der Großmutter, hörte aufmerksam der Weihnachtsgeschichte zu. Voller Inbrunst sang sie die Lieder mit. Einige kannte sie schon auswendig, bei anderen versuchte sie die Wörter zu erahnen. Als der Gottesdienst beendet war, fühlte sie sich leicht und leuchtend. Alles würde gut werden – irgendwie.

Nach der Heimkehr verschwanden fast alle Erwachsenen und die Spannung stieg noch einmal an. Urgroßmutter las etwas vor. Lena saß auf dem Sofa mit Kathrin auf dem Schoß. Herbert, der 14jährige Pflegesohn aus Berlin, saß neben ihr. Selbst er war heute ganz in sich gekehrt und ruhig. Die Großeltern nahmen seit dem Krieg Jungen aus einem Berliner Kinderheim auf, die keine eigne Familie hatten. Sie taten das, weil sie ihren eigenen Sohn verloren hatten und sie anderen Kindern eine gute Zukunft ermöglichen wollten. Er war auch einer von denen, die im Krieg geblieben waren. Wenn sie die Schule und eine Lehre beendet hatten, verließen die angenommenen Jungen den Hof und es kam ein neuer. Fritz hatte der erste dieser Jungen geheißen. Er war längst erwachsen, hatte eine gute Arbeit und eine Verlobte. Ab und zu kam er die Großeltern besuchen.

Herbert war erst seit einem Jahr bei ihnen. Er war nicht so fröhlich wie Fritz. Mit Lena hatte er nicht so viel zu tun. Nach der Schule half er auf dem Feld wie alle älteren Landkinder. Oft wollte er lieber allein in seinem Zimmer sitzen und lesen. Manchmal kam er Lena so vor, als wolle er jeden Moment explodieren. Dann lief er schnell in sein Zimmer. Nachts hörte sie ihn auch schon mal schreien. Er musste schlimme Bilder in seinen Nächten sehen. Heute ging es ihm wohl gut. Das war schön. Lena sah ihn eine Weile von der Seite an und streichelte dann seine Hand. Herbert zog sie nicht weg und lächelte ein wenig. Hoffentlich würde er einmal genauso glücklich wie Fritz werden.

Vor Herbert war Knut bei ihnen gewesen, aber nur ganz kurz. Lena erinnerte sich, dass er immer die Schnürsenkel aus allen Schuhen gezogen hatte. Das fand sie ziemlich seltsam und verwirrend. Darüber hatte sich der Großvater sehr aufgeregt. Und es verschwanden andauernd Dinge aus Haus und Werkstatt. Ständig wurde irgendetwas gesucht. Eines Tages war großes Geschrei im Haus und später fand Lena ihre Großmutter weinend in der Wohnküche. Sie hielt ihre Hand vor die Augen und schüttelte fortwährend den Kopf. Dann verschwand sie im Bürgermeisteramt und telefonierte. Lena wollte wissen, was da los war. Sie hielt ihr Ohr ganz dicht an die dicke Holztür, verstand aber kein Wort. Am übernächsten Tag kam eine fremde Dame vorbei, mit der Oma in die gute Stube ging. Wieder versuchte Lena zu lauschen. Dieses Mal erfuhr sie, dass auch Geld verschwunden war. Sie hörte die Großmutter sagen, dass es ihr sehr Leid tue und sie wisse, dass diese Jungen einiges mitgemacht hätten. Sie wolle auch keine Bestrafung. Aber sie hätten hier im Dorf alle ein offenes Haus, nichts werde weggeschlossen. Da müsse man sich gegenseitig vertrauen können. Wie solle man denn noch stundenlang auf dem Feld oder im Stall sein, wenn man immer Angst haben müsse, dass etwas gestohlen werde? Alles Reden habe nichts genützt. Die Dame nahm Knut wieder mit. Er sah nicht so aus, als wenn es ihm etwas ausmachte, aber auch nicht, als sei er froh darüber. Sein Gesicht war wie aus Stein.

Die Urgroßmutter fragte Lena, ob ihr die Geschichte nicht gefalle. Sie war so in Gedanken gewesen, dass sie gar nicht bemerkt hatte, dass die alte Frau aufgehört hatte zu lesen. „Ich hab gerad an Knut gedacht. Und jetzt find ich schön, dass Herbert hier ist.“ Uroma lächelte: „Na dann!“, sagte sie und las weiter. Den Anfang wusste Lena noch. Es ging um zwei Kinder, die nebeneinander wohnten. Eins wünschte sich zu Weihnachten eine elektrische Eisenbahn, das andere einen Baukasten für eine Burg. Die Eltern kauften diese Geschenke und versteckten sie. Das war noch nicht so spannend. Wie ging es weiter? Da die beiden Wohnungen nicht sehr groß waren und die Eltern die Neugier und Ungeduld ihrer Kinder kannten, wollten sie verhindern, dass die beiden ihre Geschenke schon vor der Bescherung sehen. Deshalb griffen sie zu einer List, damit es am Heiligen Abend auf jeden Fall eine schöne Überraschung geben würde. Sie tauschten die Pakete untereinander und versteckten jeweils das Geschenk für die andere Familie unter dem Sofa. Wie erwartet machte sich jeder der Buben auf die Suche, fand das Versteck und spielte begeistert mit seinem vermeintlichen Geschenk, wenn die Eltern nicht zu Hause waren. Beim Auspacken der Geschenke gab es dann statt der erhofften großen Freude, das Gewünschte zu erhalten, Tränen bitterer Enttäuschung. Nachdem die Geschichte geendet hatte, wusste Lena, warum es besser war, die Tage der Geheimnisse einfach auszuhalten.

Das Glöckchen läutete. Bescherung! Die Tür zur guten Stube öffnete sich und sie blickten auf einen herrlichen Weihnachtsbaum, an dem unzählige helle Kerzen leuchteten. Kathrin, auf dem Arm der Urgroßmutter, quietschte vor Vergnügen und versuchte, danach zu greifen. Nachdem sie alle zusammen gesungen und sich Frohe Weihnachten gewünscht hatten, durfte Lena endlich ihre Geschenke in Empfang nehmen. Sie hatte doch tatsächlich ein paar Skier bekommen. Daran also hatte der Großvater in der Werkstatt gearbeitet. Was für eine Freude! Endlich war sie alt genug dafür.  Herbert hatte ebenfalls Skier bekommen, auch er strahlte. Die Schnürstiefel waren auch wieder da. Drinnen steckten zwei Paar wollene Strümpfe, Mütze, Schal und Handschuhe. Sie gaben wohl niemals auf. Das war aber noch nicht alles. Da lagen noch drei Pakete für sie. In dem einen war ein kuscheliger brauner Teddybär und in einem anderen fand sie einen neuen rot-weißen Anorak mit Kapuze sowie eine schwarze Steghose von ihrer Godel, die ganz weit weg wohnte und selten zu Besuch kommen konnte, weil sie ein eigenes Geschäft hatte. Das dritte enthielt ein Bilderbuch von der Struwwelliese. Dann gab es natürlich noch den herrlichen bunten Teller voller Plätzchen, Schokoladenmännchen, Nüssen und Mandarinen. Den durfte man nach Herzenslust und ohne Beschränkung leer essen. Erst einmal ging es nach dem Abendessen aus Würstchen und Kartoffelsalat ins Bett.

Am ersten Weihnachtsfeiertag durfte man in Schlafanzug und Pantoffeln noch vor dem Frühstück in der ofenwarmen Stube an den bunten Teller und mit den Geschenken spielen. Vorher erledigte Lena ihre morgendliche Katzenwäsche zum ersten Mal im neuen Bad des Anbaus. Es war wirklich schön geworden. Danach machte sie es sich auf dem Sofa neben dem Tannenbaum gemütlich und sah sich summend das Buch von der Struwwelliese an.

Diese Liese gefiel ihr richtig gut. Sie schien so frei und fröhlich, ungezügelt. Gut, den Hund hätte sie nicht so quetschen müssen. So wollte sie selbst sicher auch nicht angepackt werden. Dass sie nichts aß, was ihr nicht schmeckte, auf Bäume kletterte und Streiche spielte, war lustig. Winter spielen im Zimmer auch. Das brauchte Lena ja nicht, es lag genug Schnee draußen. Wenn man Skier hat und keinen Schnee, war das auch blöd. Dass die Frau mit den Eiern gerade vorbeikam, als Liese vom Baum fiel, dafür konnte sie ja nichts. Und ein Kind zum Unkraut ausrupfen ganz allein in den Gemüsegarten zu schicken, war von den Erwachsenen auch nicht klug. Offensichtlich kannte Liese den Unterschied zwischen Pflanzen und Unkraut nicht. Dafür im Keller eingesperrt zu werden, war so ungerecht! Das Ende des Buches mochte Lena gar nicht. Warum Liese nach dem Unfall plötzlich so langweilig und geschniegelt aussah, verstand sie nicht. Wollte das Mädchen nun nie mehr Spaß haben, nur weil man sich dabei mal verletzen konnte? Oder hatte der Keller ihr solche Angst gemacht? Wie auch immer, das war ein ziemlich doofer Schluss. Jetzt wurden erst mal die Skier anprobiert. Die Schuhe passten genau in die Bindung. Es war gar nicht schwer, sie anzuschnallen. Der Wollschal kratzte, Mütze und Handschuhe auch. Lena ertrug keine Wolle auf ihrer Haut. Das würde wieder ein Kampf werden, wenn sie nach dem Mittagessen die Skier ausprobieren wollte.

In der Küche wurde schon eifrig gekocht für das Gänseessen. Der köstliche Duft von Gebratenem und Rotkohl verbreitete sich im gesamten Haus. Schokoladenpudding stand zum Auskühlen in der offenen Veranda. Zwischendurch gab es Kakao und Pfannkuchen. Obwohl das Weihnachtsessen köstlich war, wollte Lena nur schnell fertig werden, um mit ihren Skiern rauszukommen. Endlich durfte sie aufstehen. Blitzschnell zog sie sich an, die neuen Sachen passten hervorragend und fühlten sich gut an. Kurz bevor sie in den Hof verschwinden konnte, band man ihr doch noch den Schal um und setzte ihr die Mütze auf. Tante Magda, die wusste, dass Lena das Kratzen der Wolle kaum ertrug, hatte eine gute Idee. Sie könnte den Schal über dem Anorak zusammenbinden. Ja, das ging. Jetzt aber los!

Der Anfang war etwas stöckerig. Plötzlich so riesenlange Füße zu haben, verlangte andere Bewegungen als Lenas üblichen Marschschritt. Die Ferse hob man genau wie beim normalen Gehen, aber die  Fußspitzen mussten unten bleiben. Langsam gewöhnte sie sich und konnte das Gleichgewicht halten. Beim Berg angekommen zeigten ihr die großen Kinder, wie man in einer Art Scherengang hinaufkommt. Sie kannte den Abhang, war schon so oft auf ihrem Holzschlitten hinunter gesaust, dass der Blick von oben sie nicht schreckte.  Auf dem schnellen Weg nach unten fühlte es sich dann doch überraschend anders an als auf dem Schlitten. So verbrachte Lena die ersten Abfahrten vorwiegend auf dem Po rutschend. Nach und nach gelang es besser. Nein, sie wollte nicht erst einmal im Flachen üben. Einiges schaute sie sich von den Älteren ab, manches fand sie selbst heraus.

Zum Nachmittagskaffee wurde Lena nach Hause gerufen. Aus dem Nachbardorf waren Tante Mina und Onkel Alfons mit dem gleichaltrigen Peter und der kleinen Manuela zu Besuch gekommen. Es gab noch mehr Geschenke. Ähnlich verlief auch der zweite Feiertag. Allerdings mit anderen Besuchern aus dem Dorf. Am Morgen war der Vater noch mit zum Skihang gekommen und hatte Lena das richtige Bremsen und Wedeln gezeigt. Es machte immer mehr Spaß. Nach dem Mittagessen musste er sie leider schon verlassen, weil er Dienst hatte. Erst zum Umzug würde er wiederkommen.

Die Tage vergingen mit Schlittenrennen, Skifahren, Schneeballschlachten, bis es dunkel wurde. Sylvester hatte Lena verschlafen. Schnell war der Januar vorbei und der Umzug stand an. Passenderweise hatte es wenige Tage zuvor begonnen zu tauen. Lenas Gemüt verfinsterte sich. Schlechte Laune vermischte sich mit Angst vor dem, was auf sie zukommen würde. Sie hatte kaum noch Appetit, wurde zunehmend blasser. Die Albträume begannen.

Zum Abschied versicherten ihr alle, dass sie in allen Ferien heimkommen könne und sie für immer hier ihren Platz habe. Aber es fühlte sich für Lena alles nur nach Verlust an. Es würde von nun an nie mehr so sein, wie es war. Sie hatte ihre Heimat verloren, die geliebte Kathrin verloren. Oma, Opa, der Onkel und die Mama-Tante – bald würden sie sie vergessen haben. Genau so, wie sie es schon immer gefühlt hatte. Ohne Geburtsrecht hast du nichts, bist du nichts. Musst dir aus den Trümmern deines Schmerzes etwas Neues zimmern. Eines Tages – ja eines Tages würde auch dieser Schmerz der Freude Platz machen. Mit versteinertem Gesicht und einem dicken Kloß im Hals stieg Lena in den blauen Opel. Sie würde nicht weinen und vor allem würde sie sich nicht mehr umdrehen und winken.

 

 

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