Tugend oder Desinteresse?

Wonach beurteilen wir tugendhaftes Verhalten? Eigentlich will ich das gar nicht beurteilen, werten. Aber da die Diskussion nun einmal  in meiner Welt ist, meine ganz persönliche Definition klarstellen.

Wieso dieses Thema mich erreichte? Das kam so:

Bei unserem Bus ist die Bremsleitung gerissen, was mit Moralvorstellungen so gar nichts zu tun  hat, wohl aber mit den Entwicklungen/Verwicklungen, die folgten. Deshalb fährt mich mein Mann im Moment zur Schule und holt mich auch wieder ab. Zum Abschied und beim Wiedersehen küssen wir uns gerne. Einige junge Kolleginnen, die mich noch nicht lange kennen, haben das offensichtlich beobachtet. Dies widerum führte zu einem Gespräch im Lehrerzimmer. Nicht mit mir, sondern mit älteren Kolleginnen in meiner Abwesenheit. Man vermutete nun, ich habe wohl ein Verhältnis und fand das wohl bewundernswert.

Als meine Freundin mir am nächsten Tag von den wilden Gerüchten und Ausmalungen berichtete, musste ich erst einmal lachen. Sie hatte dann wohll auch klargestellt, dass es mein Mann war, den sie mit mir beobachtet hatten und dies bei uns so üblich sei. Außerdem könne sie sich ein Verhältnis bei mir eh nicht vorstellen, weil ich doch eher tugendhaft sei. Nun möchte ich weder als aufregende, jung gebliebene mutige Ehebrecherin angesehen werden noch als – ja was eigentlich? – verklemmt fanatische Hüterin einer gesellschaftlich aufgezwungenen Ordnung, die sich jede Lebensfreude verkneift. Wobei es mir nur bei wenigen Menschen wichtig ist, wie sie mich betrachten.

Doch eins will ich dennoch sagen: Ich betrachte mich deshalb nicht als tugendhaft, weil ich, in Liebe verbunden, kein Interesse an Ausbruch oder Fremdversuchen habe, also gegen nichts ankämpfen muss. Und auch früher gab es bei Zuneigung zu einem Menschen immer diese natürliche innere Grenze, die jede Verbundenheit – sei es Freundschaft, Verlobung oder Ehe – als Tabu bzgl. einer bewussten Annäherung akzeptierte. Und wenn ich fühle, mein optimales Gegenüber gefunden zu haben, dann muss ich nichts ausprobieren. Denn optimal hat keine Steigerung.

 

9 Gedanken zu “Tugend oder Desinteresse?

  1. Was wäre die (Berufs-)Welt ohne Tratsch? Selbst hätte ich denen vielleicht noch geschildert, wie toll der Mann ist. Bischen füttern, das Pack 🙂

    Selbst wegen unterstellter Tugendhaftigkeit in`s rechte Licht gestellt zu werden, ist allerdings nicht die übelste aller Nachreden 🙂

    Für mich bist du `ne Aufrechte. Diese sind nicht zwangsläufig, aber recht oft auch tugendhaft, im moralischen Sinne.

    Grüße & einen guten zweiten Advent!

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