Schreib einfach nach Gehör

Gestern habe ich mich schon ausgelassen über Unachtsamkeit und Unklarheit in Aussagen Erwachsener gegenüber Kindern.

Ein weiterer Punkt ist für mich der jahrelange Umgang mit Rechtschreibung in den Grundschulen, der gottlob langsam ein anderer wird. Es geht mir gar nicht um eine Überhöhung der Rechtschreibung. Kämpfe ich doch selber mit mir bei unlogischen oder unästhetischen Schreibvorschriften der Rechtschreibreform.

Aber unzweifelhaft werden Kinder mit mangelhaften Diktatleistungen große Schwierigkeiten in den weiterführenden Schulen haben. Es kann doch auch nicht Ziel sein, dass ich mir teilweise frei geschriebene Texte vorlesen lassen muss, um sie zu erkennen.

Auch in diesem Fall fühlen sich die Schüler doch zu Recht getäuscht und enttäuscht. Es ist mir unverständlich, wie man solche Widersprüchlichkeiten nicht erkennen konnte. Sie liegen doch auf der Hand. Zuerst heißt es: Schreib wie du es hörst, Rechtschreibung ist jetzt unwichtig. Es sollte auch nichts berichtigt werden. Vorgaben gingen teilweise soweit, selbst auf Kinder, die wissen wollten, ob sie richtig geschrieben hatten oder wie man ein Wort richtig schreibt, nicht einzugehen.  Und plötzlich wird dann das erste Diktat geschrieben, weil es nun auf einmal doch wichtig ist.

Durch verlorene Glaubwürdigkeit leidet die Motivation, noch mehr durch die zwangsläufigen Fehlerhäufungen in den Diktaten. Außerdem haben sich durch das lange Schreiben nach Gehör Schreibangewohnheiten gebildet, sind falsche Wortbilder verfestigt worden. Diese müssen nun in quälenden Übungen wieder rückgängig gemacht werden. Umso weniger Zeiten bleiben, um die Kinder zum selbsständigen Denken zu bringen, was ich für ungeheuer wichtig halte. In dieser Mühle stecke ich gerade bei der Klasse, die ich im letzten Herbst übernommen habe.

Ich verabscheue es, wenn Kultusminister/innen sich ohne Rücksicht auf Kinder oder ohne Kenntnis von Kindern mit supertollen, vermeintlich neuen Ideen/Programmen – weil neue Bezeichnung – ein Denkmal setzen wollen.

 

8 Gedanken zu “Schreib einfach nach Gehör

  1. Ich habe am Ende der 2. Klasse Volksschule die Lehrerin meiner Tochter gefragt, ob sie in der 3. mit Ansagen beginnt. Sie hat richtig grantig gewirkt und gesagt, davon hält sie nichts. Dann können die Kinder nur die auswendig gelernten Worte und sonst nichts. Sie lässt sie lieber eigene Geschichten frei schreiben. Und wer was kann, weiß sie auch ohne Ansage. Ich mag sie 😎

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    1. Das klingt gut. Ich bevorzuge auch das freie Arbeiten, sich Dinge selbst erarbeiten. das meine ich ja mit selbstständigem Denken. Aber auch beim freien Schreiben reguliere ich die Rechtschreibung, muss die Regeln lehren, Versäumnisse aufarbeiten. Die zu absolvierenden Arbeiten und deren Benotung ist ja vorgeschrieben. Nächstes Diktat 80 Wörter, Text umgestellt. Das würde beim jetzigen Stand in eine Katastrophe münden. Denn bei uns ist es so, dass die Kinder z. B. am Gymnasium zuerst nur richtig lange Diktate schreiben, bei Aufsätzen die Rechtschreibung benotet wird und bei schlechter Leistung nach der Probezeit die Schule wieder verlassen müssen. Auch wenn ich das schlecht und falsch finde, muss ich sie doch bestmöglich darauf vorbereiten, solange das System so funktioniert.

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  2. Vielen Dank für die klaren Worte! Es ist doch auch einfach neurodidaktisch belegt, dass sich „erlernte“ Fehler nur ganz schwer wieder beheben lassen. Ich arbeite mit Deutschlernklassen und die Struktur der Sprache kann gar nicht erkannt werden, wenn ich nicht auf Rechtschreibung achte. Das wirkt sich am Ende auf die Grammatik aus.

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  3. Davon kann ich leider ein trauriges Lied singen.
    So entsteht allzu oft eine LRS. Die dann jahrelang und mühevoll behandelt wird. Leider nicht immer mit positiven Ausgang. Die Institute freuen sich über Zahlreichen Zulauf und die Eltern zahlen sich dumm und dämlich. Und alles nur weil irgend jemand auf diese ‚tolle‘ Idee kam. Und die Eltern den Lehrern glauben und folgen müssen.

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