Bayer mit Heimweh

Es hatte so gut angefangen. In der Mainmetropole hatte der junge Mann aus der bayerischen Kleinstadt die gewünschte Anstellung gefunden. Sogar die Option einer Verbeamtung wurde in Aussicht gestellt. Schon zu Beginn verdiente K.  800,-€ mehr als zuvor in der eher strukturschwachen Region seiner Heimat. Ein sicherer Job war schon etwas wert. Seine kleine, aber feine Wohnung in einem Außenbezirk erwies sich als Glücksfall mit Terrasse und Gartennutzung gegen Rasen mähen. Voller Elan ging es los. Die ersten Monate waren aufregend, das neue Team angenehm. Man besuchte Fitness-Studios und angesagte Clubs, traf viele neue Leute. Er war, wie man so schön sagt, voll geflasht, fühlte sich wertvoller, interessanter. Keiner redete ihm rein oder machte ungefragt gute Ratschläge.

Die Monate vergingen. Gelegentlich fuhr er am Wochenende nach Hause. Zu Hause war immer noch dort. Es war immer was los, er traf viele Freunde.  Keine Leute, richtige Freunde. Seine Erzählungen klangen begeistert. Er hatte sich freigeschwommen, befreit von der Enge. Manche beneideten ihn. Die Eltern waren stolz auf ihn, nahmen ihn ernster. Doch mit der Zeit veränderte sich etwas. Die Rückfahrten wurden traurig, fielen ihm immer schwerer. Sein Herz wollte einfach nicht Fuß fassen in dieser Stadt. Sie war kalt. Hektisch, getrieben, ohne Langeweile, ablenkend, aber kalt. Die Menschen in seinem Umfeld immer in Bewegung, rastlos, ebenfalls unterkühlt. Und dann die andere Seite: Elend, Armut, Obdachlosigkeit an jeder Ecke, in den U-Bahn-Stationen.

Zwischenmenschliche Begegnungen blieben im Oberflächlichen, Beliebigen stecken. Echte Wärme oder Zugehörigkeit wollte einfach nicht aufkommen. Keiner interessierte sich wirklich für den anderen. Die Arbeit machte ihm zwar Spaß und er lernte viel, aber zunehmend bemerkte er eine ständige Konkurrenzhaltung hinter freundlichen Gesichtern. Alle schienen fortwährend in Lauerstellung zu sein, um den nächsthöheren Posten zu ergattern. Nur keine Fehler machen, sich keine Böße geben. Vorsichtig mit Wahrheit und Meinungen. Nur nicht den falschen Witz erzählen. Zu Haus war das ganz egal. Man blödelte, was das Zeug hielt, sprach Klartext, nahm sich gegenseitig auf die Schippe und keiner nahm es übel.

K. wurde krank. Nur kurz, schnell war er wieder an seinem Arbeitsplatz. Doch er verlor jede Freude an Unternehmungen. An den Wochenenden hatte er keine Lust mehr aufzustehen. Er wurde launisch und nahm zu. Das fiel auch den Freunden auf. Aber es dauerte ein wenig, bis sie ihn darauf ansprachen. Und eines Tages nach vielen Gesprächen war er da, der erlösende Satz. „Ich will heim!“ K. war lange genug geschwommen. Seine Erfahrungen waren ja nicht umsonst gewesen. Er hatte sich weiterentwickelt.

Im Bekanntenkreis unserer Kinder hat sich das zugetragen. Ähnliches scheint gerade ein entfernter Kollege durchzumachen. Er war Hahn im Korb, die Späße flogen hin und her, es schien ihm zu gefallen – zuerst. Nach überschwänglichem Anfang zog er sich zurück, wirkte traurig und müde oder rastete aus. Ich rede nicht so viel, beobachte erst immer lange. Aber gestern bin ich hin  zu ihm, als er sich wieder in unserem Büro hinter seinem Laptop zurückgezogen hatte. Es schien mir an der Zeit, obwohl mir klar war, dass ich vielleicht gerade etwas Blödes machte. „Du bist ganz schön unglücklich, oder? Und es scheint schlimmer zu werden. Falls ich recht habe, dann geh heim. Lote die Möglichkeiten aus, mach einen Plan und geh dann,“ sagte ich „und verzeih mir meine Einmischung.“ Er sah mich lange zweifelnd an. dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht. „Danke,“ waren seine Worte als ich mich wieder auf den Weg zur Schule machte.

 

7 Gedanken zu “Bayer mit Heimweh

      1. Ich kenne so einige, die haben alles und sind doch nicht glücklich.
        Oder sie sind krank und können mit all dem dann auch nichts anfangen.
        Also warum kaputt malochen? Dann doch lieber soviel arbeiten das man zufrieden leben kann.
        Bei den Meisten ist es die Gier oder der Neid, letzten Endes sind sie dann doch nicht glücklicher wenn sie es geschafft haben.

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  1. Ja, der Schein kann trügen und nicht immer ist der erste Eindruck einer neuen Lebenssituation auch der richtige.

    Ich muss übrigens zugeben, dass ich bei der Überschrift „Bayer mit Heimweh“ sekundenlang an den gleichnamigen Konzern dachte und versucht habe, einen Sinn darin zu finden. Ich brauche ganz dringend Urlaub! 😉

    Gefällt 2 Personen

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