Was ist Abstand?

Ist es der Versuch, auszuweichen oder eher das Bemühen, mehr Nähe zu erreichen? Ich denke, es hängt davon ab, ob wir eine größere Entfernung zur besseren Wahrnehmung etwas Wertvollem oder zur Befreiung von etwas Quälendem wählen.

Ich liebe zum Beispiel den Moment, in  dem ich mich von einem großen Gemälde entferne und endlich dessen Schönheit und Ausstrahlung vollkommen erfassen und spüren kann. Wenn ich nicht mehr nur einzelne isolierte Details sehe, sondern beginne, die Aussage des Künstlers – ganz privat und individuell für mich – in meine Gefühlswelt aufzunehmen und dadurch meinen Horizont zu erweitern, größer zu werden. Jede Form des Denkens stelle ich dann ein. In  diesem Fall schafft Abstand etwas Verbindendes, entsteht aus der Entfernung wohltuende Nähe.

Wählen wir den Abstand von Menschen, deren Anforderungen, Erwartungen und Anfechtungen unsere Seele in Ketten legen, gibt es zwei Möglichkeiten. Wir befreien uns durch einen harten Schnitt, der Trauer nicht ausschließt und werden Herr über unser Leben oder wir erkennen durch den Abstand die Zwänge, denen die Peiniger unterliegen, entwickeln Verständnis und können so Frieden schließen. Ganz gleich, ob das Entfernen endgültig ist oder wieder eine Annäherung stattfinden wird, in beiden Fällen erlangen wir Freiheit. So ist beides als positiv anzusehen.

Abstand ist nicht das gleiche wie Abkehr. Bei Abkehr drehen wir uns fort und schauen nicht mehr hin, wodurch uns womöglich Wichtiges entgeht. So jedenfalls empfinde ich es.

 

8 Gedanken zu “Was ist Abstand?

  1. Abstand tut manchmal Not, wenn ich zu sehr emotional in eine Angelegenheit verwickelt bin. Angefangen beim Abstand von mir selbst – oft reicht eine überschlafene Nacht aus. Oder eine Zeit der Ruhe, Stille, des Rückzuges.

    Abstand von Menschen, endgültig in Form der Abwendung oder vorübergehend, schafft mir Klarheit über meine Verhaltensmuster, über die selbst geschaffene emotionale Matrix, in der ich mich bewege. Prinzipien über Personen – klingt härter als es gemeint ist. Damit soll nur gesagt sein – Menschen sind austauschbar, ihre Namen, ihre Gesichter. Das, was mich berührt, bleibt, sie begegnen mir immer wieder. Abstand hilft mir, dieses zu erkennen – und zu bleiben, weil ein ausweichen nur eine Wiederkehr unter anderen Umständen zur Folge hätte.

    Grüße & einen guten Morgen Dir !

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  2. Das ist eine wunderbare Betrachtung zum Thema Abstand. Den Abstand zu einem Gemälde, einem Kunstwerk eröffnet uns die Möglichkeit, das Ganze zu sehen und auf uns wirken zu lassen. So ist es auch mit dem Abstand zu Menschen. Manchmal geschieht das fast intuitiv, manchmal auch selbst gewählt, aber immer hilft dieser Abstand, die Dinge auf eine andere Art zu sehen. Die Abkehr ist eine bewusste Entscheidung und dann auch meist das unumkehrbar Ende einer Beziehung zu diesem Menschen…
    Liebe Grüsse
    Thomas

    Gefällt 3 Personen

      1. Intuitiv hielt ich es auch für richtig, aber eher weil ich Angst vor dem emotionalen Loch hatte, in das ich unweigerlich fallen würde, wenn ich wieder daheim und allein bin. Mit einem bisschen Abstand muss ich aber konstatieren, dass ich – um ehrlich zu sein – trotzdem in dieses Loch gefallen bin. Rückblickend hätte ich also nehmen sollen, was ich hätte kriegen können, weil ich dann wenigstens einen schönen Abend gehabt hätte. Aber hinterher ist man ja immer klüger. 😉

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