Zurück zu Lena

So viel wollte ich schreiben in den Sommerferien. Nun sind sie fast zu Ende. Wirklich weit bin ich nicht gekommen. Der nächste Lebensabschnitt wird sich mit den Ereignissen um Lenas ersten Mann, dem Kennenlernen, den Hoffnungen, Enttäuschungen sowie den inneren und äußeren Verletzungen beschäftigen bis hin zu seinem befreienden Rauswurf. Gern würd ich mit diesem beginnen, weil die vielen biografischen Bezüge mich wieder dahin führen, wohin ich nicht mehr zurück möchte. Deswegen drück ich mich ein wenig davor. Auf der anderen Seite ergibt sich nur aus der genauen Beschreibung das Prinzip Hoffnung, die Botschaft, dass man alles schaffen kann, schiene es auch noch so aussichtslos. Durch Kürzungen/Weglassen verlöre der Roman seinen Sinn. Erwogen und verworfen. Also ran.

Nebenbei habe ich mich, um kreativ zu bleiben, auf einen Umweg gemacht und entwickelte den Entwurf zu einem bisher fehlenden letzten Kapitel zum „Kreuzverkehr“, wie die liebe Hedwig mir so freundlich klargemacht hat, der ich hier auch noch einmal für ihre Korrekturen danken will.

Lena merkt/befürchtet, dass ihre Beziehung zu Tobi wenig Zukunft hat. Im vierten Jahr schreibt er ihr, dass er im Sommer ein Praktikum macht und sie sich deshalb nicht sehen werden. Hieraus ein Auszug. Ein zweiter befasst sich mit Floris (Tobis Bruder, den Hotelerben) Leidenschaft für eine Urlaubsbekanntschaft und deren Einfluss auf Lenas Gedanken:

„Sicher waren ihre Berge auch schön ohne Tobi. Sicher war es auch lustig mit Franzi und Flori, aber wer würde ihr Herzklopfen spüren, ihren unsteten Geist beruhigen, die Gedanken stoppen, die sie niemandem sonst gestehen konnte? Wobei ihr schon aufgefallen war, dass Tobi sich keinesfalls ebenso vorbehaltlos öffnete. Irgendwie blieb er bei bestimmten sehr persönlichen Themen lieber in der Deckung. Gerade als befürchte er, sich schwach oder verletzbar zu machen. Er vertraute ihr einfach nicht so sehr wie sie ihm.

Nach einer gewissen Zeit, in der sie vor sich hin fluchte, begann sie gerade Verständnis, fast Mitleid mit Tobi zu entwickeln. Dies wurde jedoch jäh unterbrochen durch andere Gedanken. Nein, kein Mitleid, keine Gnade! Es ging jetzt nicht um ihn. Auch wollte sie keine Entschuldigungen finden. Sie litt – und er war schuld. Fertig. Überhaupt: War das nicht nur ein weiteres unerfreuliches Ereignis? Und wer zum Teufel hatte denn Mitleid mit ihr? Na ja, wer sollte das auch haben, sie schien ja immer lustig zu sein, über alles zu spotten. Selbst dran doof – irgendwie. Becky, die Einzige neben Tobi, die sie auch mal schwach erlebte, hielt die ganze Sache eh für albern. Viel zu früh, um sich an eine einzige Person zu binden und überhaupt nicht mehr zeitgemäß.

Vielleicht waren ja all ihre Tagträume nur ein Versuch gewesen. Ein Test, bei dem sich schließlich herausstellte, dass das Leben anderes für sie vorgesehen hatte. Womöglich diente das Ereignis als Warnung davor, die Eigenständigkeit jemals aufzugeben und Energien für ungelegte Eier zu verschwenden. Hatte Lena das nicht schon immer geahnt? Warum nur war jede Erkenntnis mit so viel Schmerz verbunden? Aber egal. Dann eben nicht!

Trotzig hatte Lena sich vorgenommen, ihre Ferien auch alleine in vollen Zügen zu genießen. Sie mochte Franzi gern und  den lustigen Flori ebenso. Es würde toll werden, es hatte toll zu werden! Und das wurde es auch – tagsüber. Doch an den Abenden überkam Lena diese seltsame Traurigkeit, die durch den ganzen Körper zog und ihr das Hirn verkrampfte. Sie wusste nicht mehr, wie sie darüber denken, es einordnen sollte. Die Gedanken widersprachen sich, kaum dass einer zu Ende gedacht war. Verloren saß sie im Heu, im Dunkel der Scheune und vermisste Tobi. Nein, sie war wütend auf ihn. Aber durfte sie das denn? Er war doch kein böser Mensch. Hatte doch ein Recht auf seine eigenen Wünsche und eine eigene Zukunft. Doch dass sie nicht der Mittelpunkt seiner Wünsche und Träume zu sein schien, fand sie einfach enttäuschend.

Franzi kam mit zu Ausflügen am See, Lena half beim Heumachen, manchmal auch beim Bedienen, an den Abenden waren Ballspiele angesagt. Im folgenden Jahr sollte Franzi zur Hotelfachschule gehen, dann würde sie auch nicht mehr oft zu Hause sein. Alles Schöne, ihre kleine geliebte Fluchtwelt, schien sich langsam aufzulösen.“

 

„Sabine war eins dieser Geschöpfe, die Lena gnadenlos beneidete. Um ihre Selbstsicherheit, Weltgewandtheit und auch ihr Alter. Hoch gewachsen mit kastanienbraunem leicht gelocktem Haar, das sie stets zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden hatte, sah sie jeden Tag aus, als sei sie einem Modemagazin entsprungen. Meist trug sie  pastellfarbene Shorts oder knöchellange enge Jeans, sowie verschiedene Blusen, die sie in der Taille verknotete. Dazu jeweils passende Halstücher, was gnadenlos schick aussah. Lena konnte Flori so gut verstehen. Wie viele dieser Tücher Sabine wohl besaß? Also auf jeden Fall 14. Denn zwei Wochen war sie geblieben.

Nun sollte sie am Freitag wieder anreisen und der kernige Flori, der sonst immer einen lockeren, oft auch harten Spruch auf Lager hatte, wandelte bald wie auf Wolken und verdrehte die Augen, wenn er von ihr sprach. Und er sprach fast nur von ihr. Wenn er sich nicht gerade darüber ausließ, dass sein Bruder ein Esel sei, wenn er Lena hier alleine ließ. Sie waren förmlich vom ersten Moment an aufeinander geflogen, Flori und Sabine, seit sie sich das erste Mal in die Augen geblickt hatten. Da war sofort so eine elektrische Spannung, ein Knistern in der Luft. Lena hatte das als sehr aufregend empfunden. So elektrisiert wollte sie auch mal sein, irgendwann. Es war in ihr, brodelte schon, das spürte sie genau. Und es lag vor ihr, gar nicht mehr so weit entfernt. Aber so lang sie noch keine solche Leidenschaft verspürte, würde sie sich keinesfalls rein experimentell auf sexuelle Erfahrungen einlassen, um mitreden zu können. Lena wollte alles zusammen in voller Intensität, dann würde sie keinen Augenblick zögern.“

 

 

 

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