Gesundheit als Religion?

In einer Zeitung las ich, dass Gesundheit heutzutage nicht mehr als reine Abwesenheit von Krankheit bewertet wird. Könnte einem ja eigentlich schnuppe sein. Die Auswirkungen jedoch, die ich selbst auch zunehmend beobachte, sind es mir nicht.

Verallgemeinerte Normen zu BMI, Fremdverordnung der wöchentlichen Sportdosis, maßlose Verteufelung von Genussmitteln, extreme Zunahme alles versprechender Nahrungsergänzungsmittel. Selbstoptimierung wird zum Diktat und damit gleichzeitig impliziert, mit dem richtigen Verhalten sei ein immerwährend optimal funktionierender und der Norm genügender Körper möglich.

Die Verantwortung für das Auftreten körperlicher und auch mentaler Unzulänglichkeiten wird dem Einzelnen zugeschrieben. Also muss jeder, dem solches geschieht, mit Schuldzuweisung und missionarischen Ansprachen rechnen – das kann ich ja gerade leiden!  Man muss schließlich „gesündigt“ haben, wenn die Maschine nicht optimal läuft. Man wird misstrauisch beäugt.  Die „Strafe“ folgt auf dem Fuße. Das mag erträglich sein für den, der nur mal eine Erkältung oder Rückenschmerzen hat. Furchtbar fühlt es sich an für Zigtausende allein in D., die an chronischen Erkrankungen leiden. Die Aussagen nehmen zu, diese müssten nur das Richtige essen und ihre psychische Disposition verändern, um gesund zu sein.

Es gipfelt gerade in  geplanten Verhaltens-Vorschriften  für all jene, die irgendwann einmal Kinder haben wollen.  Also nicht mehr nur die durchaus sinnvollen Maßnahmen, die vorgeburtlich angeraten werden, nun auch noch durchgehende Selbstbeschränkung und Selbstkontrolle vor einer eventuellen Zeugung. Aha!

Um Missverständnissen vorzubeugen, ich mache viel Sport – das ist für mich auch Genuss -, will den mir geschenkten weitgehend gesunden und muskulösen Körper nicht verfallen lassen. Bin dankbar, dass ich weitgehend körperlich stark bin und selbstbestimmt mein Leben führen kann. Aber ich tue das für mich, weil ich es will und akzeptiere jede andere Einstellung. Aber ich konsumiere auch Genussmittel, genieße sie. Ich rauche gelegentlich, trinke in Maßen z. B. Wein und Martini, verabscheue weder Zucker noch Fette und muss so gut wie nie zum Arzt. Ich höre auf meinen eigenen Köper und fahre gut damit, verursache kaum Kosten für die Gesellschaft.

Von dieser Entwicklung profitieren neben den Pharma-Konzernen die Versicherungen, die so eine Legitimation erhalten, Prämien zu erhöhen und Leistungen zu verweigern.

Es entbehrt für mich nicht einer gewissen Komik, dass die so optimal Optimierten häufig süchtig sind nach verletzungsintensiven Extrem-Sportarten, bei denen von komplizierten Brüchen über Querschnittslähmungen bis zum Tod alles eintreten kann und oft auch eintritt.

 

5 Gedanken zu “Gesundheit als Religion?

  1. Oh man auch ich habe von dieser Entwicklung mitbekommen und finde es schrecklich, wie einige Menschen mal wieder nur Profit darin sehen anderen Menschen ihre eigene Gesundheit zu verkaufen. Ich kann es garnicht leiden wenn bei Menschen Angst geschürt wird nur um Profit rauszuschlagen.

    Gefällt 1 Person

  2. Hat dies auf Come Together rebloggt und kommentierte:
    Ein Artikel der mir in vielerlei Hinsicht aus der Seele spricht. Eine Gesellschaft die den Verlust von Gesundheit als Versagen definiert fördert die Ausgrenzung und Stigmatisierung der von Krankheit Betroffenen. Wir müssen lernen uns den Ängsten zu stellen, mit denen die Themen „Krankheit, Sterben und Tod “ besetzt sind, damit sie nicht weiterhin mit Hilfe der beschriebenen „Gesundheitsreligion“ auf Kosten der Betroffenen abgewehrt werden müssen.

    Gefällt 1 Person

  3. Zum Grillen brauche ich ein Bier, natürlich nicht , um die Glut abzulöschen. Fisch will schwimmen, gerne in Weißwein oder Rosé, ein Gläschen Sekt kurbelt den Kreislauf an, ich esse, was mir schmeckt, das ist mal so und mal so. Ich verzichte auf die Krebsvorsorgetermine und suche regelmäßig meine Ärztin auf, da mir meine Schilddrüse wegen eines Krebsverdachtes vor vielen Jahren entfernt wurde, so dass ich auf Schilddrüsenhormone angewiesen bin.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s