Alte Selbstvorwürfe

Immer mal wieder tauchen sie auf, die quälenden Zweifel. Meist, wenn ich an die lange Leidenszeit und den Tod unserer Tochter denke. Allen Gegenreden und Gegengedanken zum Trotz.

Habe ich erst durch die Adoption diese Qualen, diese Verzweiflung, die neuneinhalb von ihren zwanzig Lebensjahren bestimmten, möglich werden lassen? Musste sie büßen, weil ich unbedingt mehr Kinder wollte? Was habe ich ihr und damit auch den Geschwistern angetan?

Wiegen die ersten glücklichen Jahre das spätere Leid auf? Sicher nicht.

Ich habe nicht leichtfertig gehandelt. Alles war gut überlegt. Keine Adoptionsagentur, sondern direkter Kontakt zu den Botschaften. Die Bereitschaft, lieber länger zu warten. Selber hingeflogen, drei Wochen dort verbracht, die erste Adoption in Sri Lanka durchgezogen. Extra Mädchen und gleich zwei, damit sie sich nicht so anders und fehl am Platz fühlen. Allen Geschwistern die Kultur des Herkunftslandes der Schwestern vermittelt. Ihre Besonderheiten geachtet und gefördert, sie aufrichtig geliebt vom ersten Moment an. Sie angesehen als ein Geschenk, das mir anvertraut wurde. Das ist der Punkt. Sie wurde mir anvertraut und ich habe sie nicht beschützen können.

So viel und gut gedacht, aber nicht gut gemacht. Und das ist letzten Endes immer mein Maßstab. Weil das so ist, werde ich mich diesen Fragen noch öfter in allen Aspekten stellen müssen.

 

 

6 Gedanken zu “Alte Selbstvorwürfe

  1. Du hast in bester Absicht und, wie es sich liest, sehr bedacht und liebevoll gehandelt. Es gibt Seelen, die sollen nicht bleiben. Sie kommen, schauen, und gehen wieder, sehr früh manchmal. Das ist frei von Schuld …

    Zwei Dinge, die ich über Gott gelernt habe:
    – Es gibt ihn.
    – Ich bin es nicht.

    (Neulich im Meeting…)

    Sei herzlich gegrüßt.

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    1. das ist es genau, was mich bisweilen umtreibt. Habe ich mich/meine Möglichkeiten überschätzt und dadurch Leid und Elend verlängert? Dass Nele früh gehen sollte, ist mir bewusst. Hätte ich sie nicht zu mir geholt, wäre ihr so langes Leiden erspart geblieben.
      Natürlich kann ich daran nichts mehr ändern, aber selbstkritisches Hinterfragen ist mir für weniger falsche Entscheidungen in der Zukunft wichtig.

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  2. Liebe Caro, ich denke jede Mutter stellt sich immer wieder mal die Frage, ob sie alles richtig gemacht hat.Ich auch. Irgendwann einmal habe ich für mich entschieden, dass ich alles nach bestem Wissen und Gewissen gemacht habe. Zum Glück ist mir solch unendliches Leid, wie es Deine Familie ertragen musste, erspart geblieben. Ich ziehe immer wieder den Hut vor Dir! Meine Rezension zu Deinem Nele- Buch steht noch immer aus, aber ich kann es nur jedem empfehlen. Nur soviel, ich habe geweint und gelacht und war zum Schluss unendlich wütend auf die Götter in Weiß. Du hast bestimmt nichts falsch gemacht! Liebe Grüße Hedwig

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  3. Du hast sicherlich alles getan was du konntest.
    Manches übersteigt dann aber doch die Kräfte des Menschen.
    Du bist eine Löwenmama, das weißt du auch.
    Trotz alledem werden die Selbstvorwürfe bleiben, weil man denkt nicht alles ausgeschöpft zu haben.
    Es ist wie es ist, damit muss man leben lernen.

    Gefällt 2 Personen

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