Taifun

 

Taifun hat aufmerksam zugehört. Ab und zu wurden seine Augen zu schmalen Schlitzen, sah nicht gerade nach Zustimmung aus. Sicher habe ich ihn nicht so schnell überzeugen können. Aber langsam reicht ja auch. Ich bemerke aber bei mir den harten Willen, es zu schaffen. Interessant, ich habe diese Worte auch zu mir gesprochen. Das fällt mir jetzt erst auf. Schon spannend, wie das Gehirn so funktioniert, uns auf Umwegen Dinge klarer sehen lässt. Nach einer kleinen Pause fängt Taifun wieder an zu reden.

„Hey, das mit deinem Großvater tut mir leid. Auch dass deine Eltern dich nich verstehn. Meine verstehn mich auch net. Sie wollen immer nur, dass ich friedlich bin, mich anpasse und es zu was bringe. Aber das hat bei denen ja auch nich geklappt. Mein Vater is arbeitslos, der sitzt nur rum. Der hat überhaupt kein Saft mehr. Das nervt mich total. Meine Mutter geht putzen bei fremden Leuten. Dann arbeitet sie zu Hause weiter. Oft streiten sie sich, fast immer wegen mir. Ich hab schon meim Vater gehorcht, aber ich hab ihn verachtet für seine Schwäche.

Alles so depri, da hast du doch auch kein Bock mehr. Wofür lernen, wenn du dann doch keine gute Arbeit kriegst, deine Frau weint und die Kinder sich für dich schämen? Was für`n Leben! Meistens bin ich draußen, weil ich das nich mehr sehn will. Bei meinen Kumpels bin ich wenigstens wer. Die akzeptiern mich wie ich bin. Klar machen wir viel Scheiß, aber wir tun wenigstens was. Is ja sonst wie tot.

Mein Großvater wohnt auch hier. Einmal war ich bei ihm und hab gesagt, dass es mich fertig macht, wie mein Vater so schwach ist und dass ich ihn verachte. Da is mein Großvater ganz ernst geworden und hat gesagt, das darf nich sein und ich bin ungerecht. Ich muss mein Vater respektieren – weiß ich ja auch – und soll ihn unterstützen.

Dann hat er mir zum ersten Mal seine Geschichte erzählt, wie er nach Deutschland gekomm is und so. Wisst ihr, er war mal ein stolzer Mann bei sich zu Hause, so ne Art Richter. Das ganze Dorf hat nach seim Rat gefragt. Obwohl er nie ne Schule besucht hat. Er war richtig was wert. Alle warn arm, aber zufrieden. Richtig schlimme Sachen sind dort nie passiert, höchstens mal Streit in Familiensachen oder wegen Ackergrenzen und so. Eigentlich wollte er nie sein Land verlassen.

Ein paar Jahre gab`s dann schlechte Ernten und die jungen Männer ham gehört, dass man in Deutschland gut Geld verdienen kann. Deshalb wollten die weggehen, mein Vater war auch dabei. Meine Eltern hatten gerad geheiratet und meine älteste Schwester war unterwegs. Deshalb wollte mein Vater seine Frau nachholen, wenn er ne Wohnung hätte. Viele der andern Männer gingen allein, aber alle wollten irgendwann wieder zurück.

Und weil mein Großvater keine Frau mehr hatte und seim Sohn helfen wollte, schnell genug Geld für die Rückkehr zu verdienen, is er mit. Hier war er Hilfsarbeiter, verstand die Sprache net, wurde angeschrien, wurde total unsicher und fühlte sich nix wert. Aber mein Vater fühlte sich ganz wohl, hat ein Sprachkurs gemacht, verdiente gutes Geld und passte sich an, um möglichst wenig aufzufalln. Im Werk hatte er auch gute Kumpels. Die kamen aber nie zu uns nach Hause.

Zuerst haben sie viel gespart und angefang, im Urlaub das alte Haus in der Türkei schön zu machen. Jede Menge Geld ham sie an die Verwandten geschickt und im Sommer  Geräte und Maschinen als Geschenk hingebracht. Ein Jahr war mein Vater arbeitslos, weil sein Betrieb dichtgemacht hat. Das war echt schrecklich! Ich erinner mich, war noch klein. Die hatten schon Angst, sie müssten zurück, obwohl sie noch nich genug Geld hatten, schon drei Kinder da warn und das Haus noch net mal halb fertig war. Außerdem gab`s keine Arbeit da.

Dann hat er hier neue Arbeit gehabt, da war`s wieder besser. Er wollte gern, dass wir studiern, das wäre sicher, hat er gesagt. Wir sollten auch nich zum Türkischunterricht, das wär nich gut für Deutsch, hätten die Lehrer gesagt. Das fand mein Großvater net gut. Wir würden unsere Wurzeln verliern und verraten, meinte er. Brutale Diskussionen damals – viel Geschrei.

Vor vier Jahren hat mein Vater ein Arbeitsunfall gehabt. Erst lange krank geschrieben, dann arbeitslos. War ja gar net seine Schuld. Konnte auch nich mehr am Haus arbeiten. Ich soll jetzt Schule weitermachen, richtig türkisch lernen und zu Hause ein Job suchen – Türkei hat jetzt gute Wirtschaft und viele Arbeitsplätze. Das sagt mir mein Großvater. Aber ich kenn das alles nur von den Ferien und auf so Dorf hab ich auch net wirklich Lust. Da sagt er noch, ich muss in die Stadt gehen, unser Dorf können wir vergessen für immer. Er hat keine Hoffnung mehr, die Heimat noch mal zu sehn. Aber ich bring ihm hin. Hab ich versprochen. Wir haben geweint zusammen.

Als er fertig war, hab ich gedacht, was mach ich hier eigentlich noch? Muss ich net zurück gehn? Richtig türkisch kann ich wirklich nich mehr, das ändert sich jetzt! Alles ändert sich jetzt. Wir ham auch unseren Stolz! Und wenn nix klappt, dann lass ich mir trotzdem  gar nix mehr gefallen!“

Taifun hat Tränen in den Augen. Wir anderen sitzen alle still und betroffen. Was soll man dazu auch sagen in diesem Moment? Seine Geschichte hat uns richtig mitgerissen, sehr nachdenklich gemacht. Ja, die zweite, manchmal auch dritte Generation. Es wird ja so viel darüber geredet, dass die so viel brutaler sind als ihre Eltern es waren. Keiner versteht warum – ich bisher auch nicht. Jetzt begreife ich es schon. Vieles überspringt eine Generation, vielleicht auch das Bedürfnis nach Wiedergutmachung oder Rache.

Die Großeltern fühlten sich ewig fremd und einsam, angefeindet, nicht anerkannt und litten  unter gewaltigem Heimweh. Sie wollten nicht in der Fremde sterben und so bald als möglich wieder nach Hause zurück. Verwirrt, manchmal auch bestürzt über die Lebensweise, die sie weder verstanden noch guthießen und oft geschmäht für die Ausübung ihrer Religion und ihre andersartige Kleidung, zogen sie sich ganz auf sich selbst zurück. Um sich in der Fremde ein wenig Heimat zu erschaffen und auch um ihre Kinder nach ihrem Verständnis zu beschützen, hielten sie eisern fest an ihrer Kultur. Es war ein Leben in Traurigkeit und voller Sehnsucht.

Die Eltern wollten und sollten es zu etwas bringen, arbeiteten schwer und bemühten sich um Anpassung und Anerkennung und schluckten dafür sicher mehr Demütigungen als für die Seele gut ist. Nur selten kam es zu Annäherungen, zu tief saßen die Vorurteile. Dabei kann man Vorurteile am besten durch Kontakte vernichten. Sie wollten keinen Ärger, so begehrten sie nicht auf. Ihre Kinder sollten eine gute Schulbildung erhalten. Sie sollten es einmal besser haben. Das wünschen sich ja alle Eltern für ihre Kinder. Viele bauten kleinere und auch große Geschäfte auf, die würden sie nicht so leicht wieder aufgeben. So wurde für sie eine Heimkehr immer unwahrscheinlicher. Außerdem hatten sie sich an viele Annehmlichkeiten auch gewöhnt. Das Heimweh blieb, das konnte ein Sommerurlaub nicht heilen. Auch sie konnten sich ein kleines Stück Heimat nur über Rituale und das Festhalten an heimischen Regeln erhalten.

Die Mädchen waren eher still und fügsam, schluckten dumme Bemerkungen hinunter, ergaben sich in die Situation oder entwickelten einen enormen Ehrgeiz. Bei den Jungen war das schon schwieriger. Sie wehrten sich heftig, oft total übertrieben, verweigerten die Schule, spätestens nach der Grundschule. Das habe ich oft erlebt. Aber wenn sie nicht nur für sich handeln, sondern stellvertretend für ihre Eltern und Großeltern, dann haben wir schon Zorn multipliziert mit 3. Dann ist die Steigerung der Gewalt wohl daraus zwangsläufig entstanden.

Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, während wir zusammen grillen, essen, rauchen, trinken. Sicher habe ich etwas verpasst. Aber egal! Durch das Nachvollziehen der Entwicklung ist mir Vieles klarer geworden. Für mich heißt das, wenn man an einem Punkt dieser Reihenfolge für eine positive Veränderung sorgen würde, dann könnte man dadurch auch das Ergebnis erfolgreich zum Besseren verändern. Aber der erste Schritt ist das Verständnis für die Prozesse und dass diese auch durch unser Verhalten entstanden sind. Dazu ist es allerdings nötig, sich das gesamte System erst einmal ohne jede Bewertung anzusehen. Das fällt nach meinen Beobachtungen den meisten Menschen sehr schwer.

 

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