Nächster Schritt – nächste Station

Ich hatte zwischendurch schon Sorge, die Stimmung könne kippen. Es lag so viel Aggression in der Luft. Aber nun waren alle wieder locker und alberten herum. Dazu beigetragen hat sicher auch unser Wettschwimmen, das wir nach dem Essen spontan veranstalten. Eine Weile sitzen wir später noch im Gras und beobachten einen absolut kitschigen aber versöhnlichen Sonnenuntergang. In diesem Moment wirken sämtliche Gesichter ganz weich und zart. Erstaunlich! Wer würde wohl zugeben, welche Gefühle das Bild hochspült? Niemand spricht, jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach, bis – ja bis mitreißende Trommeln  die Stille zerreißen. Jemand hat die Musik wieder eingeschaltet.

Als Nebel aufzieht und es zunehmend kühler wird, versammeln wir uns im „Mannschaftszelt“. Die Party geht weiter, genauso wie in den vergangenen Tagen. Später am Abend erscheint plötzlich Karims ältere Schwester Tasmin. Sie wurde geschickt, ihn abzuholen. Er hat sich noch gar nicht zu Hause gemeldet nach seiner Rückkehr. Die Eltern warten schon seit Stunden. Tasmin weiß meistens, wo er zu finden ist. Ein paar Vorwürfe muss er sich anhören. Sein schlechtes Gewissen versucht er zu verbergen, indem er die Lippen zusammen kneift und die Schwester zornig anblitzt. Sie bleibt davon völlig ungerührt, setzt sich zu uns und wartet ab, damit er Zeit hat, von „Ich lass mir nix mehr vorschreiben!“ zu „O.K., ich komme jetzt.“ umzuschwenken. Die beiden sind sich sehr vertraut, kennen sich genau. Da braucht es nicht viele Worte. Unwillkürlich muss ich lachen. Es ist wie in der Grundschule.

Ich erinnere mich noch gut, wie sie ihn in der ersten Klasse immer zur Schule brachte und mittags abholte. An jedem Morgen ein halbes Drama. Er klammerte sich an sie, weinte und wollte ums Verplatzen nicht alleine durch die Tür gehen. Manchmal, wenn er sich gar nicht beruhigen ließ, begleitete sie ihn dann noch bis zur Klassentür. Es schien ihm völlig gleichgültig, ob die anderen ihn auslachten. Aber dann ging er zu seinem Platz, feuerte den Ranzen auf den Boden, stütze den Kopf auf die Arme und sah genauso aus wie jetzt, finster und nicht ansprechbar. Mir tat er leid, ich mochte ihn gerne. In den Pausen war er so witzig und sagte kluge Sachen. Es dauerte lange, bis er das auch im Unterricht tat. Er sollte erst nicht aufs Gymnasium, weil seine Mutter kaum deutsch sprach. Die Lehrer hatten deshalb Bedenken. Das weiß ich, weil ich ein Gespräch belauscht habe. Ich empfand dieses Gerede als gemein und ungerecht.

So oder ähnlich geht es Tag auf Tag, Abend für Abend. Ich habe wirklich vollkommen aufgehört, mich mit schweren Gedanken herumzuschlagen und mich in diesem Leben eingerichtet. Musik, Alkohol, Pillen, Gras und anderes Zeug haben meinen Schmerz vollkommen betäubt. Selbst wenn ich manchmal davon erzähle ist es, als hätte ich selbst damit gar nichts zu tun, als würde ich von einem anderen Mädchen berichten. Nichts belastet mich, nichts interessiert mich wirklich. Ein dumpfes Dasein ohne Impulse. Mein Zustand ist mir bewusst, was mich allerdings keine Sekunde lang belastet. Genau so wollte ich es haben.

Dann kommt ein Morgen, an dem ich sehr früh aufwache, weil es schon in der Nacht sehr heiß und schwül war. Ich habe das Bedürfnis, sofort ins hoffentlich kühle Wasser des Sees zu springen. Am Rand des Ufers schwimmen Schwäne und Enten. Ich sehe sie an und fühle – nichts. Absolute Leere. Komisch! Dann kniee ich mich hin, um mir etwas Wasser ins Gesicht zu schütten. Der See liegt ganz ruhig, totale Windstille. Es riecht stark nach Fisch und Muscheln. Mein Kopf spiegelt sich im Wasser. Man hätte mir genauso gut gegen den Kopf schlagen können. Das wäre auch kaum schockierender gewesen.

Ich blicke in ein müdes Gesicht mit dunklen Rändern unter den kleinen Augen und roten Flecken, die Haare gleichen einem Mob – einem alten Mob. Wow, das soll ich sein? Ja das bin ich, da hilft kein Leugnen. Und ganz plötzlich wird mir klar: jetzt haben sie dich so weit wie sie dich haben wollten. Du bestätigst hier und jetzt gerade sämtliche Vorurteile der Erwachsenenwelt. Das war nicht das, was ich wollte. Ich wollte vergessen – das hat funktioniert. Dann wollte ich nicht mehr nachdenken – hat auch funktioniert. Wollte eine unbeschwerte Zeit haben – hatte ich. Neue Freunde gefunden habe ich auch. Sie sind wirklich alle voll in Ordnung. Es war mir auch unendlich wichtig, wieder Kraft für neue Aufgaben zu tanken – hat vielleicht funktioniert.

Für diese Aufgaben muss ich in der Lage sein, scharf zu denken, zu analysieren und klare Entscheidungen zu treffen. Diese Fähigkeit will ich nicht auf Dauer verlieren. Die Erfahrung der letzten Wochen war für mich heilsam und notwendig. Aber nun ist es genug. Ich werde ab jetzt viel schwimmen, mich anständig ernähren und mich vor allen Dingen bei jeder Art von Rauschmittel zurückhalten. Das ist beschlossene Sache. Man wird mich verstehen.

Als nächstes rufe ich Ariane an und frage, ob die Wohnung noch zur Diskussion steht. Glück gehabt, es gibt keinen anderen Interessenten. Dann mache ich das jetzt klar. In einer Woche kann ich sie übernehmen. Ich fühle mich großartig, übermorgen wird mich Ariane hier besuchen. Sie wird ein paar Tage bleiben und dann mit mir zu Christophs Wohnung nach Konstanz fahren. Voller Vorfreude stürze ich mich in den See und schwimme bis zur Erschöpfung. Anschließend liege ich auf der Wiese und blicke erwartungsvoll in den tiefblauen Himmel. Von dort kommt aber nichts. Habe es auch nicht wirklich erwartet. Es ist so herrlich hier, das kann ich auch ohne Unmengen von Stoff genießen. Ein paar Schlückchen Alkohol gehen schon noch.

Der Abschiedsabend auf dem Zeltplatz artet noch einmal richtig aus. Wir sind alle sehr traurig, als sich am nächsten Mittag unsere Wege trennen. Die Zeit hier, die Musik und vor allem meine Leute haben mir wirklich sehr geholfen, durch den dunkelsten Abschnitt meines bisherigen Lebens zu kommen. Aber nun geht es zu neuen Ufern, keine Zeit mehr für Sentimentalitäten.

 

 

 

 

 

 

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