Tasmin

Tasmin studiert Jura. Sie hat das Abitur mit einem genialen Durchschnitt gemacht, obwohl sie auf dem Weg dahin zweimal wiederholen musste. Ich frage sie, wie sie es geschafft hat, trotzdem so konsequent weiter zu machen und dann noch mit so einem Ergebnis.

„Ach weißt du, ich hatte dieses Ziel vor Augen und wollte es unbedingt allen zeigen. Das haben mir doch die wenigsten zugetraut, dass ich durchhalte. Zwischendurch hätte ich beinahe manchmal aufgegeben. Aber dann kam so eine Wut, ich wollte nicht mein Leben lang schlucken. Eines Tages wollte ich auf die herunter blicken, die es mir so schwer gemacht haben. Es ist mir wohl gelungen, die Energie meines Zorns in Leistung umzuwandeln.“

„Aber du warst doch eine gute Schülerin. Was genau hat dich denn zwischendurch so ausgebremst?“

„Am schlimmsten ist diese unterschwellige, ständige Abwertung und auch Ablehnung, die dich plötzlich trifft. Als kleines Mädchen findet man dich süß, du bist fleißig und unauffällig, die Lehrer mögen dich. Dann kommst du aufs Gymnasium und dir schlägt sofort ein anderer Wind entgegen. Plötzlich bist du Konkurrenz, die unerwünscht ist. Um dich zu halten, musst du doppelt so hart arbeiten wie die anderen. Jeder Fehler wird gnadenlos negativ bewertet. So habe ich es jedenfalls empfunden.

Es gab immer wiederkehrende Auffälligkeiten. Zum Beispiel bei mündlichen Beiträgen. Wenn andere mal etwas Falsches sagten, dann wurden sie nachsichtig und freundlich aufgeklärt. Passierte das bei mir, dann wurden die Augenbrauen hoch gezogen und der Kopf geschüttelt, mal missmutig, mal mitleidig, und ein anderer Schüler wurde aufgerufen. Wenn ich Fragen stellte, wurde oft geantwortet, das müsse ich aber langsam wissen oder das könne ich selber nachlesen. Am übelsten fand ich solche Bemerkungen wie: „Das ist für dich natürlich schwerer zu verstehen. Du kommst ja aus einem anderen Kulturkreis.“ Es war vielleicht nicht immer so negativ gemeint, wie ich es verstanden habe und auch haben nicht alle Lehrer so reagiert, aber es war die Mehrheit. Außerdem, als armes, unwissendes Ausländerkind gehandelt zu werden, stärkt auch nicht gerade das Selbstwertgefühl.

Ich habe das jedenfalls als heftige Ausgrenzung und Herabsetzung empfunden, fühlte mich oft minderwertig. Meine Reaktion war, dass ich mich immer seltener meldete. Du weißt ja, welchen Stellenwert die mündliche Mitarbeit bei der Notengebung hat. Meine Noten entsprachen bald nicht mehr dem Durchschnitt der schriftlichen Arbeiten, sondern waren schlechter. Daraufhin fing ich an, Leistung zu verweigern. Aber auf Dauer habe ich mir gedacht, ich will denen auf keinen Fall Recht geben. Den Rest kennst du ja.

Du, ich sage dir, das Gefühl, mit dem Abschlusszeugnis in der Hand triumphieren zu können und dir bewiesen zu haben, dass die Anstrengung zum Erfolg führt, ist mit nichts aufzuwiegen. Ich habe das Negative jetzt zwar längst hinter mir gelassen, aber ich frage mich, ob es einem wirklich so schwer gemacht werden muss und wie viele noch solche schmerzlichen und auch traurigen Erfahrungen machen müssen. Und den angesprochenen Lehrern verzeihe ich auch nicht. Sie müssen wissen, was sie mit ihrem Verhalten anrichten. Für die Kinder macht es auch keinen Unterschied, ob das nur unbewusst geschieht. Ich erwarte von ausgebildeten Pädagogen, dass sie ihre Haltung hinterfragen, verändern und ihr Auftreten kontrollieren können.“

„Ja, das finde ich auch. Aber es wird sich nichts ändern, so lange der Mangel nicht öffentlich zugegeben bzw. keine Korrektur von offizieller Seite gefordert wird. Oder bis sich das gesellschaftliche Bewusstsein verändert, was ein noch langsamerer Prozess ist. Bei mir waren es übrigens eher zu viele und zu lange mündliche Beiträge, die einige meiner Lehrpersonen  veranlasst haben, mich vor der ganzen Klasse bloßzustellen. Aufgeben will ich auch nicht, aber innerhalb des Systems schließe ich jede Chance für mich aus. Wohin genau es gehen soll, muss ich erst noch herausfinden.“

 

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