Der letzte Tropfen

Sophies Abgang

Extrem schockiert las ich mir die Kommentare mehrmals durch. Dabei konnte ich diese genauso wenig nachvollziehen wie die Lehrerin offensichtlich meine Argumentation. Zum wiederholten Male fühlte ich mich wie von einem anderen Stern abstammend. Sehr bezeichnend – vom anderen Stern! Das passte zu der gehäuften Anmerkung des Wortes „irrelevant“, bei dem ich unwillkürlich an die „Borg“ denken musste, ein Volk mit rein kollektivem Bewusstsein aus den Star-Trek-Filmen – der Name stammt übrigens von einem kastrierten Eber.

Nachdem ich alles durchdacht und meine Argumente überprüft hatte, meldete ich mich zur Abschlussdiskussion:

„Also ich finde die Benotung ungerecht. Wenn es um die Fähigkeit geht, einen Text oder eine These anschaulich, verständlich, grammatikalisch und sprachlich richtig vorzutragen und darum, ob Gliederung und Argumentation logisch aufgebaut sind, dann habe ich eine bessere Note verdient. Außerdem habe ich sehr wohl, wie vorgeschrieben, auf die Sekundärliteratur Bezug genommen, indem ich diese in Punkten nachvollziehbar kritisiere und widerlege.“

„Erstens wissen sie, Sophie, dass es so nicht gemeint war. Sie haben mal wieder eine eigene Definition erstellt. Deshalb schlage ich vor, sie gehen in sich und denken über meine Beanstandungen nach, anstatt selber ständig an Allem herum zu kritisieren. Sie müssen sich an die allgemein gültigen Regeln halten. Wir verlieren hier langsam die Geduld mit ihnen. Wenn sie nicht langsam lernen, sich anzupassen und die Anforderungen so zu erfüllen, wie wir das vorgesehen haben, dann werden sie es nie zu etwas bringen!“

Die Stimme meiner Lehrerin war im Laufe der Rede immer höher geworden. Das also war meine Antwort. Irgendwo hatte ich das Alles schon mal gehört. Ach ja, der Direktor hatte es zu mir gesagt, als ich das letzte Mal bei ihm antreten durfte. Er hatte dann noch spöttisch hinzugefügt, dass mir ansonsten wohl nur noch die Möglichkeit bliebe, einen erfolgreichen Mann zu heiraten, um Karriere zu machen. Er fand das wohl witzig – ich nicht. Das war einfach nur Frauen verachtend. So ein armseliger Wicht mit seinem vorsintflutlichen Gedankengut.

Minutenlang saß ich an meinem Platz und scharrte mit den Füßen. Etwas musste ich jetzt tun. Sollte ich mir in der nächsten Stunde nun auch noch anhören, wie mein Englischaufsatz über D. H. Lawrence zerrissen wurde, bei dem ich eigentlich auch ein gutes Gefühl gehabt hatte? Ich hatte mich lange mit ihm beschäftigt und war zu dem Schluss gekommen, dass er kein Faschist war, was ich detailliert belegen konnte. Aber auch das stand im Gegensatz zu den meisten “Experten“! Nein, das würde ich sicher nicht tun. Es reichte jetzt! Endgültig!

Meine Note für die Beurteilung der 68er – Generation in Geschichte interessierte mich nun auch nicht mehr. Keiner hier hatte Interesse an meinen wahren und echten Gedanken. Und ich kann nur so denken, wie ich es eben tue. Ich würde mein Gehirn nicht kapern und umformen lassen.

Sicher hätte ich mein Abitur auch mit einem Notendurchschnitt von 3,5 machen können. Aber das war ungerecht und entsprach weder meinem Können noch meinen Leistungen. Mit solch einem Zeugnis brauchte ich doch nirgends vorzusprechen. Ich hatte weitaus bessere Noten verdient, verlangte mein Recht. Aber das bekam ich hier nicht. Mein Zorn über die fortgesetzte Benachteiligung war grenzenlos.

Das machte einfach keinen Sinn mehr. Ich stand auf und packte langsam zusammen. Etwas irritiert fragte die Deutschfrau, die nun nicht mehr meine Lehrerin war, was ich vorhabe. Während ich meinen Rucksack schnappte und mich der Klassentür zu bewegte, drehte ich mich noch einmal um und sagte so ruhig wie es mir in diesem einschneidenden Moment möglich war:

„Ich gehe jetzt. Meine Sprache ist zu kompliziert für die Anderen, meine Genauigkeit zu anstrengend. Dann leckt mich doch! Das war hoffentlich knapp und unkompliziert genug.“

Alle starrten mich an, es war völlig still. Beim Hinausgehen blickte ich der Lehrerin zum letzten Mal fest in die Augen und verabschiedete mich mit den Worten:

„Denken ist irrelevant! Sie werden assimiliert! Widerstand ist zwecklos!“

Danach verließ ich schnellstens das Schulgebäude. Innerlich völlig aufgelöst setzte ich mich auf eine Bank am Park. Als die anstrengende, erzwungene Selbstkontrolle langsam nachließ, begann ich zu zittern. Ein Lebensabschnitt war zu Ende gegangen, für einen neuen musste ich scharf nachdenken und war auf mich allein gestellt. Denn Eins war klar, meine Eltern durften erst einmal nichts davon erfahren.

Und wieder einmal hatte sich bewiesen, wie gewichtig jedes einzelne Wort sein konnte. Hätte ich nämlich nicht im allerletzten Moment “für immer“ runter geschluckt, dann hätte man bestimmt meine Eltern angerufen. Ich erschrak noch im Nachhinein bei diesem Gedanken, der mich plötzlich angesprungen hatte. So aber war es beim „Ich gehe jetzt.“ geblieben, wodurch offen war, ob ich am Montag zurückkommen würde, so dass man also von Lehrerseite gelassen bleiben durfte.

 

3 Gedanken zu “Der letzte Tropfen

  1. Der schmale Grat der gesellschaftlich akzeptierten „Relevanz“, fällt mir dazu ein. Wir sind ja scheinbar so offen, tolerant und grosszügig, aber Denkvorschriften sind auch nach 68 noch da. Nur hat man deren Inhalte etwas aufgehübscht.
    LG Franz

    Gefällt 1 Person

    1. Bis weit in die Achtziger gab es mal eine sehr offene Diskussions- und Streitkultur zwischen Lehrern und Schülern in den Gymnasien. Mein Ältester hat sehr davon profitiert, der Jüngste hingegen- 12 Jahre jünger – litt an annähernd den gleichen Einschränkungen des Denkens wie ich während meiner Schulzeit. Unserer beider Erfahrungen hab ich bei Sophie eingebracht.

      Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s